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Homestory beim höchsten Schweizer

A casa tier Candinas

Beinvegni! Willkommen zu Hause beim neuen Nationalratspräsidenten Martin Candinas in Chur. Welche Sprachen der höchste Schweizer am Familientisch redet und wie er seine drei Kinder bei Laune hält.

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Martin Candinas, Nationalratspräsident, Eliane, Laurin, Linus, Lena,

Am Morgen sind die Kinder noch etwas müde, der Vater munter wie immer: Laurin, Martin, Lena, Linus und Eliane Candinas (v. l.).

Kurt Reichenbach

Dapi tschun onns habitescha famiglia Candinas en lur da-casa a Cuera el Grischun. Diesen Satz verstehen weltweit nur etwa 60 000 Menschen. Er ist Rätoromanisch und bedeutet: Seit fünf Jahren wohnt Familie Candinas in ihrem Zuhause in Chur in Graubünden. Trotzdem ist es wahrscheinlich, dass viele Schweizerinnen und Schweizer dieses Jahr mehr Rätoromanisch zu hören bekommen als bisher. Der Grund ist Nationalratspräsident Martin Candinas (42) – für ein Jahr der höchste Schweizer. Als einer von drei rätoromanischen Politikern im Parlament eröffnet und schliesst er Reden und Sitzungen in seiner Muttersprache. «Rätoromanisch ist keine Folklore, sondern eine gelebte Sprache. Leider geht das oft vergessen. Darum tuts nur gut, mehr Rumantsch zu hören. Und wenn die Parlamentarier und Parlamentarierinnen nichts verstehen: Das Läuten der Glocke hören sie dann schon», sagt der stets gut gelaunte Bündner und lacht.

Martin Candinas, Nationalratspräsident, Eliane, Laurin, Linus, Lena,

Wer gewinnt? Bei einer Runde «Mario Kart» ist Martin Candinas überraschend gut, obwohl er sonst fast nie auf dem Sofa in der Stube sitzt.

Kurt Reichenbach
La famiglia

Nicht ganz so gut gelaunt sind an diesem Freitagmorgen die drei Kinder, Laurin (12) Linus (10) und Lena (8) zu Hause in Chur. Es ist ihr letzter Ferientag, beim Zmorge am Esstisch hängen die Köpfe schwer in ihren Händen. «Ussa vegni intec neunavon» – werdet jetzt ein bisschen wach, sagt der Vater. «Dafür, dass Martin so selten zu Hause ist, sprechen die Kinder recht gut Romanisch», sagt Mutter Eliane (42). Die Solothurnerin selber redet nur Schweizerdeutsch mit ihnen.

Bei einer Partie «Mario Kart» auf der Nintendo Switch tauen die Kinder dann aber schnell auf. Nachdem Linus seinem Vater erklärt hat, wie das Spiel funktioniert, gehts los. «Kann es sein, dass ich auf dem vierten Platz bin?», fragt Candinas etwas ungläubig nach der ersten Runde. «Papa, es geht weiter», bekommt er lediglich als Antwort zu hören.

Auf dem schwarzen Sofa im Wohnzimmer sitzt der Mitte-Politiker nicht oft. Neben seinem Amt in Bern arbeitet er 20 Prozent bei der Helsana – nach der Wirtschaftsmatura hatte er den Chef der Versicherung zufällig auf der Skipiste kennengelernt. «Ich begann dann als Kundenbetreuer, wurde Kundenberater, später Filialleiter und bin bis heute geblieben.» Zudem hat er 15 Mandate inne. «Die meisten sind aber ehrenamtlich!» Als Pöstchenjäger will er sich nicht abstempeln lassen.

Martin Candinas, Nationalratspräsident

Im Keller seines Hauses hat Martin Candinas sein Büro eingerichtet. «Zurzeit leider etwas unordentlich.»

