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50 Jahre Frauenstimmrecht

«Feminismus heisst, dass es keinen falschen Weg gibt, Frau zu sein»

Durch eine eidgenössische Abstimmung wurde 1971 in der Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt. 50 Frauen blicken für die Schweizer Illustrierte zurück – und wagen einen Blick in die Zukunft. Heute: LGBTQ-Aktivistin und Autorin Anna Rosenwasser.

Anna Rosenwasser, Co-Geschaeftsleiterin Lesbenorganisation Schweiz LOS, posiert beim Treffpunkt des Pro-Komitees "Ja zum Schutz vor Hass fuer Lesben, Schwule und Bisexuelle", am Sonntag, 9. Februar 2020, in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

«Tiere hassen nämlich keine Homos»: Autorin Rosenwasser.

Keystone
Anna Rosenwasser
Anna Rosenwasser

LGBTQ-Aktivistin

Vor zehn Jahren war ich unsterblich verliebt. Vielleicht, sagten er und ich damals, heiraten wir ja mal. Der Gedanke, ihn eines Tages zu heiraten, machte mich sehr, sehr glücklich.

Ich tippe diese Zeilen, während meine Partnerin mir gegenüber am Küchentisch sitzt. Ich sehe sie an und bin unsterblich verliebt. Die Vorstellung, sie mal heiraten zu können, macht mich sehr, sehr glücklich. Aber: Wir dürfen nicht. Weil wir zwei Frauen sind.

Wir leben in einem Land, in dem gleichgeschlechtlich Liebende weniger Rechte haben. Im September stimmen wir über die Ehe für alle ab. Bis dann muss ich mir Diskussionen darüber anhören, ob Homosexualität unnatürlich ist und ob Kinder von Regenbogenfamilien gesund aufwachsen können.

Erstens: Homosexuelles Verhalten kommt bei über 1500 Tierarten vor. Von «unnatürlich» kann nicht die Rede sein; eher ist Homofeindlichkeit unnatürlich, Tiere hassen nämlich keine Homos.

Anna Rosenwasser, LOS, Lesbenorganisation, LGBTIQ+
Lea Reutimann

Zur Person

Anna Rosenwasser, 31, arbeitete während vier Jahren und bis vor Kurzem bei der Lesbenorganisation Schweiz. Daheim in Schaffhausen gründete sie einen queeren Jugendtreff mit und war lange im Vorstand der LGBTQ-Organisation Milchjugend. Vergangenes Jahr hat Rosenwasser ein Buch über queeren Sex («Queer Sex – Whatever The Fuck You Want!») mitherausgegeben. Sie ist freischaffende Autorin und wohnt in Zürich.

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Zweitens: Die Familienforschung bestätigt schon lange, dass Kinder aus Regenbogenfamilien ebenso zufrieden (oder mittelzufrieden) aufwachsen wie Kinder von Heteropaaren. Aber warum diskutieren wir überhaupt darüber? Ich würde doch niemals einem Frau-Mann-Paar das Kindermachen verbieten, wenn ich es für schlechte Eltern halte oder weil es medizinischen Fortschritt in Anspruch nimmt, um eine Familie zu gründen.

Die meisten von uns wachsen mit klaren Vorstellungen auf, was ein echter Mann und eine echte Frau ist – und mit der drohenden Ahnung, dass es zahlreiche Arten gibt, es falsch zu machen. Dazu gehört auch, zu wem man sich hingezogen fühlt. Für mich heisst Feminismus, dass es keinen falschen Weg gibt, eine Frau zu sein. Und keinen falschen Weg, ein Mann zu sein. (Übrigens gibt es auch keinen falschen Weg, sich ausserhalb dieser beiden Kategorien zu verorten.) Zum 50-Jahr-Jubiläum des Frauenstimmrechts wünsche ich mir, dass jede Person frei ist, ihr Geschlecht, ihre Liebe und ihr Begehren zu leben. Und konsensuell heiraten darf, wer auch immer ihr gegenüber am Küchentisch sitzt.

Von Anna Rosenwasser am 10.06.2021
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