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  4. Influencerin Xenia Tchoumi über Rassismus: «Ich bin das Gegenteil von meinem Erscheinungsbild»

Xenia Tchoumi kämpft mit Diskriminierung

«Ich bin das Gegenteil von meinem Erscheinungsbild»

Im Alter von fünf Jahren kam Influencerin Xenia Tchoumi nach Lugano. Obwohl das Tessin ihre Heimat ist, wurde sie als Kind diskriminiert – und auch heute noch muss sie sich gegen Vorurteile wehren.

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Hat Erfahrungen mit Rassismus gemacht: Xenia Tchoumi.

Joseph Khakshouri

«Ich erinnere mich daran, dass alles viel grüner schien», sagt Xenia Tchoumi. Es sind die ersten Erinnerungen an die Schweiz, die sich die Influencerin im Gespräch mit «SRF Virus» wieder ins Gedächtnis ruft. Die heute 33-Jährige kam im Alter von fünf Jahren nach Lugano – als Tochter eines Russen und einer Halbukrainerin. «Es war Sommer, vielleicht täusche ich mich auch», erzählt sie weiter. «Aber es war grün und farbig, lebendig.»

Das Leben in der Schweiz – als kleines Mädchen eine «wunderbare Erfahrung», wie sie sagt. Auch wenn der Weg früh von Unsicherheiten geprägt war. Denn Tchoumi lernte erst in der Schweiz Italienisch. «Zu Beginn schämte ich mich vor meinen Klassenkameraden, wenn ich ein Wort nicht kannte», erinnert sie sich. Mittlerweile bezeichnet sie Italienisch als ihre Muttersprache. «Ich kann wirklich sagen, dass ich auf Italienisch denke, träume und mich auch ausdrücke.»

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Früh mit Diskriminierung konfrontiert

Obschon der Lernprozess in der Sprache sehr rasch vonstattenging, kriegte Tchoumi immer wieder zu spüren, dass sie eine andere Herkunft hat. «Ich denke schon, dass ich diskriminiert wurde», sagt sie nachdenklich. 

«Ich konnte die Diskriminierung sehen»

Xenia Tchoumi

In der Primarschule etwa habe es ein Geburtstagsfest eines sehr beliebten Mädchens gegeben. Dieses habe ausschliesslich Schweizer Kinder eingeladen. «Natürlich versteht man als etwa Siebenjährige nicht, warum man nicht eingeladen wurde», sagt Tchoumi. Später aber realisierte sie, was der Grund dafür war. «Es ist wirklich sehr rassistisch.» Sie reagierte auf die Diskriminierung – wenn auch unbewusst. «Gut möglich, dass ich mich beleidigt fühlte und unbewusst den Drang verspürte, mich zu beweisen. Ich schrieb dann gute Noten und wurde sogar besser in der Schule als sie.» Der Erfolg im Leben sei oft eine Reaktion auf ein negatives Erlebnis. «Ich habe mich sehr schnell angepasst.»

Ein andermal war es nicht sie, die diskriminiert wurde, sondern ihr dunkelhäutiger Freund. Mit ihm und einigen Freunden besuchte sie im Alter von zwölf Jahren ein Fest. «Wir wurden gebeten, das Fest zu verlassen, weil meine dunkelhäutigen Freunde nicht willkommen waren», erzählt Tchoumi. «Ich war empört, denn ich war mit allen befreundet, egal ob Schweizer oder Ausländer.» Dieser Moment hat sich in ihre Erinnerung gebrannt. «Ich konnte die Diskriminierung sehen.»

«Ich verstehe, warum es Rassismus in der Schweiz gibt»

Dass sich Leute von der Andersartigkeit bedroht fühlen, kann die Ex-Vize-Miss-Schweiz nachvollziehen. «Ich verstehe, warum es Rassismus in der Schweiz gibt.» Die Gründe dafür sieht sie in der Struktur und der Geschichte des Landes. «Die Schweiz ist ein kleines Land, es muss sich verteidigen können, um die eigene Identität zu wahren. Wenn die Identität fragil ist, wird man auch stolzer.»

Dasselbe passiere auch mit Ausländern, wie Tchoumi feststellt. «Leider habe ich sehr viele Ausländer gesehen, die nach mehreren Jahren in der Schweiz zu Rassisten werden.» Diesen Prozess bezeichnet sie als «total absurd» – und kann ihn sich nicht anders erklären als mit einem «Problem des Egos».

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In ihrer Schweizer Heimat: Tchoumi kam als 5-Jährige nach Lugano. Hierhin kehrt sie auch heute noch gerne zurück, obwohl sie mittlerweile London ihr Zuhause nennt.

Joseph Khakshouri

Auch heute noch kämpft sie mit Klischees

Seit ihren Anfängen in Lugano hat Xenia Tchoumi viel von der Welt gesehen, lebt heute in London, war unter anderem schon in New York zuhause, in Zürich und im Tessin. «Aufgrund der Tatsache, dass ich schon an so vielen Orten gelebt habe und mich so international fühle, verspüre ich nicht wirklich das Bedürfnis, einer bestimmten Gruppe anzugehören.»

Auf ihre russische Herkunft wird Tchoumi aber nach wie vor reduziert, kämpft mit Klischees. «Ich erscheine als diese russische junge Frau, der alles auf einem Silbertablett serviert wurde», sagt sie. «Stattdessen bin ich eine Selfmade-Frau, habe hart gearbeitet, bin Feministin.» Oder, wie Tchoumi es selber sagt: «Ich bin das Gegenteil von meinem Erscheinungsbild.» Dass man sich ein Bild von ihr mache, das nicht mit ihrer Person übereinstimme, ärgert sie. «Es kommt heute noch vor, gerade wegen meines Aussehens und meines Namens.»

Tchoumi hat gelernt, den Menschen das wahre Bild zu zeigen – die Xenia, die ist, und nicht die, die erwartet wird. So blickt sie trotz aller Schwierigkeiten in der Kindheit voller Dankbarkeit zurück. «Obwohl ich fremd war und diskriminiert wurde, hat mir die Schweiz eine Riesenchance gegeben – und gibt sie mir heute noch, obwohl ich in London lebe.» Sie sei der Schweiz dankbar. «Für mich ist sie ein wirklich magisches Land.»

Von Ramona Hirt am 24.08.2020
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