Ohne Feier, ohne Gäste: So begeht Ursula Andress am 19. März ihren 90. Geburtstag. Sie lebt zurückgezogen in ihrem Haus in Rom, in Gesellschaft von zwei zugelaufenen Katzen. Sie gibt keine Interviews, und auch die Hunderten von Fanbriefen, die noch heute aus aller Welt eintreffen, bleiben unbeantwortet. Sie suchte stets die Ruhe, die sie in ihrem grossen Garten findet.

Emanzipiert und stark. Ursula Andress brachte die unabhängige und selbstbestimmte Frau ins Kino.
KeystoneHier hoffte «Ursi National», ihr Alter friedlich geniessen zu können. Doch ein Schicksalsschlag hat sie gerade schwer getroffen. Ihr langjähriger und engster Vertrauter, der Berner Kreativunternehmer Claudio Righetti (59) sagt: «Sie wurde von ihrem Finanzberater Eric Freymond hintergangen. Das jetzt laufende Verfahren belastet sie sehr, moralisch wie gesundheitlich.» Freymond soll einen Grossteil ihres Ersparten veruntreut haben, der Schaden dürfte sich auf 18 Millionen Franken belaufen. Freymond hatte sich vor einigen Monaten das Leben genommen. Danach flog die Sache auf, und Andress reichte Klage gegen ihn ein.
Lieber Mutter als Filmstar
Die wirkliche Ursula Andress entspricht nicht dem glamourösen Bild, das wir uns von Filmstars machen: Seit ihrer Jugend war die Naturschönheit auf Unabhängigkeit und persönliche Freiheit bedacht. Sie war eher scheu, ging ungern zu mondänen Veranstaltungen, konsultierte nie einen Schönheitschirurgen. Sogar eine freundliche Einladung zum Privatdinner mit König Charles III. und Königin Camilla schlug sie aus. Die beiden wollten sie in der Rolle als Botschafterin – und selbst Betroffene – einer Osteoporose-Kampagne sprechen.

Diese Attitüde! Die Bewegung, die Haltung, der Blick durch die Sonnenbrille – Ursula Andress war durch ihr ganzes Wesen zum Star geboren.
Courtesy Everett CollectionTrotz Status als Weltstar hat sie ihr Privatleben nie dem Beruf untergeordnet. Als Ursula Andress mit 43 Jahren von ihrem 15 Jahren jüngeren Geliebten Harry Hamlin ihr einziges Kind, Dimitri, bekam, erklärte sie: «Es hat keinen Sinn, ein Baby auf die Welt zu stellen und sich nicht selbst um sein Wohl zu kümmern.» So liess sie für ihr Baby alle Filmprojekte fahren und stillte es selbst. Ihr Sohn ist heute 45-jährig und lebt ebenso diskret wie seine Mutter.
Jeder weiss, wie die schöne Gärtnerstochter aus Ostermundigen 1962 weltberühmt wurde: Mit 26 Jahren spielte sie im allerersten Bond-Film die Muscheltaucherin Honey Rider. Im weissen Bikini stieg sie aus den karibischen Fluten, zwei grosse Muscheln in den Händen und ein Soldatenmesser am Bikini-Gürtel – wie eine schaumgeborene Göttin, deren Auftritt noch heute alle späteren Bond-Girls überstrahlt. Mit dieser Kultszene aus «James Bond – 007 jagt Dr. No» lancierte Ursula Andress die Legende der Bond-Girls und avancierte über Nacht zur Ikone der Popkultur. Man könnte sie sogar als feministische Ikone bezeichnen. Denn so selbstbewusst wie diese junge, natürliche und athletische Schönheit dem Geheimagenten mit dem Messer in der Hand gegenübertritt, das hatte man zuvor noch nie gesehen.

