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Interview mit der Cern-Chefin

«Ein Teilchen zu entdecken ist sexy»

Vor zehn Jahren sorgt das Cern mit der Entdeckung des Higgs-Elementarteilchens weltweit für Aufregung. Direktorin Fabiola Gianotti erinnert sich. Und verrät, warum ihr Herz für Physik und Musik schlägt und was ihr viele Mädchen schreiben.

Fabiola Gianotti est la première femme directrice à la tête de l'Organisation européenne pour la recherche nucléaire au CERN à Genève-France. Juin 2022. © Nicolas Righetti / Lundi13

Die italienische Physikerin Fabiola Gianotti, 61, leitet seit 2016 das Cern in Meyrin bei Genf. Hier mit dem Modell eines Teilchendetektors des leistungsstärksten Teilchenbeschleunigers der Welt.

Nicolas Righetti

Gut zwei Jahre und fast 50 E-Mails nach der ersten Anfrage für ein Interview steht der Termin in Meyrin GE. Die lange Wartezeit hat zum einen mit der Pandemie zu tun, zum anderen auch damit, dass die Cern-Chefin Fabiola Gianotti unglaublich beschäftigt ist. Als Direktorin der Europäischen Organisation für Kernforschung ist sie zuständig für 17 000 Forschende und für ein Milliardenbudget, finanziert von 23 Ländern.

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Die langen Gänge im Gebäude aus den 60er- Jahren wirken etwas verstaubt, an manchen Wänden blättert der Putz. In der Chefetage im Hauptgebäude scheint der gemusterte Teppich schon etwas in die Jahre gekommen. Gianotti kommt auf die Minute pünktlich, stellt die alte Klimaanlage an und gibt zu verstehen: Los mit den Fragen!

Fabiola Gianotti, warum wollten Sie Physikerin werden?
Ich wurde regelrecht von der Physik angezogen. Als Kind hatte ich viele Fragen und wollte verstehen, wie Dinge funktionieren. Etwa warum die Natur so ist, wie sie eben ist. Teilchenphysik ist die elementarste aller Wissenschaften. Wir tauchen richtig tief in die Materie ein.

Was lieben Sie an Ihrem Job besonders?
Direktorin des Cern zu sein, ist ein Privileg und eine Ehre. Die Arbeit ist unglaublich abwechslungsreich. Das Cern ist wie eine kleine Stadt, und ich fühle mich manchmal wie die Bürgermeiste- rin. Menschen aus 110 Nationen forschen hier. Wir haben 600 Gebäude, eigene Hotels, eine Bank, eine Feuerwehr und eine Postfiliale. Wir erstrecken uns über zwei Länder, die Schweiz und Frankreich. Und es gibt hier jeden Tag ein neues Problem zu beheben. Aber Physiker mögen es, Probleme zu lösen, sonst wird uns schnell langweilig.

Was gefällt Ihnen nicht?
Zum Glück nicht viel. Ausserdem kann ich auf viele Mitarbeiter zählen, die mir immer zur Seite stehen. Aber klar, in jedem Job gibt es Routinen, die vielleicht mit der Zeit ihren Reiz verlieren.

Was sind die grössten Herausforderungen?
Momentan ist der Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider unser Aushängeschild und grösstes Projekt. Wir beschäftigen uns aber schon jetzt mit der Frage, was nachher kommt. Ausserdem kämpfen wir täglich mit den gleichen Herausforderungen wie alle anderen: Wir leiden unter den steigenden Preisen der Elektrizität, den höheren Kosten für Rohmaterial und den Problemen mit den Lieferketten.

Fabiola Gianotti est la première femme directrice à la tête de l'Organisation européenne pour la recherche nucléaire au CERN à Genève-France. Juin 2022. © Nicolas Righetti / Lundi13

Fabiola Gianotti kam in Rom zur Welt. Nach ihrem Studium in Mailand heuerte sie 1994 beim Cern in Genf an.

Nicolas Righetti

Vor zehn Jahren blickte die ganze Welt auf Fabiola Gianotti. In einem überfüllten Hörsaal und vor laufenden Kameras verkündete sie mit einem Kollegen die spektakulärste Entdeckung in der Elementarteilchenphysik der letzten Jahrzehnte: das lang gesuchte Higgs-Teilchen. Gefunden im stärksten Beschleuniger der Welt: dem Large Hadron Collider, kurz LHC. Ein kreisförmiger Tunnel mit 27 Kilometern Länge, vergraben 100 Meter unter der Erde, verbaut mit mehr Metall, als der Eiffelturm hat. Das Cern löste mit dieser Entdeckung eines der grössten physikalischen Rätsel. Denn das Higgs-Teilchen sorgt – indirekt – für eine Grundeigenschaft aller Dinge: die Masse.

Wie erlebten Sie den Moment vor zehn Jahren?
Es war sehr emotional. Der Bau des Beschleunigers und die Experimente dauerten 20 Jahre, Tausende Leute waren beteiligt. Die Wochen vor der Entdeckung waren sehr intensiv. Wir machten eine Milliarde Tests. Es ist nichts sexyer, als ein neues Teilchen zu entdecken. Und das war zudem ein sehr spezielles Teilchen (lacht).

Und am Abend gabs dann die grosse Party?
Ja klar, es war ein grosses Fest! Aber ich erinnere mich noch, dass ich am folgenden Morgen nach Australien zu einer Konferenz in Melbourne fliegen musste. Deshalb verliess ich die Party leider früher als die meisten Kollegen.

