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«Diese Normalität würde ich gerne spüren»

Gut-Behrami sehnt sich nach gemeinsamen Abenden mit Valon

Bald startet Skistar Lara Gut-Behrami in die Weltcup-Saison – zum 14. Mal. Obwohl für sie der Rücktritt noch kein Thema ist, macht ihr das Herumreisen immer mehr zu schaffen. Unterwegs fehlt ihr nicht nur die Normalität, sondern allem voran auch ihr Ehemann Valon.

Lara Gut-Behrami

Zum 14. Mal geht sie Ende Monat einen Saisonauftakt an: Lara Gut-Behrami.

Getty Images

13 Weltcup-Saisons hat Lara Gut-Behrami in ihrem gerade einmal 30-jährigen Leben schon absolviert. Mit 16 Jahren stürzte sie bei ihrer ersten Weltcup-Abfahrt in St. Moritz ins Ziel – den Sieg verpasste sie damit, doch aus dem Nichts wurde die Tessinerin Dritte. Mit dem Podestplatz war ein neuer Star am Schweizer Himmel geboren – einer, der sich im Nachhinein wohl einen etwas ruhigeren, normaleren Einstieg ins öffentliche Leben gewünscht hätte.

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Doch normal ist im Leben der mittlerweile 30-Jährigen schon länger vieles nicht mehr, wie sie in einem ungewohnt privaten Interview mit «Blue News» verrät. Darin spricht sie vor dem Start in ihren 14. Weltcup-Winter über ihre Müdigkeit hinsichtlich des Nomadenlebens, über die Abende mit ihrem Ehemann, nach denen sie sich sehnt, und verrät, wer in den schwierigen Jahren ihrer Karriere für sie da war. 

Über ihre Müdigkeit

Zum ersten Mal in all den Jahren hat Gut-Behrami diesen Sommer zweieinhalb Monate lang kein explizites Konditionstraining absolviert. «Das war für mich auch etwas Neues, aber es hat mir auch Lust gegeben, wieder zu trainieren und ein strukturiertes Training zu haben.» Insbesondere nach dem Ende der letzten Saison hat sie eine «grössere Müdigkeit» verspürt, wie sie sagt. «Das ist einerseits von der Spannung des Winters, und irgendwann, wenn man das über Jahre macht, ist auch eine gewisse Müdigkeit entstanden.» 

Das Skifahren mache ihr nach wie vor Spass, aber «das ganze Reisen fällt mir ab und zu etwas schwerer als in der Vergangenheit».

Über die fehlende Normalität

Das grösste Opfer, das die Gesamtweltcup-Siegerin für ihren Traum vom Skifahren bringt, ist die Normalität, die bei ihrem Nomadenleben abhandenkommt. «Wir haben unser Zuhause gebaut und wir haben entschieden, wo wir den Rest unseres Lebens nach dem Sport verbringen möchten», erzählt sie über ihr Daheim in Udine, wo sie mit Ehemann Valon Behrami, 36, wohnt. «Ich vermisse das. Ich würde gerne Skifahren und am Abend heimgehen können und nicht die ganze Zeit am Rumreisen sein.» Das Hin und Her brauche viel und sie vermisse die «Quality Time» mit ihren wahren Freunden, mit der Familie. «Das sind Sachen, bei denen man irgendwann im Leben lernt, dass das wichtig ist, dass dir das am meisten bringt.»

Lara Gut-Behrami, Ski Alpin, Hochzeit mit Valon Behrami, SI 08/2021

Seit 2018 verheiratet: Mit Valon hat Lara Gut-Behrami die Person gefunden, die sie bei allem unterstützt.

Lara Gut-Behrami Instagram

Über ihren Kinderwunsch

Dass ihr Leben ein wenig anders verläuft als bei Leuten mit einem alltäglicheren Job, realisiert Gut-Behrami auch beim Betrachten ihres Umfelds. «Irgendwann merkst du: Ich habe Kolleginnen, die ein anderes Leben haben. Diese Normalität, die würde ich gerne spüren.» Denn eine eigene Familie könnte Gut-Behrami nicht mit ihrem Beruf vereinbaren, wie sie sagt. «Eine Familie zu gründen, das würde mit dem Sport nicht gehen.» 

