Wie ein Märchenschloss thront das «Gstaad Palace» über dem Dorf im Berner Oberland. Die Arme verschränkt und mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht steht Küchenchef Franz Faeh (64) vor der Einfahrt zum Fünfsternehotel und posiert für die Kamera. «Da bin ich inzwischen Profi», sagt er augenzwinkernd, winkt zwei Gästen mit Kippa auf dem Kopf freundlich zu und kommentiert dann trocken: «Koscher kochen, das ist mühsam. Genauso wie Halal oder die Vegi-Wünsche der Inder. Aber der Gast ist König.»
Bodenständigkeit, gewürzt mit viel Offenheit und einer Prise Indiskretion – mit diesem Rezept hat SRF einen Quotenhit gelandet. Die vierteilige Dokumentation «Inside Gstaad Palace» schauten durchschnittlich 532'000 Zuschauerinnen und Zuschauer, das entspricht einem Marktanteil von 36,5 Prozent. Auf den Streamingplattformen waren es pro Folge rund 330'000 Klicks. Gedreht wurde in der letzten Wintersaison des 112-jährigen Traditionshauses, in dem eine Übernachtung mindestens 1000 Franken kostet.

«Für unsere Gäste kann es nie genug Trüffel sein»: Franz Faeh in der Hotelküche mit weissem Trüffel aus Alba – ein Kilo kostet 3800 Franken.
Kurt ReichenbachSeit neun Jahren führt Charakterkopf und «Saanebueb» Franz Faeh seine 50-köpfige Brigade, ohne laut zu werden. «Ich lasse meine Köche selbst anrichten. Dann sind sie am stolzesten.» Auch in der Doku muss der Küchenchef nicht viel sagen, und trotzdem wissen die Zuschauer, was er denkt. Etwa wenn er erzählt, dass der Hund eines Gastes zehn Tage lang Keniabohnen mit Reis und ein Tournedos de bœuf medium gebraten verspeist hat. «Der Hund hat 1000 Stutz verfressen», sagt Faeh und zieht die Augenbrauen hoch. Mehr Worte braucht es da nicht.
Liebe aus Kindertagen
«Wir haben einfach die Wahrheit gezeigt», sagt er zum Erfolg. Seit der Ausstrahlung im November «räble es» im Hotel. Vor allem Anfragen für Familienfeste und Geschäftsessen hätten enorm zugenommen. «Zürcher, die davor lieber nach St. Moritz gingen, kommen nun zu uns.»

«Privat koche ich gern einfach – aber gut!» Franz Faeh mit seiner Partnerin Regula Kohler in der gemeinsamen Wohnung in Gstaad.
Kurt ReichenbachAuch privat ist Faehs Leben auf den Kopf gestellt. «Als ich kurz nach der ersten Folge mit meiner Partnerin in Thun einkaufen war, wurde ich sofort angesprochen. Verrückt!» Im TV verrät der Vater einer 33-jährigen Tochter, die in Kanada lebt, dass sich jemand Neues in sein «Herz geschlichen hat».
Es ist Regula Koller (62) wie Faeh eine «Hiesige». «Wir kennen uns seit der Kindheit», sagt sie am Esstisch ihrer gemeinsamen Wohnung unweit des Bahnhofs Gstaad. Vergangenen Mai sind die beiden zusammengezogen – im Haus gegenüber ist die Ärztetochter aufgewachsen, Faeh wohnte mit seiner Familie in der Wohnung darüber.

Erste Liebe rostet nicht. Schon als Kinder fanden sie sich toll. Im Herbst 2024 hat es dann geknistert. «Franz ist sehr gutmütig.»
Kurt Reichenbach«Wir haben uns gegenseitig schon immer gefallen», sagt er und kneift ihr liebevoll in den Arm. «Wir haben uns wohl einfach nicht getraut», ergänzt sie lächelnd. Schon als Franz seine Lehre im «Gstaad Palace» machte, wusste die Internatsschülerin dank ihrem Vater, der dort öfter zu Gast war, wie es Faeh jeweils so ging. Doch als er nach dem Abschluss nach Hongkong und Thailand aufbrach, wo er neben der Regent-Hotelgruppe auch für das thailändische Königshaus kochte, brach der Kontakt ab.
Nun brachte sie das Schicksal zusammen. Die Mutter zweier erwachsener Töchter verlor ihren Partner bei einem Töffunfall. «Palace»-Direktor Andrea Scherz holte Weltenbummler Faeh nach Hause. Im letzten Herbst funkte es. «Wir harmonieren gut und wissen, wie der andere tickt», sagt sie. Während Faeh im Hotel selber nur noch am Herd steht, wenn «jemand total im Seich ist», kocht er zu Hause gern. «Einfach, aber gut.» Etwa Gemüse mit Olivenöl im Ofen mit einer Forelle oder einem guten Stück Fleisch. «Wie normale Leute eben.»

Franz Faeh: «Regula schaut, dass ich Probleme nicht in mich hineinfresse».
Kurt ReichenbachPrivilegiert sei er bei den Lebensmitteln. «Wenn Paolo von Bianchi Fische ins Hotel liefert, kann ich auch für mich zuschlagen.» Regula macht den Casserolier, sprich: den Abwasch. «Und das Dessert. Das ist nicht Franz’ Leidenschaft.» Und was kriegt Labradorhund Enzo? «Normales Futter. Sicher kein Rindsfilet!», sagt Faeh.
Gemeinsame Zeit als Luxus
Für einen Spaziergang mit Enzo gehen die beiden Hand in Hand durchs Dorf, vorbei an Designerboutiquen wie Louis Vuitton und Uhrengeschäften mit Rolex in der Auslage. «Für uns bedeutet Luxus gemeinsame Zeit», sagen beide übereinstimmend. In der Wintersaison ist diese allerdings rar. «Wenn Franz mir den ganzen Tag keine Nachricht schreibt, weiss ich: Im Hotel ist der Teufel los», sagt sie lachend.

