Eigentlich war dichter Schneefall angesagt, aber die Sonne bricht am Morgen der Abreise über Bormio aus den Wolken. Und auf der Terrasse des Hotels Nevada trinken die Gäste gemütlich ihren Kaffee. «Wenn Engel reisen …», könnte man jetzt wohl sagen. Der «Goldengel» der Schweiz, Franjo von Allmen, reist heute zurück in die Heimat.
Es gibt viele Worte, mit denen der 24-Jährige in den letzten fünf Tagen beschrieben wurde: Ski-Gott, König von Bormio, Schweizer Goldjunge, Gold-Gigant. Die Liste ist endlos. Von Allmen sitzt im Restaurant des Hotels und trinkt ein Cola. Von allen Seiten wird er angesprochen. Hotelgäste wollen ein Selfie, die Hotelmitarbeiter herzen ihn und gratulieren dem Überflieger dieser Olympischen Spiele, verabschieden sich liebevoll.

Der Goldjunge verabschiedet sich von der Besitzerfamilie des Hotels Nevada, wo das Schweizer Team untergebracht war: Marco Anzi (70) Schwiegersohn Denis Pedranzini (39) und seine Frau Viola Anzi (40, v. l.).
© PASCAL MORA«Ich habe ehrlich gesagt keine Worte dafür, was in den letzten Tagen passiert ist», sagt der Berner ein wenig müde, aber glücklich. Am Tag zuvor wurde bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. Online kursieren Videos von ihm, wie er zu Après-Ski-Hits trällert. «Oh nein, an mir ist sicher kein Sänger verloren gegangen», scherzt er, «ich singe sonst eigentlich nur unter der Dusche!»
Das Handy ist mit Nachrichten übervoll, der E-Mail-Posteingang seines Managers mit Anfragen geflutet. «Zum Glück ist es nicht mein Job, das zu erledigen», witzelt er.
Doch jetzt gehts erst mal nach Hause ins 430 Kilometer entfernte Boltigen im Simmental. «Ich freue mich sehr auf daheim. Auf die nächsten freien Tage mit meiner Familie.» Pläne hat er keine, nur einen grossen Wunsch: «Schlaf werde ich mir gönnen! Es war ziemlich viel los, und die Partys zwischendurch haben das Ganze auch nicht erholsamer gemacht.»
Mit seinem älteren Bruder Kilian lebt er in einer WG. Zwei Drittel des Jahres ist von Allmen mit dem Swiss-Ski-Team unterwegs, teilt sich Zimmer, Skialltag und Freizeit. «Ich liebe unser Team, aber ganz ehrlich: Manchmal habe ich die Schnauze voll von den anderen – vor allem, wenn es Richtung Frühling geht!» Er lacht. «Irgendwann hat man sich ja alles erzählt. Es gibt auch Tage, wo nichts geredet wird.»

Was für ein Abenteuer! «Es ist ungewohnt, plötzlich der Mittelpunkt des Geschehens zu sein!», sagt von Allmen im Teamhotel Nevada in Bormio.
© PASCAL MORAIn der Reisetasche darf eines nie fehlen: die Dartscheibe. Ob der Goldjunge in diesen Tagen eigentlich auch mal irgendetwas verloren hat? «Ja! Ich habe gegen Marco im Spikeball verloren!», erzählt er an der Pressekonferenz. Odi lacht mit. Wahrscheinlich aber ein schwacher Trost für den sonst grössten Trumpf der Schweiz. Er dominiert seit Jahren den Weltcup in drei Disziplinen, und nun stellt von Allmen ihn in den Schatten.
Von Allmen gibt zu: «Es tut weh, Marco so niedergeschlagen zu sehen. Man hat gemerkt, wie wichtig ihm diese Olympischen Spiele waren. Es ist eine Gratwanderung zwischen der überglücklichen Freude für einen selbst und der Enttäuschung guter Freunde im Team.» In der Zwischenzeit konnte auch Odi jubeln: Er kehrt mit drei Medaillen heim.
Ab ins Ungewisse
Mit dem dreifachen Triumph hat niemand gerechnet, am allerwenigsten er selbst. Er startete mit wenig Erwartungen in die Abfahrt, die Königsdisziplin des alpinen Skisports. «Das ist sicher einfacher und nimmt den Druck. Ich wusste, dass ich gut in Form bin, aber drei Goldmedaillen habe ich mir definitiv nicht erträumt.»

