Unweit des Zürcher Paradeplatzes, im Zunfthaus zur Waag, kennt Philippe Welti, 77, jede Ecke. Schon sein Grossvater war Zünfter, er selbst war bis 2022 Zunftmeister. Sein Handy vibriert. Noch immer ist Welti als Gesprächspartner gefragt, selbst wenn seine Zeit als Botschafter im Iran 17 Jahre her ist.
Herr Welti, Sie waren von 2004 bis 2009 Botschafter im Iran. Waren Sie seither wieder mal im Land?
Immer wieder – als Experte und Begleiter von touristischen Reisen. Iran ist ein absolut faszinierendes Land.
Erzählen Sie!
Das beginnt mit der spannenden Geschichte und Kultur. Dann die Menschen: Sie sind sehr herzlich, gastfreundlich, aber auch äusserst respektvoll und verbindlich – etwa was Geschäftsbeziehungen angeht. Auch wenn sie gern mehrmals verhandeln (schmunzelt). Schliesslich das Klima. Immer trocken, schön vom Frühling bis in den Winter.
Haben Sie noch Kontakt zu Leuten vor Ort?
Ja. Es ist sehr traurig, was wir jetzt erleben.

In Teheran weinen Gläubige um den getöteten Ayatollah Ali Chamenei.
DukasMan sieht aber auch junge Menschen auf der Strasse jubeln …
Weil rund 80 Prozent der Bevölkerung das Regime ablehnen. Wirtschaftlich ist die Lage sehr schwierig. Es verhungern zwar keine Menschen auf der Strasse, aber die staatliche Repression scheut keine Opfer und drückt allgemein enorm aufs Gemüt. Ich verstehe, dass gerade die jungen Menschen jetzt Hoffnung auf eine Veränderung haben.
Nach den ersten Angriffen am Samstagmorgen hat Donald Trump mehrere Ziele für die «Operation Epic Fury» formuliert: das Atomprogramm und die Raketen zerstören und die Voraussetzungen für einen Regimewechsel schaffen. Die Stunde der Freiheit sei gekommen, sagte Trump. Ist sie das?
Trump kann kommunikativ erfolgreich manipulieren. Ich lese sehr viel amerikanische Presse, und da ist mir ein Vergleich aufgefallen. Zwei Monate nachdem die Amerikaner 2003 im Irak einmarschiert waren, sagte der damalige US-Präsident George W. Bush: «mission accomplished» – Mission erfüllt. Doch diese Aussage erwies sich als falsch, es folgten jahrelange Aufstände, Bürgerkrieg und Chaos. Es war auch Bushs Scheitern, denn es gilt der Grundsatz: «If you break it, you own it.» Trump hat nun kommunikativ sehr geschickt die Iraner aufgefordert, «ihre Regierung zu übernehmen». Damit sagt er, dass er hilft, aber wenn es nicht gelingt, ist es nicht seine Schuld.
Nochmals zurück zur Frage. Erleben wir einen Regimewechsel?
Nicht im Moment. Für einen Machtwechsel bräuchte es mehr. Da muss ich etwas ausholen: Die sogenannte Khomeini-Revolution von 1979 war erfolgreich, weil sie eine Alternative zu den Herrschaftsstrukturen unter dem letzten Schah bereitstellte. Die Geistlichkeit war landesweit organisiert und auf den Umbruch vorbereitet. So konnte sie im Moment, als die Schah-Herrschaft zusammenbrach, nahtlos die Macht übernehmen und in kürzester Zeit die Islamische Republik ausrufen. Heute allerdings gibt es keine oppositionellen Gegenstrukturen, die übernehmen könnten. Ausser der Revolutionsgarde. Doch diese will aktuell das Machtsystem aufrechterhalten, weil alle Teilhaber an der Macht vom System profitieren.
Das ist ... Philippe Welti
Philipp Welti war vier Jahre Schweizer Botschafter im Iran und gründete später die Wirtschaftskammer Schweiz-Iran. Der studierte Jurist ist mit der früheren SVP-Generalsekretärin und späteren Generalsekretärin der Bergier-Kommission Myrtha Welti verheiratet und hat drei Kinder, darunter die Sängerin Sophie Hunger. Er lebt in Zürich.
Der Iran hat als Reaktion auf die Angriffe der USA und von Israel die Strasse von Hormus offenbar geschlossen. Was bedeutet das für den Welthandel?
20 Prozent des Öls gehen durch die Strasse von Hormus, natürlich hat das Einfluss auf den Welthandel – etwa auf die Benzinpreise und das Heizöl. Die ganze Weltwirtschaft wird betroffen sein. Es ist klar: Krieg bringt nur Schäden und Nachteile für alle.
Und wenn Iran nun anfängt, die Europäer anzugreifen wie etwa die britische Basis auf Zypern?
Dann macht Iran einen Fehler. Die Kriegsallianz besteht nur aus Israel und den USA. Israel ist kriegserprobt. Die USA hingegen sind politisch verletzlicher. Wenn die amerikanischen Opferzahlen weiter steigen, gibt es in den USA eine innenpolitische Debatte.
Der Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi, der in den USA im Exil lebt, beansprucht die Führungsrolle für sich und inszeniert sich als Hoffnungsträger für den Neuanfang im Iran. Ist er das?
Nein. Denn auch er kann auf keine bestehenden Strukturen im Land aufbauen. Seine traditionellen Anhänger sind Royalisten. Doch selbst in der Diaspora in den USA und in Europa ist er nicht mehrheitsfähig.