Über fehlenden Respekt

Nach ihrem kometenhaften Aufstieg war Gut-Behrami schon als Teenager plötzlich ein Superstar. Erwachsen geworden ist sie erst im Rampenlicht. «Es war nicht immer einfach», gibt sie zu.

Auf ihre frühe Erscheinung im Rampenlicht führt die Skifahrerin weiter zurück, dass ihr heute mit mangelndem Respekt begegnet wird. «Ich bin 30, und es passiert, dass ich mit Kindern aus meiner Familie unterwegs bin, und Leute, die mich haben aufwachsen sehen, erwarten, dass sie mit mir reden können, als ob ich 14-jährig wäre. ‹Hoi Lara, wie geht's?›» Man benehme sich normalerweise nicht so bei Frauen, sagt Gut-Behrami. «Das stört mich.» Sie erachtet das Verhalten als Zeichen dafür, dass ihr zu wenig Respekt entgegengebracht wird. 

Lara Gut-Behrami

Plötzlich im Rampenlicht: Mit ihrem sensationellen 3. Rang bei ihrer ersten Weltcup-Abfahrt in St. Moritz katapultierte sich Lara (r.) in das Interesse der Öffentlichkeit. 

Getty Images

Über die Einsamkeit

Fast ein halbes Jahr lang lebt Lara Gut-Behrami Winter für Winter aus dem Koffer, dazu kommt das Sommertraining, wofür sie auch mit dem Team unterwegs ist – ein Umstand, der ihr zu schaffen macht. «Du bist drei Viertel des Jahres alleine im Hotelzimmer, da ist niemand», sagt sie. «Du kannst das mit niemandem teilen. Du hast nicht die Nähe deiner Familie, deiner Freunde oder deines Mannes.» 

Schwierig ist das Alleinsein vor allem bei Zweifeln und Schwierigkeiten. «Genau in diesen Momenten brauchst du diese Nähe», sagt Gut-Behrami. Das sei, was ihr immer schwerer falle. Als Beispiel nennt sie eine überschwängliche Umarmung nach dem Riesenslalom an der WM in Cortina d'Ampezzo dieses Jahres mit ihrer Mutter. Sie sei nach dem Sieg zu ihrer Mutter gerannt, sie hätten sich umarmt. «Das waren zehn Sekunden von so vielen Jahren, von so vielen Rennen, zehn Sekunden.» Sie vermisse es, mehr mit ihrer Familie teilen zu können. «Wir konnten viel auch als Familie erleben durch meine Karriere, aber wie viel Zeit haben wir getrennt verbracht? Wie viele Male hätte ich nur eine Umarmung gebraucht?» 

Über ihre Unsicherheit

Lange versuchte Lara, nicht zu zeigen, was in ihr vorgeht. «Früher hatte ich Mühe, meine Schwächen zu zeigen, wenn es mir nicht so gut ging», sagt sie. «Ich hatte das Gefühl, es würde alles zusammenbrechen, wenn ich sage, dass es mir nicht gut geht.» Das ging so weit, dass sie selbst ihre Liebsten nicht an sich heranliess. «Wenn meine Mutter näher kommen wollte, habe ich fast Abstand gesucht, um ihr nicht zu zeigen, wie es mir wirklich geht.» Im Nachhinein würde sie das anders machen, gibt die 30-Jährige zu. «Vielleicht auch, weil ich reifer geworden bin und mich besser und sicherer fühle mit meinen Entscheidungen.» Und noch etwas anderes hat sich verändert: «Heute lasse ich mir helfen.»

Über die Kritik

Lara Gut-Behrami ist keine, die mit ihrer Meinung hinter dem Berg hält – damit eckt sie auch an, was ihr vollkommen bewusst ist und was sie ebenso in Kauf nimmt. «Schlussendlich ist es dein eigenes Leben, dein eigenes Gesicht, deine eigene Meinung. Schlussendlich musst du auch das Beste für dich machen», sagt sie. «Man lernt mit der Zeit, dass man in der Lage ist, Nein zu sagen.»

