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Corona-Betroffene erzählen

«Ich bin nicht unbesiegbar»

Als Corona-Patient schaute Sébastien Lagrange dem Tod in die Augen. Nun wollen viele Kunden den Waadtländer Klavierstimmer nicht mehr in ihrer Stube.

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Daheim in der Stube: Lagrange mit Ehefrau Karleen, 49. «Der Corona-Test bei ihr war zum Glück negativ.»

Nicolas Righetti

«Nach dieser schweren Zeit verspüre ich eine grosse Demut.» Sébastien Lagrange lehnt an einem Baumstamm in der Nähe seiner Wohnung in Epalinges VD. Noch nicht lang ists her, da lag der 47-jährige Klavierstimmer als Corona-Patient schwer krank im Spital. Die Ärzte hatten nur noch wenig Hoffnung. «Ich habe geweint. Aus Angst zu sterben. Obwohl ich gläubig bin.»

Das Virus erwischt den Waadtländer Ende Februar. Als er in einer Kirche Kontakt hat mit einer Person, die kurz zuvor an einem Gottesdienst im französischen Mülhausen war. Vier Tage später bekommt Lagrange, der noch nie gesundheitliche Probleme hatte, Grippesymptome, das Fieber steigt auf 39,5 Grad. Auf der Spital-Notfallstation schicken sie ihn nach Hause – ohne Corona-Test. Das hohe Fieber bleibt. Am 6. März stellt ein Notfallarzt eine Lungenentzündung fest, auch er schickt den Patienten heim, mit Medikamenten.

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Lagranges Zustand verschlimmert sich. Am selben Abend ruft seine Frau Karleen die Freundin an, die in Mülhausen war. Diese erzählt, sie sei Corona-positiv. Ohne Zögern begeben sich die Lagranges ins Unispital Lausanne. Der Test ergibt: Sébastien hat Covid-19. Auf der Intensivstation kommt er in ein Isolierzimmer. Über einen Schlauch in der Nase wird er beatmet, von Kopf bis Fuss liegen Eisbeutel, überall Kabel, Sonden, Katheter. Die Ärzte sind nicht sicher, ob er die Nacht überlebt. Für eine Stunde darf Karleen ans Bett. Sébastien kann nicht sprechen, der Husten ist zu stark. Sie berichtet, in Genf sei eine Frau an Covid-19 gestorben.

«Ich fühlte mich unendlich schwach und verzweifelt. Betete zu Gott», erinnert sich Sébastien. «Ich rief meine Eltern an, sagte ihnen Adieu.» Doch Pflege und Medikamente zeigen Wirkung. Zwei Tage nach Eintritt kommt er auf die Überwachungsstation. Am 13. März kann er das Spital verlassen, daheim bleibt er fünf Tage in Quarantäne. Bei den ersten Spaziergängen gerät er rasch ausser Atem.

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Sébastien Lagrange, 47, in seinem Wohnort Epalinges VD. «Ich habe mich gut erholt von meiner Corona-Erkrankung.»

Nicolas Righetti

Heute gehts Lagrange so gut wie vor der Corona-Attacke: Leidenschaftlich spielt er wieder Pétanque und Tischtennis. Der Waadtländer Kantonsarzt hat ihm gesagt, er sei nun immun gegen Covid-19. Doch das nützt ihm oft nichts, wenn es um seine Arbeit geht – als Klavierstimmer hat er am Montreux Jazz Festival schon Keith Jarrett und Herbie Hancock zufriedengestellt. Doch nun hat Lagrange ein Problem. Wenn er die Kunden vor dem vereinbarten Termin telefonisch über seine Corona-Geschichte informiert, wollen viele – vor allem ältere – nicht mehr, dass er in ihre Stube oder ihr Musikzimmer kommt. «Dabei bin ich ja am ungefährlichsten.» Und er würde selbstverständlich eine Maske tragen. Er fordert, dass der Staat ihn als unabhängigen Künstler bei solchen Ertragsausfällen finanziell unterstützt.

Doch Sébastien Lagrange hadert nicht. Im Gegenteil. «Ich bin glücklich und dankbar, noch zu leben.» Viele Bekannte haben für ihn gebetet, sogar in Afrika. Er will Hoffnung machen. «Viele Corona-Patienten werden wieder gesund.» Doch beim Einkaufen trägt er eine Maske. Er weiss: Vielleicht mutiert das Virus einmal – und es kann ihn erneut erwischen. «Ich bin nicht unbesiegbar.»

Von Thomas Kutschera am 19.04.2020
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