Kurt Reichenbach
La politica

Für die einen gilt Candinas als Aushängeschild der Alpenschützer, für andere als Subventionsjäger der alten Täler. Was er sicher ist: ein Mann aus den Bergen. Candinas wuchs im Bündner Oberland im Dörfchen Rabius auf. Der Vater führte eine Bedachungsfirma, die Mutter kümmerte sich mit ihm um das Büro. «Am Familientisch politisierten und diskutierten meine Eltern immer – das ist halt so, wenn man in einem Kleinunternehmen aufwächst.» Mit 18 tritt er der Jungen CVP bei. «Für mich kam nur eine Mittepartei infrage.» Als junger Mann setzt Candinas sich für die Porta Alpina ein – doch der Kampf um eine unterirdische Bahnstation in der Mitte des Gotthard-Basistunnels bleibt erfolglos. Anders siehts bei der Steila Surselva aus, dem Nachtbus, der die Jugendlichen nach dem Ausgang im Winter von Laax bis Sedrun nach Hause bringt. «Das Angebot gibts heute noch», sagt Candinas stolz.

Martin Candinas, Nationalratspräsident

Er übt schon mal: Im Sommer fährt der höchste Schweizer mit seinem E-Bike vom Oberalppass nach Basel. Durch acht Kantone, dem Rhein entlang.

Kurt Reichenbach

Seine politische Karriere verläuft ähnlich steil wie die Felswände in seiner Heimat: Mit 26 Jahren schafft er den Sprung in den Grossen Rat und vor elf Jahren in den Nationalrat. Schweizweit macht Candinas als Freund der SRG, als Verkehrspolitiker und Verfechter des Vaterschaftsurlaubs von sich reden. Der Bündner gilt inzwischen als Aushängeschild der wertbewussten Mitte-Partei. Als die CVP Schweiz 2015 nach einem neuen Präsidenten oder 2018 nach einem Nachfolger für Doris Leuthard im Bundesrat sucht, gilt er als Spitzenkandidat. Doch Candinas stellt sich nicht zur Verfügung. Wegen Laurin, Linus und Lena. «Die Belastung wäre zu gross gewesen, die Kinder waren noch zu klein. Ich sage nur Ja, wenn etwas für mich wirklich passt.» Seine Ehefrau fügt hinzu: «Es lag ganz bei ihm.»

Martin Candinas, Nationalratspräsident

Sind seit 20 Jahren ein Paar: Martin und Eliane Candinas. «Eli ist die Familienunternehmerin. Sie hält mir den Rücken frei.»

Kurt Reichenbach
La carezia

Das Paar lernte sich vor 20 Jahren am Open Air Lumnezia beim Konzert von Gianna Nannini kennen. Sechs Jahre später heiraten die beiden in Disen- tis GR und feiern ihr Hochzeitsfest im Skigebiet. Eliane Candinas arbeitet drei Vormittage als Schulassistenz im Kindergarten und kümmert sich sonst um die Kinder. «Eli ist die Familienunternehmerin. Sie hält mir den Rücken frei», sagt ihr Ehemann. «Klar bin ich stolz auf ihn. Das Amt hat unser Familienleben nicht gross verändert – es ist nicht so, dass er vorher viel zu Hause war», sagt sie. «Aber für mich stimmt das so.»

Ob er es bereut, nicht öfter zu Hause zu sein? «Ja, teilweise schon», sagt er nachdenklich. «Ich habe tatsächlich das Gefühl, ich bin wenig zu Hause, gell, Eli? Aber dafür schaue ich, dass ich tolle Sachen mit den Kindern unternehmen kann, wenn ich hier bin.» So ging er letzte Woche mit ihnen in den Säntispark, oft gehts auf die Piste oder auf den Fussballplatz. «Und heute Abend will Laurin ein Rezept von Tiktok nachkochen, also machen wir das zusammen. Gnocchi alla romana.» Und wenn die Mutter mal weg ist, geht er manchmal mit den Kindern Dürüm essen.

Martin Candinas, Nationalratspräsident, Eliane, Laurin, Linus, Lena,

Die Kleinen gegen die Grossen: Vor dem Haus spielen die Candinas Unihockey – die drei Kinder sind im Verein. Der Vater wärs auch gern. «Leider fehlt mir dafür die Zeit.»

Kurt Reichenbach

Für die nächste Legislatur kandidiert Candinas nochmals als Nationalrat. Was danach kommt, wer weiss? «Wenn man so jung in die Politik geht wie
ich, dann gibts irgendwann ein Leben nach der Politik. Und dieses wird in der Wirtschaft sein. Dessen bin ich mir bewusst.» Il spagat denter famiglia e carriera resta – der Spagat zwischen Familie und Karriere bleibt.

Von Silvana Degonda am 13. Januar 2023 - 18:08 Uhr