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  4. Herzchirurg Thierry Carell und Moderatorin Sabine Dahinden über Politik, Liebe und Heimwehort

Thierry Carell & Sabine Dahinden

Auf zu neuen Ufern

Der bekannteste Herzchirurg der Schweiz geht in Vitznau in die Politik! Thierry Carrel über seinen Heimwehort, das Zurückgeben und darüber, was die Autofähre «Tellsprung» mit seiner Liebe zu Ehefrau Sabine Dahinden zu tun hat.

Thierry Carrel mit seiner Frau Sabine Dahinden auf der Faehre von Gersau nach Beckenried. Bild © Remo Naegeli

Thierry Carrel und seine Frau Sabine Dahinden auf der Autofähre «Tellsprung» auf der Fahrt von Beckenried (l.) nach Gersau.

Remo Nägeli

Zwanzig Minuten dauert die Fahrt über den Vierwaldstättersee. Doch die Autofähre «Tellsprung» verbindet nicht nur Gersau SZ mit Beckenried NW – sondern auch die Herzen von Thierry Carrel, 62, und seiner Ehefrau Sabine Dahinden, 53. Der bekannteste Schweizer Herzchirurg und die beliebte Moderatorin der SRF-Sendung «Schweiz aktuell» stehen auf dem Oberdeck der Fähre und geniessen die erfrischende Brise. «Schau!», sagt Carrel und zeigt Richtung Gersau. «Dort an der Anlegestelle habe ich als Jugendlicher stundenlang auf den See hinausgeschaut, fasziniert von den Dampfschiffen und der Autofähre! Ich konnte nicht erahnen, dass da meine künftige Frau hin- und herfährt.»

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Auch Sabine Dahinden erinnert sich gut an diese Zeiten Mitte der 1970er-Jahre. Als Kind war sie damals jeden Sommer in Seelisberg UR in den Ferien. Mit den Eltern und ihren drei jüngeren Geschwistern. «Im knallgrünen Renault 16 fuhr die Mutter uns mit Sack und Pack von daheim in Altdorf über die Axenstrasse nach Gersau, den Seelisbergtunnel gab es noch nicht.»

Von Gersau gings mit der «Tellsprung» nach Beckenried. Von dort rauf in den Weiler Volligen bei Seelisberg, wo die Familie ein altes Bauernhaus bewohnte. Dahinden: «Wir waren immer draussen. Halfen der Mutter im Garten, badeten im Seelisbergseeli, schleckten vor dem Dorflädeli ein Glace. An der Station Treib lernte ich, die Kursschiffe nach deren Signal zu erkennen. Für uns war es die grosse Freiheit!»

Thierry Carrel mit seiner Frau Sabine Dahinden auf der Faehre von Gersau nach Beckenried. Bild © Remo Naegeli

Der «Tellsprung»-Schiffsführer hat dem bekannten Ehepaar kurz das Steuerrad überlassen.

Remo Nägeli

Ferien machte während dieser Zeit auch Thierry Carrel – drüben in Gersau. Jeden Sommer, als 6- bis 20-Jähriger. Mit den Eltern und seiner Schwester war er dort jeweils zu Besuch bei seiner Grossmutter Rosa. Die Ferien begannen bereits am Vorabend daheim in Fribourg. Carrel: «Mein Vater und ich schleppten den grossen Überseekoffer zum Bahnhof. Tags darauf gings auf die Reise in die grosse, weite Welt.» Ein Auto hatten die Carrels noch nicht.

Von Luzern fuhr die Familie mit dem Kursschiff nach Gersau, an der Anlegestelle standen die Verwandten zum Empfang. War Thierry nicht mit dem Vater am Wandern, stand er am Hafen. Die Autofähre nähert sich Gersau, Carrel legt den Arm um die Schulter seiner Frau. «Dabei habe ich bestimmt auch dich gesehen. Ohne zu ahnen, dass ich später mein Leben mit dir verbringen würde.» Sabine Dahinden schmunzelt: «Wir zwei haben das gleiche Heimwehland.»

Kennengelernt haben sich die beiden 2004, als Dahinden den Herzchirurgen im Vorfeld einer «Schweiz aktuell»-Berichterstattung über das Inselspital in Bern traf. «Das Gespräch mit ihm war sehr interessant. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass er mich als Mann interessieren würde. Nach der Sendung haben wir den Kontakt weiter gepflegt, daraus wurde später eine enge Beziehung.» 2010 macht der Freiburger der Urnerin einen Heiratsantrag, im selben Herbst geben sie sich in der Kirche Gersau das Jawort. «Ich denke, ich kann Thierry heimatliche Gefühle geben.»