Alle wollen Selfies: Kurz vor der Abreise nimmt sich der Skicrack auf der Sonnenterrasse gern Zeit für seine Fans.
© PASCAL MORADas Leben des bescheidenen Zimmermanns wird sich nun ändern. Ob er Angst davor hat? «Nein, das nicht. Aber Respekt. Und ich bin gespannt, was alles passiert. Was ich weiss: Ich bleibe der Gleiche. Das habe ich schon vor meinem ersten Weltcuprennen gesagt und auch nach den zwei WM-Medaillen – egal, ob da jetzt noch Olympia-Medaillen nebenan hängen.»
Wo diese einen Platz bekommen werden, weiss von Allmen noch nicht. Erst verabschiedet er sich vom Hotelpersonal. Eine Frau, die im kleinen Lädeli gegenüber arbeitet, umarmt den Champion. Dann schüttelt er dem Hotelchef Marco Anzi, 70, die Hand. Anzi sagt: «Franjo ist ein wahnsinnig toller und lieber Junge. Was er hier gezeigt hat, ist einfach unglaublich. Auch als Italiener muss ich zugeben: Er war unschlagbar für alle. Bravo!»

Herzige Geste: Nina (7), die Enkelin von Hotelbesitzer Anzi, bastelte kleine Fankarten für die Schweizer Athleten.
© PASCAL MORAMit den drei goldenen Olympia- Medaillen reiht sich von Allmen als erst dritter Mann in die Reihe des Österreichers Toni Sailer und des Franzosen Jean-Claude Killy ein. Dieses Kunststück vollbrachten die beiden Männer 1956 und 1968 – vor über 50 Jahren. Von Allmen sind solche Rekorde und Listen nicht wichtig. «Ich muss zugeben, ich kannte die beiden Herren nicht», sagt er lachend. «Vielleicht wird Skigeschichte in ein paar Jahren interessant für mich, aber jetzt noch nicht.» Für den Hotelchef schliesst sich mit Franjo ein spezieller Kreis. «Ich habe Toni Sailer und auch Jean-Claude Killy beide in jungen Jahren persönlich in Italien getroffen, im Hotel meiner Familie. Dass ich den Dritten im Bunde nun selbst bewirten durfte, war mir eine sehr, sehr grosse Ehre.» Auch seine siebenjährige Enkelin ist im Skifieber und fertigte für jeden Athleten ein kleines Fanblatt an mit den Worten «Forza Schwiiz!» Nonno Marco übergibt diese schliesslich an Franjo.

Endlich nach Hause! Von Allmen belädt das Auto. «Man gewöhnt sich an ein Leben aus der Tasche.»
© PASCAL MORAAb nach Hause
Dieser lädt nun Taschen und Rucksäcke in allerlei Formen ins Auto, schiebt, sortiert. Einer seiner Trainer joggt heran, wirft einen Blick in das Chaos und ruft lachend: «Der hat immer viel Zeugs dabei!» Franjo schmunzelt, klappt die Heckklappe zu, schaut kurz zurück und winkt. Sein Name Franjo – die kroatische Form von Franz, was so viel bedeutet wie «der Freie» – passt wie kaum ein anderer. Frei ist er gefahren an diesen Olympischen Spielen in Italien, leicht, kühn, unaufhaltsam. Und jetzt kennt die ganze Welt diesen Namen.

