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  4. Ex-Kunstturnerin Giulia Steingruber spricht über den Tod ihrer Schwester: «Es ist schwierig zu akzeptieren, dass Desi nicht mehr da ist»

Giulia Steingruber über den Verlust ihrer Schwester

«Es ist schwierig zu akzeptieren, dass Desi nicht mehr da ist»

Giulia Steingrubers Schwester Desirée ist 2017 im Alter von 26 Jahren gestorben. In einer Biografie spricht die Ex-Kunstturnerin zum ersten Mal über den schweren Schicksalsschlag.

Giulia Steingruber

Giulia Steingruber an der WM in Stuttgart 2019.

imago images/masterpress

Den 10. Februar 2017 wird die Ex-Kunstturnerin Giulia Steingruber (28) nie mehr vergessen. Sie ist im Sportzentrum Magglingen, als ihre Mutter per Telefon die Schocknachricht überbringt: Ihre drei Jahre ältere Schwester Desirée ist im Spital an den Folgen eines Lungeninfekts gestorben. In einer neuen Biografie erzählt die Turnerin zum ersten Mal von der Beziehung zu ihrer körperlich und geistig beeinträchtigten Schwester und wie sehr sie Desirées Tod aus der Bahn geworfen hat. «Der Bund» veröffentlichte einen exklusiven Auszug der Biografie.

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Am Todestag der Schwester meldet Giulia Steingruber sich in Magglingen bei ihren Trainern ab. Sie bricht zusammen, ein Weinkrampf schüttelt sie. «Alle wussten natürlich sofort Bescheid», erinnert sie sich an den schlimmen Tag.

Eine Freundin fährt sie an den Bahnhof in Biel, von dort fährt sie mit dem Zug nachhause nach Gossau SG. «Es war die schlimmste Zugfahrt überhaupt», sagt Giulia Steingruber. Ihr Vater Kurt holt sie am Bahnhof ab und bringt Giulia zur aufgebahrten Desirée. «Ich musste sie noch einmal sehen. Sie sah aus wie ein Engel.» Sie zu berühren, traut sie sich nicht. «Ich hatte Angst, dass ich etwas kaputt mache.»

Enges Verhältnis der beiden Schwestern

Desirée hat seit sie volljährig ist, die letzten acht Jahre ihres Lebens in einem betreuten Wohnheim verbracht. An der engen Bindung der Schwestern hat sich dadurch nichts verändert. Wenn Giulia in Magglingen war, hat sie es vermisst, ihre Schwester regelmässig zu sehen.

Wenn immer Giulia ihre Schwester aber im Heim besuchte, reagierte Desirée stärker, als bei jedem anderen Besuch, erinnert sich Mutter Fabiola Steingruber in Giulias Biografie. «Kam Giulia zur Tür hinein und rief ‹Hallo!›, richtete sich Desi sofort freudig auf». «Sie konnte nicht reden, hat aber sehr viel verstanden. Bei Witzen lachte sie immer in den richtigen Momenten.»

Desirée nahm ihr Schicksal selbst in die Hand

Als Desirée wegen eines Lungeninfekts ins Kantonsspital St. Gallen eingeliefert wird, muss sie auf der Intensivstation intubiert werden, weil sie selbst nicht richtig atmen kann.  «Ein schwieriger Anblick», sagt Giulia emotional.

«Es ist schwierig zu akzeptieren, dass Desi nicht mehr da ist. Sie fehlt mir jeden Tag.»

Giulia Steingruber

Die Pflegerinnen sagen der Familie im Beisein von Desirée, dass wenn der Tubus entfernt würde, dieser nicht wieder eingesetzt werden könne. Als niemand hinschaut, reisst sich Desirée später das Röhrchen aus dem Mund. Sie atmet danach noch eine Woche selbständig, bevor sie die Kraft verlässt. Ihre Mutter ruft Giulia in Magglingen an und sagt:  «Desi ist eingeschlafen.»

Beerdigung unter einer Linde

Die Beerdigung der 26-Jährigen Desirée findet im engsten Familienkreis statt. Dabei sind auch einige Pflegerinnen aus dem betreuten Wohnheim, die ihr nahe standen. Ein Grab hat Desirée nicht. Ihre Asche wird unter einer Linde am Stadtrand von Gossau verstreut. Da wo die Mädchen frührer so gerne zusammen spielten. «Das ist unser Kraftort», sagt Mutter Fabiola. 

«Ich weiss, dass Desi befreit ist. Daran zu denken, tut mir gut.»

Giulia Steingruber
2017 war Steingrubers Schicksalsjahr

Für Giulia Steingruber beginnt eine schwierige Phase. Das Jahr 2017 brachte der damals 23-Jährigen eine längere Verletzungspause. Sie überlegt sich, ganz mit dem Kunstturnen aufzuhören. Dies alles, während sie um ihre Schwester trauert. «Es ist schwierig zu akzeptieren, dass Desi nicht mehr da ist. Sie fehlt mir jeden Tag. Aber ich weiss, dass sie befreit ist. Daran zu denken, tut mir gut», sagt Giulia.

Doch gegen Ende Jahr will Steingruber das Comeback. Für die Weltmeisterschaften in Montreal übt sie eine Choreographie zu einem ruhigen, klassischen Musikstück ein. So ganz anders, als die wilden Performances aus den Vorjahren. Es ist eine Hommage an ihre Schwester: «Ich wollte die spezielle Beziehung, die Desi und ich hatten, auf der Bodenfläche rüberbringen».

Giulia Steingruber

Steingruber holt Gold an der EM in Basel.

imago images/Independent Photo Agency
Ein Tattoo für ihre Schwester

Nachdem Steingruber 2017 in Montreal Bronze gewinnt, holt sie an den olympischen Spielen in Tokyo 2021 ihre dritte olympische Medaille. Und an der Europameisterschaft in Basel holt sie ihre sechste EM-Medaille. Danach hängt sie ihre Turn-Karriere endgültig an den Nagel.

Jetzt lässt sie sich ein Tattoo stechen: «A piece of my heart has wings now», steht auf ihrem Rücken, entlang der Wirbelsäule. Ein Stück ihres Herzens hat jetzt Flügel. Eine Hommage an ihre Schwester. «Desirée gibt mir die Energie für zwei.»

Von emu am 20. April 2022 - 12:49 Uhr
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