Teilchenforschung kostet Milliarden. Aber wie verbessert das Cern konkret unseren Alltag?
Was wir am Cern machen, ist nicht nur Forschung. Das World Wide Web wurde hier erfunden. Um unsere wissenschaftlichen Ziele zu erreichen, benötigen wir fortschrittliche Technologien in vielen Bereichen – viele existieren aber noch gar nicht, wenn wir sie brauchen. Deshalb entwickeln wir sie.

Zum Beispiel?
Die Beschleuniger, die für Krebsbehandlungen verwendet werden, mit Protonen- und Licht-Ionen- Strahlen. Die Technologie dahinter stammt vom Cern. Diese Technologien stellen wir der ganzen Gesellschaft umsonst zur Verfügung. Wenn eine Firma das Web entwickelt hätte statt das Cern, müsste man wohl für jeden Klick zahlen.

Fabiola Gianotti est la première femme directrice à la tête de l'Organisation européenne pour la recherche nucléaire au CERN à Genève-France. Juin 2022. © Nicolas Righetti / Lundi13

Die italienische Physikerin lebt seit Jahren in Genf. «Ich liebe die Schweiz, sie ist meine Heimat geworden.»

Nicolas Righetti

abiola Gianotti kommt 1960 in Rom zur Welt. Als sie sechs Jahre alt ist, ziehen ihre Eltern mit ihr und ihrem Bruder Claudio nach Mailand. Sie tanzt Ballett und spielt am Mailänder Konservatorium Piano. In ihren jungen Jahren schlägt sie eher nach ihrer sizilianischen Mutter, die Literatur und Musik studiert hat. Die Begeisterung für die Wissenschaft kommt von ihrem Vater, einem Geologen aus dem Piemont. «Ich habe quasi von beiden etwas mitbekommen», sagt Gianotti.

Nach ihrem Studium der experimentellen Teilchenphysik an der Universität Mailand kommt sie 1994 zum Cern. «Damals lebte ich hier im Hostel, habe mich abends nach dem Nachtessen auf dem Weg ins Zimmer ein paarmal in den Gängen verlaufen.» Nach über 25 Jahren würde ihr das nicht mehr passieren, denn heute ist das Cern schon fast ein Teil der Teilchenphysikerin geworden.

Erkennen Sie Parallelen zwischen der Musik und der Physik?
Ja, absolut. Beide Fächer basieren auf einem Prinzip von Schönheit und Symmetrie. Wenn man ein Stück spielt, ist Präzision absolut essenziell. Und genau so ist es, wenn man sich in die Physik vertieft. Musik und Physik stimulieren Neugierde und Kreativität. Beides ist das Resultat unserer Vorstellungskraft und unserer Fähigkeit, zu träumen.

Woraus besteht das Universum? Wie hat alles angefangen? Mit solchen Fragen beschäftigen Sie sich täglich. Haben Sie nie Angst vor den Antworten, die Sie finden könnten?
Nein, warum? Für mich gibt es nichts Wichtigeres, als jeden Tag etwas Neues zu lernen. Egal, was. Es ist ein gelungener Tag, wenn ich abends nach Hause gehe und sagen kann: Heute habe ich etwas gelernt.

Was haben Sie heute gelernt?
Ich habe auf die letzten zehn Jahren seit der Higgs-Entdeckung zurückgeschaut und auf den grossen Sprung, den wir seitdem in der Forschung gemacht haben. Diese Zahlen zu sehen, hat mich beeindruckt. Also für heute bin ich sehr glücklich.

2016 wurden Sie die erste Direktorin in der über 60-jährigen Geschichte des Cern. Damals waren 14 Prozent der Angestellten Frauen. Wie sieht es jetzt aus?
Wir sind bei ungefähr 20 Prozent. Und ja, wir arbeiten daran, dass diese Zahl weiter steigt. Auf meiner Managementstufe haben wir einen Frauenanteil von 40 Prozent. Das ist wichtig, denn die jungen Frauen sollen sehen, dass auch sie bedeutende Posten in der Wissenschaft übernehmen können.

Warum gibt es in den Naturwissenschaften weniger Frauen als Männer?
Zum Teil ist das historisch bedingt. Bis vor einem Jahrhundert durften Frauen nicht studieren. Hinzu kommen praktische Herausforderungen wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Am Cern haben wir zwar eine Kita, aber in vielen anderen Institutionen fehlt eine solche Infrastruktur. Und dann gibt es leider immer noch Vorurteile in der Gesellschaft. Ich bekomme viele Mails von jungen Mädchen deswegen.

Was schreiben Ihnen diese Mädchen?
Sie berichten mir von ihrer Leidenschaft für Physik. Sie fragen, wie sie Fuss fassen können auf diesem Gebiet. Aber sie erzählen manchmal eben auch, dass sie von den Lehrern oder den Eltern zu hören bekommen, dass dies nicht der beste Job für Mädchen sei. Zum Glück gibt es aber immer weniger solcher Vorurteile.

Was machen Sie gern in Ihrer Freizeit? Falls Sie überhaupt mal freihaben?
Manchmal habe ich tatsächlich frei (lacht). Ich verbringe gern Zeit mit der Familie und mit Freunden. Ich treibe Sport: Joggen und Fitness. Und ich spiele noch immer Piano. Ich habe leider nicht so viel Zeit dafür, wie ich gern hätte.

Nach 20 Minuten ist das Interview mit der Cern- Chefin beendet. Trotz bröckelndem Putz an den Wänden startet der Teilchenbeschleuniger LHC gerade in die nächste Runde. Das heisst, das Geld wird dort investiert, wo es wichtig ist: 100 Meter unter der Erde und in den Menschen, deren Herzen für die Physik schlagen – wie Fabiola Gianotti.

Von Silvana Degonda am 10. Juli 2022 - 11:45 Uhr
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