Am Tag nach ihrem Coup sitzt Camille Rast beim Frühstück im Hotel Menardi, lächelt und schaut zum Fenster raus. «Ich habe gut geschlafen.» Draussen gibt Frau Holle alles – so wie die 26-jährige Walliserin 20 Stunden zuvor auf der Piste. Der Schnee türmt sich Zentimeter um Zentimeter im 1224 Meter hoch gelegenen Cortina d’Ampezzo. Als wolle Petrus zeigen: Wir haben die Ski-Königinnen auf der Tofana, dem Hausberg, erkoren – nun gehört der Ort wieder den Einheimischen. Nicht ganz. Am Fuss der Dolomiten wird noch Curling gespielt und Bob gefahren. «Aber ich bin wohl die letzte Skifahrerin, die Cortina verlässt», sagt Rast schmunzelnd.

Es ist Silber für die Walliserin im Slalom! Als Zweitschnellste überquert sie in Cortina die Ziellinie – nur Amerikanerin Mikaela Shiffrin ist schneller.
Sven ThomannAm rechten Daumen trägt sie noch eine Schiene, für das Foto nimmt sie diese aber ab. «Ich bin im Training hängen geblieben.» Die ständigen Stiche, die sie danach während des Slaloms spürte, sind ihr nun egal. Silber entschädigt. «Mega zufrieden» sei sie. Der Abend nach ihrem super Erfolg war «magnifique». Sie habe sich ein feines Stück Fleisch gegönnt. «Und zum Dessert gabs einen Karottenkuchen, extra für mich gebacken!» Wichtiger noch, am Tisch sassen ihre Liebsten: Vater Philippe, ehemaliger Motocrossfahrer, und Mutter Marlène, früher begeisterte Leichtathletin, Athletik-Coach Florian Lorimier und Skitrainer Denis Wicki. Der 64-jährige Wicki, ebenfalls Walliser, ist ihre wichtigste Bezugsperson beim Skifahren; nun geht er in Pension. «Die Medaille ist auch ein Abschiedsgeschenk für Denis. Er hat mir so viel gegeben. Wenn wir daheim sind, lade ich ihn nochmals zum Essen ein.»

Eine Medaille für das Team: Vertrauenscoach Denis Wicki, Athletikcoach Florian Lorimier und Osteopath Marco Jermini (v. l.).
keystone-sda.chDrei Tage nimmt sich Camille Rast frei. Olympia war hart – nicht unbedingt körperlich, aber mental. «Ich will Wäsche waschen, die Olympia-Kleider verstauen – wenn möglich auch reiten.» Schon als Mädchen liebte Camille, die als Einzelkind aufwuchs, Pferde. Sie übte Dressurreiten, Voltigieren. Nun erzählt sie von Lorlido, dem Pferd einer Freundin. «Ob ich mit ihm ausreiten kann, weiss ich noch nicht. Aber Hallo sagen werde ich ihm sicher sofort.»
Spass und Gesundheit
Daheim will sich Camille Rast auch ihre Silberfahrt noch einmal in Ruhe anschauen. Nicht um in Erinnerungen zu schwelgen. «Ich habe schon viel bessere Läufe gezeigt. Aber die Analyse gehört dazu.» Erst dann sei das Kapitel Olympia für sie abgeschlossen. Vier Rennen bestreitet sie im Weltcup noch. Mitte April steht dann die Camille Rast Trophy in Zinal VS an, ein Herzensprojekt, ein Skitag für Jung und Alt. «Mit viel Spass!», sagt sie. «Die Leute fahren wie ich leidenschaftlich Ski. Bei mir ist es auch noch der Beruf. Darüber bin glücklich.» Für ihre Karriere musste sie lange kämpfen: Mit 18 erkrankte sie am Pfeifferschen Drüsenfieber, brach die Saison ab, kämpfte mit Depressionen. 2019 riss das Kreuzband. Und vor einem Jahr zog sie sich bei einem Sturz in Sestriere eine Hüftverletzung zu, die immer noch Probleme bereitet.

Im House of Switzerland verewigt sich Camille Rast neben Marco Odermatt.
Sven ThomannDoch Camille Rast ist keine, die aufgibt. Ihre Zukunftswünsche? «Gesundheit!» Draussen schneit es weiter. «In zehn Tagen stehe ich wieder auf den Ski, um zu trainieren. Danach fliege ich nach Schweden für die nächsten Rennen.» Ein Olympia-Blues hat keinen Platz. «Ich liebe den Weltcup-Rhythmus. Da geht es zur Sache.»Camille Rast bedankt sich, holt ihre Koffer, wischt den Schnee von ihrem Auto und lädt ein. Acht Stunden Fahrt liegen vor ihr, bis sie zu Hause in Vétroz ankommt. Die Silbermedaille im Gepäck verkürzt die Fahrt – zumindest gefühlt.
