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Teilbedingte Haftstrafe von 2,5 Jahren

Hochseilartist Freddy Nock muss ins Gefängnis

Freddy Nock musste sich am 11. Dezember vor dem Bezirksgericht Zofingen AG verantworten. Der Hochseilartist war wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und mehrfacher versuchter Körperverletzung gegen seine Frau Ximena angeklagt. Nun wurde er zu einer teilbedingten Haftstrafe von 2,5 Jahren verurteilt.

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Hochseilartist Freddy Nock musste sich vor Gericht verantworten. Er wurde im Punkt versuchte vorsätzliche Tötung schuldig gesprochen. 

keystone-sda.ch

Die Geburt des gemeinsamen Sohnes Leo vor acht Jahren machte ihre gemeinsame Welt perfekt. Hochseilartist Freddy Nock, 54, und seine zweite Ehefrau Ximena, 44, schafften den Balanceakt zwischen Showbusiness und Privatleben scheinbar spielend. Als sie sich im Sommer 2013 das Ja-Wort gaben, war dies ein mediales Grossereignis. Ximena sagte: «Das ist der schönste Tag in meinem Leben.»

Am Bezirksgericht Zofingen AG ist am Mittwoch von dieser Idylle nichts mehr zu spüren. Freddy Nock, angeklagt wegen vorsätzlicher Tötung, mehrfacher Gefährdung des Lebens und mehrfacher Körperverletzung, sitzt im grünen Pullover, in blauen Jeans und roten Sneakers leicht gebückt an einem Holztisch. Seine Miene wirkt teilnahmslos. Trotzdem kann er die Anspannung nicht verbergen: Als die Gerichtspräsidentin Kathrin Jacober das Wort ergreift, rutscht Nock auf dem Stuhl hin und her und wippt mit den Füssen. Immer wieder greift er sich ans Kinn. Der Mann, der in schwindelerregender Höhe jeden Abgrund überwand, ist auf dem Boden der Realität gelandet.

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Bild aus glücklichen Tagen: Freddy Nock und Gattin Ximena. Die beiden sind seit 2017 getrennt.

David Biedert

10 Monate von den 2,5 Jahren muss Nock absitzen

Nun verweigert er die Aussage. «Es ist besser nichts zu sagen als etwas Falsches», erklärt sein Verteidiger Rudolf Studer. Nur auf die Frage, welche Schule er abgeschlossen habe, lässt Nock die Deckung für einen Moment fallen: «Die Zirkusschule.» Freddy Nock ist ein Spross des Zirkus-Zweiges der berühmten Dynastie. Mit vier Jahren wurde er von seinem Vater Alfredo das erste Mal aufs Hochseil gehoben. Doch darum geht es an diesem kalten Dezembermorgen nicht. Noch-Ehefrau Ximena sagt mit tränenerstickter Stimme: «Ich kann nicht begreifen, dass der Mann, den ich über alles liebte, mir all dies angetan hat.»

Im Zentrum steht ein Vorfall aus dem Jahr 2013: Nach der Verleihung der Swiss Awards soll Nock Ximena aufs Bett geworfen und ihr mit einem Kissen die Luftzufuhr abgewürgt haben. Im Nachbarzimmer, zu dem es eine Verbindungstür gab, befanden sich zu diesem Zeitpunkt zwei Kinder aus den ersten Ehen des Paares. Beide bestätigten den Untersuchungsbehörden den Vorfall.

Nun fällte das Gericht sein Urteil: Freddy Nock wird im Punkt versuchte vorsätzliche Tötung schuldig gesprochen. Dafür kassiert er eine teilbedingte Haftstrafe von 2,5 Jahren. Absitzen muss er davon 10 Monate. Ausserdem ordnet das Gericht eine Sicherheitshaft von drei Monaten an. In den Punkten Gefährdung des Lebens und der schweren Körperverletzung wurde er freigesprochen. 

Staatsanwalt über Nock: Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Realität

Zuvor hatte Verteidiger Rudolf Studer die Klägerin als «unglaubwürdig und widersprüchlich» bezeichnet. Er unterstellt ihr, dass es ihr im Sorgerechtsstreit um den gemeinsamen Sohn darum gehe, «Herr Nock durch den Dreck zu ziehen». Die geschilderten Vorfälle hätten so nie stattgefunden: «Es gibt keine Augenzeugen. Nur zwei Personen wissen, was wirklich geschehen ist.» Die Klägerin und sein Mandant hätten eben eine wilde Ehe geführt: «Mit heftigen Streitereien und leidenschaftlichen Versöhnungen.» Weil Aussage gegen Aussage stehe, sei Nock nach dem Grundsatz «In dubio pro reo» (im Zweifel für den Angeklagten) freizusprechen.

Danach schildert Staatsanwalt Simon Burger Details aus der Beziehung. Er streicht die Prominenz des Beschuldigten hervor. Es bestehe eine grosse Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der Realität. Für die meisten Schweizer sei Freddy Nock ein Botschafter des Landes, der mit rotem T-Shirt auf dem Hochseil Weltrekorde aufstelle. Doch es gebe auch die andere Seite – die des Kokain konsumierenden, eifersüchtigen und gewaltbereiten Mannes, der an finanziellen Problemen leidet und seinen Verpflichtungen nicht nachkommt.

Die Eheleute begegnen sich im Gerichtssaal nicht direkt

Nock selber sieht sich als Opfer. Durch die lange Verhandlungsdauer seien ihm diverse Engagements entgangen; so ein Auftritt für den Kanton Aargau an der «Fête de Vignerons». Später kommt allerdings aus: Von der in Aussicht gestellten Gage von 50 000 Franken hat er die Hälfte gleichwohl erhalten. Den zweiten Teil fordert er im Schadenersatz über eine Gesamtsumme von 37‘000 Franken. Zudem stehe ihm für die 55 Tage Untersuchungshaft eine Genugtuung von 11‘000 Franken zu.

Die Eheleute begegnen sich im Gerichtsaal nicht direkt. Während Ximena die Aussage macht, sitzt Freddy Nock im Nebenraum. Als er befragt wird, verfolgt Ximena das Geschehen via Bildschirm. Als er in der Pause die Toilette aufsucht, wird sie weggeführt.

Der Staatsanwalt beruft sich wiederholt auf Aussagen von Ximenas Kinder aus erster Ehe, die während acht Jahren mit dem Angeklagten unter einem Dach lebten. Eines der Kinder habe derart Angst vor dem Stiefvater gehabt, dass er nur noch mit einem Messer oder einem Stecken unter dem Kissen geschlafen habe – damit er seine Mutter hätte verteidigen können. Nocks Verteidiger stellt Ximena als Alkoholikerin dar, die in hochhackigen Schuhen öfters die Treppe hinuntergestürzt sei und die Verletzungen selber verschuldet habe. Zu den Aussagen der Kinder sagt er: «Die Kinder werden instrumentalisiert und manipuliert.» 

Kurz nach 19.30 Uhr wurde am Prozesstag das Urteil verkündet. Danach wurde Nock in Handschellen abgeführt. Er kommt in Sicherheitshaft. Innerhalb von zehn Tagen kann Nock gegen das Urteil Berufung einlegen.

Von Thomas Renggli am 11.12.2019
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