Thierry Carrel in Vitznau (LU)

Carrel in Vitznau. «Ich kenne jedes Kursschiff auf dem Vierwaldstättersee an seinem Horn.»

Remo Nägeli

Vor zehn Jahren hat das Paar in Gersaus Nachbarort Vitznau LU eine Ferienwohnung erworben, seit November 2020 hat es dort festen Wohnsitz, mit Blick auf See und Rigi. Carrel: «Die Gegend ist mir schon in meiner Kindheit ans Herz gewachsen.» Auch deshalb hat er sich von der FDP als Kandidat für den Vitznauer Gemeinderat aufstellen lassen. Er wurde in stiller Wahl in das Amt gewählt, am 1. November tritt er die Zehn-Prozent-Stelle an, sein Ressort ist Gesundheit & Soziales.

Sein Pensum als Professor an der Klinik für Herzchirurgie des Universitätsspitals Zürich, wo er stellvertretender Direktor ist, wird Carrel entsprechend herunterfahren. Bei 12 000 Herzoperationen hat er mitgewirkt, 2008 setzte er dem damaligen Bundesrat Hans-Rudolf Merz mehrere Bypässe, momentan sind es ein bis zwei Eingriffe pro Tag, «wobei ich viel Gewicht auf die Ausbildung jüngerer Ärzte lege».

Thierry Carrel in Vitznau (LU)

Im Volg Vitznau kauft Carrel Bier ein – für den Umtrunk nach der Probe mit seinen Alphornkollegen.

Remo Nägeli

Carrels Arbeit als Herzchirurg ist anstrengend: viel gebeugt stehen, volle Konzentration, grosse Verantwortung, belastende Gespräche mit Angehörigen. Um nahe bei seinen Patienten und für Notfälle schnell einsatzbereit zu sein, verbringt er viele Nächte in einem kleinen Studio in Zürich. Auf seinem Nachttisch liegen das «Handbuch der Weisheit dieser Welt» von Joseph Maria Bocheński und «Zürcher Liebesgeschichten» von Regi Sager. «Mittlerweile sind viele Patienten jünger als ich.»

Carrel achtet auf gesunde Ernährung, fährt fleissig Rennvelo, mit seiner Frau macht er Bergwanderungen in der Innerschweiz. «Thierry hat eine riesige Ausdauer. Ich habe grossen Respekt vor seiner Arbeit, in der es oft um Leben und Tod geht. Ab und zu erzählt er mir davon», sagt seine ebenfalls viel beschäftigte Frau. «Wir haben einen guten Rhythmus gefunden, um Zeit zu haben, zusammen zu sein.»

Thierry Carrel in Vitznau (LU)

Thierry Carrel, 62, beim Jagdhaus Norli ob Vitznau LU: Vor der Probe mit seinen Alphornkollegen hat er sein selbst gebügeltes Chutteli angezogen.

Remo Nägeli

Carrel freut sich auf seine Arbeit als Gemeinderat. «Es ist Zeit, meinem geliebten Dorf etwas zurückzugeben.» Kontakt mit Einheimischen hat er schon viel. So oft wie möglich probt er dienstagabends mit seinen drei Kollegen von der Alphorngruppe Vitznau. Mit Alphornspielen begonnen hat Carrel 2017 – mit Kollegen des Freiburger Blasorchesters La Concordia, wo er seit vielen Jahren als Bassposaunist dabei ist. «

Thierry spielt prima, er passt wunderbar zu uns», sagt Alphornkollege und Garagist Werner Zimmermann. «Hier muss er nicht der Herr Professor sein. Unsere manchmal dummen Sprüche kontert er gut.» Vor Kurzem hat Carrel für den Umtrunk nach der Probe «falsches» Bier mitgebracht. Zimmermann fragte ihn nach dem Schlüssel für dessen Auto und holte bei der einheimischen Brauerei ein Fässli Vitznauer Bier. «Dieser Kontrast, dieser Ausgleich tut mir gut. Nach jeder Probe fühle ich mich wie nach einer Woche Ferien.» Wie damals, als er bei Grossmama Rosa den Sommer verbrachte.

Thierry Carrel in Vitznau (LU)

Die Alphorngruppe Vitznau am Proben (v. l.): Martin Waldis, 56, Toni Zimmermann, 76, Thierry Carrel, Werner Zimmermann, 59.

Remo Nägeli
Text: Thomas Kutschera am 30. Juli 2022 - 08:57 Uhr
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