Es war die Rolle ihres Lebens, und sie begründete damit auch gleich die Figur des Bond-Girls: In Jamaika entstieg die damals 26-jährige Bernerin den Fluten – im «Gang eines Soldaten», wie sie selber sagte.
imago/Capital PicturesDen berühmten Bikini hatte sie übrigens mit einer Freundin am Set selbst genäht, wie Claudio Righetti verrät. Vor dem Dreh fand Ursula ein gebasteltes Badekleid mit Blumen auf ihrem Hotelbett, wie es Tänzerinnen auf Jamaika tragen. Als Ursula die Produktion fragte, ob sie glaubten, dass sich James Bond in ein Mädchen in solcher Bademontur verlieben würde, stimmten ihr alle zu – sogar Ian Fleming, der Erfinder von James Bond. So kam es, dass Honey Rider mit dem eierschalenweissen Bikini und dem Gurt mit Tauchermesser – es stammte von einem zufällig anwesenden britischen Soldaten – dank der Idee von Ursula Andress in die Filmgeschichte einging.
Bond-Darsteller Sean Connery hat ihr zum 60. Jubiläum des Films mit den Worten gratuliert: «Its all your fault. Creating such a succes with ‹Dr. No› – Es ist alles nur deine Schuld, mit ‹Dr. No› einen solchen Erfolg erzielt zu haben.» – «Dabei wusste ich gar nicht, dass der Film, den ich erst zwei Jahre nach der Premiere gesehen habe, so erfolgreich war», sagte sie, die zur Premiere in London nicht erschienen war und auch nie den Golden Globe Award abgeholt hat, den sie 1964 als beste Nachwuchsdarstellerin gewonnen hatte. Angesprochen auf die berühmte Szene des Films, fragte sie damals: «Welche Szene meinen Sie?»

Eine Freundschaft fürs Leben. Sean Connery und Ursi blieben ein Leben lang verbunden, nachdem sie mit «Dr. No» die Bond-Filme zur Kultserie gemacht hatten.
The Kobal CollectionUrsi bekannter als Sean Connery
2002 wurde die Szene im Bond-Film «Stirb an einem anderen Tag» von Halle Berry neu aufgenommen, sie spielte sie im orangen Bikini. Zuvor hatte sie Ursula Andress geschrieben und um Rat gefragt. Claudio Righetti spielte den Vermittler und überbrachte Halle Berry den Tipp: «Ursula meint, sie sei wie ein Soldat aus dem Meer gestiegen. Sie könnten es wie eine Frau tun.»
Halle Berry beherzigte den Rat und spielte die Szene mit betont weiblichem Hüftschwung. Auch die andere berühmte Ostermundigerin, Michelle Hunziker, posierte in einem Covershooting als Muscheltaucherin Honey Rider, als Hommage an ihre Freundin Ursula.
Man muss wissen, dass Ursula Andress vor dem legendären ersten Bond-Film bereits bekannter war als der schottische Schauspieler Connery. Sie wollte die Rolle zuerst nicht, hatte Bedenken wegen ihres schweizerischen Akzents. Kirk Douglas überredete sie mit den Worten «Die Rolle ist für dich als junge sportliche Frau wie geschaffen. Du redest kaum und rennst viel herum», wie Righetti verrät.

Am Strand von Fregene nahe Rom vergnügte sich Ursula Andress während einer Drehpause zum Film «Die Tochter der Mata Hari», 1954.
KeystoneIn der Schweiz identifizieren viele die Bernerin nur mit diesem einen Auftritt, dabei spielte sie in über 30 Filmen mit Hollywood-Grössen mit. Sie war Filmpartnerin von Elvis Presley und Woody Allen, von Jean-Paul Belmondo und Alain Delon, Peter Sellers, Orson Welles und vielen anderen. Im Fantasy-Film «She» spielte sie an der Seite von Christopher Lee und Peter Cushing eine Göttin von unerreichter Schönheit, es ist bis heute ein Kultfilm des Genres. «Der Film hat viele Fans. Ich wüsste gar nicht, ob sie mehr Autogrammanfragen mit Fotos von ‹She› oder von ‹Dr. No› erhält», so Righetti.

Sogar Elvis Presley schmachtete sie an – im Film «Fun in Acapulco», 1963.
Getty ImagesSkandalfrei trotz Nacktfotos
Obschon sie oft in Nebenrollen spielte, erschien meistens sie allein gross auf den Plakaten. Sie hat auch Nacktszenen gedreht, immer mit einer Prise Humor und ästhetisch vollendet – die Italiener verliehen ihr dafür den Titel «Miss Undress». «Die Szenen waren stets natürlich und verspielt, niemals vulgär. Sie hatte die volle Kontrolle und bestimmte jedes Detail, da war sie ganz strikt», sagt Righetti. «Nie hätte ich eine Sexszene gedreht», sagte sie. Sie war eine der ersten Hollywood- Ikonen, die sich 1965 für das Magazin «Playboy» auszog. Die Fotografien stammen von ihrem damaligen Mann John Derek.

