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SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz

«Frauen müssen mehr beweisen»

Sie ist eine Exotin innerhalb ihrer Partei: Die Genfer SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz ist für Vaterschaftsurlaub und Krippenplätze. Wie es dazu kam – und wie sie mit Belästigung am Arbeitsplatz umgeht.

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Céline Amaudruz, 41, ist Juristin und politisiert seit 2011 für die SVP im Nationalrat.

Anoush Abrar

Madame Amaudruz, Sie sind Anwältin: Wen würden Sie nie vor Gericht verteidigen?
Pädophile und Sexualstraftäter. Das könnte ich nicht – oder ich würde sie schlecht verteidigen, damit sie im Gefängnis verrotten.

2017 offenbarten Sie, dass Sie im Bundeshaus Opfer von Belästigung und unangebrachten Gesten geworden sind.
Das war nicht geplant. Eine Journalistin stellte mir eine Frage, und mein Herz antwortete. Die drei Wochen, die danach im Parlament folgten, waren unglaublich schwierig. Ich hatte das Gefühl, dass ich anders angesehen wurde. Manche Personen grüssten mich nicht mehr. Selbst Menschen aus meinem Umfeld verstanden mich nicht. Meine Schwester fragte, warum ich denn nicht schon früher etwas gesagt hätte.

Den Namen des Mannes gaben Sie nie bekannt. Warum?
Mein Anwalt wies mich nach einer langen Diskussion darauf hin, dass mangels Beweisen immer mein Wort gegen das des Täters stehen würde. Es ist schwer, über diese Vorfälle zu sprechen. Man schämt sich. Und man stellt sich surreale Fragen: Habe ich etwas getan, was diese Taten hervorrief? Es ist schwierig, der Polizei davon zu erzählen, denn dann erlebt man das Geschehene noch einmal.

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«Ich bin nicht dafür, dass Frauen zu Hause bleiben. Ich bin dafür, dass Frauen wählen können!»

Wie ging es für Sie in Bern weiter?
Weil ich den Namen des Mannes nicht nannte, verstanden mich manche falsch und dachten, ich würde alle und jeden beschuldigen. Aber für mich sind 99 Prozent der Männer normale Menschen, die Frauen respektieren. Andererseits müssen wir Frauen kämpfen und es wagen, diejenigen anzuprangern, welche die rote Linie überschreiten.

Welche Rolle spielt die Verführung bei einer beruflichen oder politischen Karriere?
Das klingt nach einer Fangfrage! Hat eine Frau das Pech, schön zu sein, muss sie ein Werturteil ertragen – im Gegensatz zu einem Mann. Das ist bedauerlich, aber so ist es nun einmal. Frauen werden zu oft aufgrund ihrer Äusserlichkeit beurteilt und nicht anhand ihrer Kompetenz. Deshalb müssen Frauen immer mehr beweisen.

Vor Kurzem brachten Sie sich ins Spiel für ein Co-Präsidium der nationalen SVP. Wieso?
Das würde mich interessieren, falls sich jemand aus der Deutschschweiz und jemand aus der Romandie das Amt teilen. Zudem eine Person aus dem urbanen und eine aus dem ländlichen Umfeld stammt. Falls die SVP kein Co-Präsidium will, sollte der oder die Neue aus der Deutschschweiz kommen, aber gut Französisch sprechen.

Guy Parmelin, SVP-Bundesrat, über Céline Amaudruz

«Ich kenne Céline Amaudruz seit Jahren – mittlerweile gehört sie schon fast zu unserer Familie. Ich schätze ihre seriöse Arbeit sehr. Auch ihre unbekümmerte Art gefällt mir, ihr Lachen ist ansteckend. Die Schweiz braucht mehr Politikerinnen wie sie.»

Von wem haben Sie die Werte der SVP übernommen?
Mein Vater und meine Mutter waren sehr gegen den EU-Beitritt. Im Studium spürte ich dann, dass es einen Unterschied gibt zwischen meinen Ideen und jenen der Professoren, die eher links waren.

Waren Sie selbst denn nie ein bisschen links?
Nein! (Lacht.) Auch wenn mir heute manche innerhalb meiner Partei vorwerfen, in gesellschaftlichen Fragen zu links zu sein … Weil ich für den Vaterschaftsurlaub bin, für die Schaffung von Krippenplätzen und weil ich das Gesetz zur Lohngleichheit unterstützt habe. Ich bin nicht dafür, dass Frauen zu Hause bleiben. Ich bin dafür, dass Frauen wählen können!

Was gegen das Credo Ihrer Partei verstösst.
Nein, die SVP will den Frauen die Wahl ermöglichen, zu arbeiten oder zu Hause zu bleiben. Ich habe das Recht, innerhalb meiner Partei meine Meinung zu äussern, auch wenn sie von anderen abweicht. Ausser ich wäre plötzlich für den EU-Beitritt, dann würde man mir wahrscheinlich einen Parteiwechsel nahelegen.

Die SVP ist auch gegen eine Ehe für alle. Wie stimmen Sie?
Für die SVP ist die Ehe nicht nur eine Vereinigung zwischen zwei Menschen, sondern eine Verpflichtung vor Gott. Ich werde von meinem Recht Gebrauch machen, mich zu enthalten.

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Céline Amaudruz sitzt im Verwaltungsrat zweier Mühlen und gilt als reichste Nationalrätin der Romandie. Amaudruz ist Vizepräsidentin der SVP.

Anoush Abrar

In der Politik muss man Niederlagen einstecken können. Haben Sie mal ans Aufhören gedacht?
Ein- oder zweimal habe ich mir abends daheim gesagt: «Jetzt reichts, das ist zu hart!» Aber am nächsten Morgen sage ich mir: «Okay, Céline, gestern Abend warst du müde.» Normalerweise brauche ich eine Nacht, um mich wieder aufzurichten. So wurde ich erzogen. Ich habe viele sportliche Wettkämpfe gemacht. Und wenn man reitet oder Wasserski fährt, fällt man 50-mal hin, bevor etwas gelingt.

Welchen Sport betreiben Sie heute?
Wandern, joggen. Und ich boxe dreimal pro Woche mit einem Coach, das liebe ich. Der Sport ist meine Zuflucht, der einzige Moment, in dem ich nicht ans Telefon gehe.

Was sind Ihre nächsten Ziele in Bern?
Seit zehn Jahren kämpfe ich gegen den EU-Beitritt. Das ist in meiner DNA. Die Unabhängigkeit und die Souveränität der Schweiz sind nicht verhandelbar.

Welche Themen treiben Sie sonst noch um?
Mein anderer Kampf betrifft die Sicherheit. Wir müssen die Opfer schützen, nicht die Täter! Ich interessiere mich mehr und mehr für soziale Probleme und den Schutz von Frauen und Kindern. Heutzutage sagt meine Mutter zu mir: «Unglaublich, was für eine Frauenverteidigerin aus dir geworden ist!» Niemals hätte ich gedacht, dass ich einmal solche Positionen einnehmen werde.

Übersetzt und ergänzt: Lynn Scheurer

Von Jean-Blaise Besençon / L’ Illustré am 08.06.2020
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