«Damit mich niemand erkennt, müssen wir verreisen», sagt Faeh in Gstaad. Etwa nach Paris. Dort isst das Paar am liebsten in einer Brasserie. «Nichts Hochgestochenes.»
Kurt ReichenbachSie steht als Buchhalterin eines Architekturbüros um sechs Uhr auf, er geht um acht Uhr ins Hotel – und kommt selten vor 23 Uhr nach Hause. «Pausen liegen in der Hochsaison nicht drin.» In den drei Wintermonaten arbeite er so viel wie andere in einem Jahr. «Dank Regula geht das gut. Sie schaut, dass ich Probleme nicht in mich hineinfresse.» Er gibt ihr ein «Müntschi». «Manchmal mache ich mir schon Sorgen», sagt sie.
Immerhin nehme er jetzt regelmässig am Sonntag frei. «Früher dachte ich stets, ich sei unersetzlich. Bin ich auch. Aber heute sage ich mir: ‹Blased mir id Schueh.›» In diesem Moment klingelt das Telefon. Das Hotel ruft. Zu Hause steigt er in seinen 5er-BMW, den «Palace»-Kleber sieht man unter der Schicht von Staub kaum.

«Franz’ stoische Art beruhigt mich in hektischen Zeiten», sagt Hoteldirektor Andrea Scherz, der seit der Dok täglich Briefe und Mails erhält.
Kurt ReichenbachAuf dem Weg in die Küche trifft Faeh im neusten Hotelrestaurant, dem «Le Grand», zwischen rot-grünen Samtmöbeln und dimmbaren Stofflampen auf Hoteldirektor Andrea Scherz (55). Dieser nimmt gerade mit den Innenarchitekten den letzten Feinschliff vor. «Unser Star», ruft er und nimmt Faeh in den Arm. Er freue sich, dass insbesondere Franz so gut beim Publikum ankomme. «Ein Highlight gegen Ende einer langen, erfolgreichen Karriere.»
Die beiden kennen sich seit der Kindheit. Schon Faehs Grossvater hat für das «Palace» gearbeitet, sein Vater war der Hoffotograf der Familie Scherz. «Vitamin B hat sicher geholfen, dass ich meine Kochlehre hier machen durfte – der Job war sehr begehrt», sagt Faeh, der seine Leidenschaft beim Salatrüsten und Kartoffelschälen in seinen Sommern in der Alpwirtschaft entdeckte. Er hatte sich geschworen: «Eines Tages werde ich im ‹Palace› Küchenchef.»

Eine weitere Protagonistin in der SRF-Dok: Housekeeping-Chefin Michaela Gäng. «Bei Franz muss man sich nie verstellen – und er macht keine Probleme.»
Kurt ReichenbachRente – oder doch nicht?
In der Küche blubbert der Kalbsfond vor sich hin («80 Kilo kochen wir davon pro Tag»), eine Köchin schnibbelt Romanesco, es riecht intensiv nach weissem Trüffel, der auf einem Blech liegt. «Das sind etwa 18'000 Stutz», kommentiert Faeh. Für die Festtage hat er für das Hotel Lebensmittel im Wert von rund einer Million Franken gekauft – das ist fast die Hälfte des gesamten Jahresbudgets. «Das müssen wir natürlich wieder reinholen!» Stolz zeichnet er mit dem roten Stift, den er normalerweise hinter dem Ohr trägt, ein Plus auf den Kassenzettel. «Wir sind eine der wenigen Küchen der Luxushotellerie, die Ende Jahr kein Minus im Budget haben.»

Eingespieltes Team: Franz Faeh und Souschef Michael Althaus (l.). «Franz ist wie ein Grossvater. Sein Blick sagt oft mehr als tausend Worte.»
Kurt ReichenbachInzwischen steht auch Souschef Michael Althaus (35) in der Küche – ebenfalls ein Protagonist in der SRF-Doku. «Wahnsinn, was das ausgelöst hat. Ich werde überall erkannt.» Im Flur vor der Küche winkt Michaela Gäng (53). Die Housekeeping-Chefin stöhnt in der vierten Dok-Folge über den Hund eines Gastes, der den Zimmerteppich vollgepinkelt hat. «Der Teppich ist inzwischen ausgewechselt», sagt sie und drückt Franz. «Gell, wir haben das im Griff.» Eventplanerin Lucy Fröhlich arbeitet inzwischen nicht mehr im Haus, Polstererin Sandra Hirschi macht eine Ausbildung als Innendesignerin. «In den Ferien kommt sie gern aushelfen», sagt Faeh.
Beim Küchenchef steht die nächste Auszeit in der Zwischensaison im Frühling an. Dann möchten er und Regula in den Norden reisen, Faehs Mutter stammt aus Norwegen. Oder die Tochter in Kanada besuchen. «Ich werde bald Grossvater», sagt er stolz. Im Sommer erreicht Faeh das Rentenalter. Auf die Frage, wann er seine insgesamt 40 Kochschürzen an den Nagel hänge, antwortet er in typischer Franz-Manier: «Wänni kei Luscht me ha.»