«Am Ende sind wir immer noch Menschen, wir haben Gefühle»

Lara Gut-Behrami

Doch bis zu dieser Erkenntnis war es auch für sie ein langer Weg. «Es ist schwierig. Wenn man nichts sagt, geht es nicht, wenn man alles sagt, geht das auch nicht», erzählt sie. Man müsse als Athlet irgendwann verstehen, dass «du machen musst, was für dich stimmt. Alle zufrieden machen, kannst du nicht.» Auf dem Weg dorthin wisse man nicht mehr genau, wie man sei. «Mach ich das, weil ich parat bin dafür, oder mache ich das, weil man es mir so gesagt hat?» Das Schwierige sei, das Gleichgewicht zwischen der eigenen Person und der Athletin zu finden. Denn «am Ende sind wir immer noch Menschen, wir haben Gefühle».

Über Valon

Mitverantwortlich dafür, dass Gut-Behrami immer offen ihre Meinung kundtut, ist Ehemann Valon. «Er hat mir vor allem geholfen, ehrlicher zu mir zu sein, mich mehr zu trauen, meinen Weg zu gehen», schwärmt sie. Dass er auch Profisportler ist, vereinfacht das gemeinsame Leben. Sie habe jemanden an der Seite, «der mich unterstützt und der versteht, dass nicht immer alles so leicht ist». 

Über Olympia

In der kommenden Saison steht mit den Olympischen Spielen ein grosses Highlight an. Gut-Behrami freut sich darauf – doch wegen der aktuellen Corona-Lage will sie sich noch nicht zu fest darauf versteifen. «Wenn man normalerweise im Oktober sagt, Olympia sei noch weit weg, ist es jetzt noch ein Stückchen weiter weg. Es sind so viele Fragen noch offen, mit denen ich mich gar nicht beschäftigen will.»

Über einen möglichen Rücktritt

Nach ihrem an den Weltmeisterschaften in St. Moritz erlittenen Kreuzbandriss hatten Lara Gut-Behrami 2017 verschiedene Leute geraten, die Karriere an den Nagel zu hängen. Für sie kam ein Rücktritt aber nie infrage. «Irgendwo wusste ich: Ich kann es noch. Ich habe nicht gewusst, wie, was fehlt – ich wusste immer, dass etwas fehlt», sagt sie. Lange wusste sie nicht, was es war. «Aber ich habe immer gewusst, dass ich noch einmal das Gefühl habe: ‹So fährt man einen Schwung.›» Ans Aufgeben hat sie nie gedacht: «Ich bin zu stolz, um zu sagen: Ich weiss, es fehlt etwas, um nicht bis am Ende danach zu suchen.»

In der schwierigen Zeit auf dem Weg zurück an die Spitze konnte Gut-Behrami auf ihre Freunde und die Familie zählen. Es seien wenige Leute gewesen, erzählt sie, aber diese hätten das Ganze mit ihr durchgemacht. «Sie haben akzeptiert, dass es mir nicht gut geht, sie haben akzeptiert, dass ich jeden Tag aufstehe, 100 Prozent gebe – und es ist null dabei herausgekommen.» Am Ende hätten sie es zusammen geschafft. «Ich hatte Riesenglück, dass ich die paar Leute getroffen habe.» Diese hätten «alles gemacht, was in ihrer Kraft lag».

«Wie viele Male hätte ich nur eine Umarmung gebraucht?» 

Lara Gut-Behrami

Am 23. Oktober nun geht es für Lara Gut-Behrami los mit der neuen Saison. Im Riesenslalom von Sölden will sie an ihre erfolgreiche letzte Saison anknüpfen, die sie auf dem 2. Platz im Gesamtweltcup beendet hat. Ihre Motivation? Gross. Denn die Leidenschaft fürs Skifahren ist noch immer grenzenlos. «Im Moment bin ich sicher, dass ich das machen möchte», sagt sie. «Ich gebe 100 Prozent.» 

Von rhi am 07.10.2021
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