Herzensbrecher Jean-Paul Belmondo: «John hat es verstanden, er hat ihn zu uns eingeladen und war nett zu ihm», so Ursi Andress später. Für den Franzosen verliess sie John Derek.
Gamma-Keystone via Getty ImagesDie selbstbewusste schöne Frau wurde auf der ganzen Welt verehrt. Sie war ein Traum für Fotografen, inspirierte legendäre Musiker wie Burt Bacharach, der ihr seinen weltberühmten Song «The Look of Love» widmete. Pop-Art-Legende Mel Ramos oder der einflussreiche amerikanische Künstler Matthew Barney schufen mit ihr Werke.
Trotz dem Erfolg ist sie lebenslang den Werten der Gärtnerstochter treu geblieben: ehrlich, verlässlich, sparsam, bodenständig und zurückhaltend. Nie gab sie Anlass zum Skandal. «Ursula ist immer überpünktlich, und man ist gut beraten, es auch zu sein, sonst kommts nicht gut», scherzt Righetti.
Sie verkörpert die Tugenden der Schweizerin so gut, dass Bundespräsident Moritz Leuenberger sie bei der Feier zu ihrem 70. Geburtstag in England auf der ausrangierten königlichen Jacht «Britannia» als «beste Botschafterin der Schweiz» bezeichnete. Andere sagen, sie sei der schönste «Export der Schweiz». Sie selbst nahm Komplimente wie «die schönste Frau der Welt» mit einem dankenden Lächeln entgegen, erklärte aber gleichzeitig: «Ich werde nicht so gern fotografiert, komme mir manchmal vor wie eine prämierte Kuh auf dem Viehmarkt.»
Claudio Righetti meint: »Eigentlich ist es ein Widerspruch, sie ‹Ursi National› zu nennen, denn wenn es eine wirklich internationale Persönlichkeit aus der Schweiz gibt, dann ist es Ursula Andress. Sie steht seit Jahrzehnten überall auf der Welt für eine bodenständige und weltoffene Schweiz, wo man sich gegenseitig respektiert und in der sich niemand wichtiger nimmt als andere.»

Ihre Mutter Anni führte in Ostermundigen BE eine Gärtnerei und kam stets an den Wochenmarkt auf dem Bundesplatz. Der Vater lebte in Deutschland. Ursi hatte fünf Geschwister und musste früh mithelfen und anpacken.
RDBDie Medien ergötzten sich jahrzehntelang und sehr ausführlich an ihren spektakulären Liebesgeschichten: aufgewachsen als eines von fünf Kindern eines Deutschen und einer Schweizerin, die in Ostermundigen eine Gärtnerei betrieb, verliebte sich die 16-Jährige Hals über Kopf in den 15 Jahre älteren französischen Schauspieler Daniel Gélin, der für Dreharbeiten kurz in Bern weilte. Sie reiste ihm heimlich nach Paris nach, worauf die besorgten Eltern Interpol einschalteten, um ihre Tochter zu suchen. «Schon als Kind war sie ein echter Freigeist: unternehmungslustig, neugierig, mutig und voller Interesse, die Welt kennenzulernen», so Righetti.

Telefonieren fast täglich: Claudio Righetti und Ursula Andress.
Thomas BuchwalderMit Brigitte Bardot das Zimmer geteilt
Sie blieb in Paris, wo sie Kurse in Tanz, Zeichnen und Bildhauerei belegte und auch ein Talent für die Fotografie entwickelte. Schliesslich schlug sie sich in Rom als Starlet durch, spielte in einigen Filmen und teilte ein Zimmer mit der anderen «schönsten Frau der Welt», mit Brigitte Bardot.

Ursi besuchte eine Mädchenschule in Bern, bevor sie mit 16 Jahren verliebt einem Schauspieler nach Paris folgte.
zVgBis Marlon Brando 1955 auf die Schweizerin aufmerksam wurde und sie der Hollywood-Produktionsfirma Paramount empfahl. Dort machte sie vor allem als Geliebte von James Dean Furore, den sie kurz vor seinem Unfalltod verliess. Dann heiratete sie den Regisseur John Derek, er blieb ihr einziger Ehemann, sie waren neun Jahre zusammen. Etwa gleich lang hat sie später mit Jean-Paul Belmondo gelebt, den sie leidenschaftlich liebte, mit dem sie sich aber auch gefetzt hat, wobei sie stets präzisierte, dass sie ihn geschlagen hat und nicht umgekehrt.

Frauen unter sich: Ursula (l.) mit Erika (2. v. l.), Mutter Anni Andress, Gisela (vorne mit Masche im Haar), Heinz und Käthe.
Keystone«‹Ursi International› ist bis heute einer der glanzvollsten und erfolgreichsten Exporte der Schweiz. Doch in ihrer Heimat wurde sie nie mit einem Show-, Fernseh- oder Filmpreis bedacht, eigentlich schade», bedauert Righetti.