Nach den Angriffen auf den Iran versammeln sich vor der iranischen Botschaft in Bern Dutzende Menschen, die für eine Befreiung des Landes demonstrieren
BRK NewsDie Schweiz hat von den USA ein Schutzmachtmandat für den Iran. Das Aussendepartement sagt, der Kanal sei weiterhin offen. Wie funktioniert dieser konkret?
Es ist ein täglicher Kontakt zu beiden Seiten. Die genauen Modalitäten sind geheim.
Mitte-Präsident und Aussenpolitiker Gerhard Pfister fordert, dass die Schweiz das Mandat so schnell wie möglich abgibt, weil die Situation immer problematischer werde.
Ich halte viel von Gerhard Pfister, aber hier liegt er falsch. Es ist wichtig, dass wir den Kanal aufrechterhalten. Wichtig dabei ist: Die Diplomatinnen und Diplomaten müssen die Nachrichten inhaltlich unverfälscht weitergeben. Zweitens müssen sie Mitteilungen so schnell wie möglich weiterreichen. Und drittens müssen die Informationen vollkommen vertraulich sein. Es geht ja auch nicht darum, dass wir vermitteln. Da besteht – gerade auch bei Politikern – noch viel Verwirrung.
Inwiefern?
Bei einem Vermittlungsmandat ist die Voraussetzung, dass das vermittelnde Land zu beiden Konfliktparteien die gleiche politische Distanz hat. Beim Iran wäre das etwa der Oman. Die Schweiz hat aber klar ein Mandat der USA. Wir vermitteln nicht – wir übermitteln!

Philippe Welti hat heute noch viele Kontakte in den Iran.
Joseph KhakshouriNochmals zurück zum iranischen Volk: Muss man jetzt mit einer Flüchtlingswelle rechnen?
(Überlegt länger.) Ich weiss es nicht. Wo wollen sie hin? Turkmenistan ist komplett abgeriegelt, von Afghanistan träumt kein Iraner. An der Grenze zu Pakistan herrscht Wüste. Der Golf ist zu. Da bleiben nur Armenien und die Türkei. Ich sehe aber keine Bewegung. Ausser bei Vermögenden, die sich Wohnsitze im Ausland – etwa in Gstaad oder am Genfersee – leisten können. Das Regime hat bisher auch deshalb so gut überlebt, weil es eine Schicht gibt, die vom System profitiert. Leiden tut die Mittelschicht. Sie empören sich, gehen auf die Strasse und erleben massive Repression – aber es ändert nichts an den Machtverhältnissen.
Das klingt ziemlich hoffnungslos …
Auch ich wünsche dem Land Veränderung. Aber es gibt leider keine Veränderung ohne Opfer. Am wahrscheinlichsten ist, dass eine Umwälzung von innen erfolgt. Etwa indem die Revolutionsgarde den Geistlichen die Macht entzieht.
Wann könnte das passieren?
Niemand weiss das heute. Die Führung hat zwar dafür gesorgt, dass die Strukturen bestehen bleiben. Ob sie dauerhaft sein werden, ist unsicher. Die Geistlichen müssten in der Lage sein, eine starke Führungsperson als Nachfolge des getöteten Ali Chamenei zu wählen. Mit einer Machtübernahme durch das Korps der Islamischen Revolutionswächter beispielsweise gäbe es einen Regimewechsel Richtung Militärdiktatur. Diese ist dann ideologisch nicht so tief begründet, sondern funktioniert als Herrschaftssystem. Was die neue Führung allein interessieren muss, ist die Aufhebung von Sanktionen. Dazu müsste sich Iran bereit erklären, die Palästinenser nicht mehr zu unterstützen und das Nuklearprogramm offenzulegen. Wenn sich diese Beziehungen zur Welt normalisieren, kann langfristig die gesellschaftliche Entwicklung nicht aufgehalten werden.
Was bedeutet dieser Krieg für die Weltordnung?
Hier muss ich nochmals ausholen. Am 27. August 1928 unterzeichneten 15 Staaten in Paris den Briand-Kellogg-Pakt und legten damit einen Grundstein für die Ächtung des Krieges als politisches Werkzeug. Dieser Grundstein wurde in der Uno-Charta beziehungsweise im modernen Völkerrecht übernommen. Man unterscheidet zwischen Aggressor und einem Angegriffenen. Die Frage stellt sich, ob die USA einen legitimen Kriegsgrund haben. Auf jeden Fall scheint auch an anderen Orten Krieg wieder ein normales, legitimes Instrument zu werden. Die Errungenschaft der Uno-Charta «Krieg ist nicht legitim» droht verloren zu gehen.

