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Neuer Bischof Joseph Bonnemain

«Ich habe homosexuelle Freunde»

Er ist der neue Kirchenchef in Chur: Joseph Bonnemain zeigt seine Lieblingsorte in Zürich. Und sagt, wie er zu Homo-Ehe, Abtreibung und Emanzipation steht.

Joseph Bonnemain, Bischof, SI 12/2021

Joseph Bonnemain in der Zürcher Kirche St. Josef. «Ich fühle mich dem biblischen Josef verbunden. Auch er hatte keine leichte Aufgabe.»

Geri Born

Die Hand

Bonnemain – die gute Hand. Ein schöner Name für einen Bischof. Joseph Bonnemain, 72, verdankt ihn seinem jurassischen Vater. Die Jugend in Barcelona seiner katalanischen Mutter. 1967 kommt er 19-jährig in die Schweiz. Den Akzent hat er mitgenommen und bis heute behalten. Er spricht fünf Sprachen. «Nur Schweizerdeutsch nicht. Wer weiss, vielleicht kann ich es dann im Himmel plötzlich fliessend!» 

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Bonnemain – ein schöner Name für einen Arzt. Wir sind im Spital Limmattal in Schlieren ZH. Hierher hat uns der Theologe eingeladen. Denn hier arbeitet er seit 36 Jahren jeden Montag als Seelsorger – «und das werde ich in Zukunft sehr vermissen». 

Bevor er Theologe wird, studiert er in Zürich Medizin, will seine guten Hände einsetzen, um zu helfen. Ein Erlebnis aus dieser Zeit bleibt ihm bis heute: «Ich operierte einen Mann, hatte seinen lebendigen Körper unter meinen Händen. Später sah ich den Körper desselben Mannes bei einer Autopsie. Alle Organe waren noch an Ort und Stelle. Und doch war alles anders.» Etwas Heiliges ist verschwunden, und dessen Abwesenheit kann Bonnemain beinahe mit seinen Händen greifen.

Joseph Bonnemain, Bischof, SI 12/2021

«Hier sollte ich wohl mal einkaufen!» Bonnemain bewundert einen Perückenladen an der Langstrasse. 

Geri Born

Der Stab

Am 19. März wird Joseph Maria Bonnemain zum Bischof von Chur geweiht. Zu seinem Bistum gehören auch Uri, Schwyz, Nidwalden, Obwalden, Glarus – und Zürich. Eine langjährige Wartezeit geht mit dieser Feier zu Ende. Das Domkapitel des zerstrittenen und von Intrigen und Machtkämpfen zerrütteten Bistums hat sich nicht zu einer Wahl durchringen können.

Da greift Papst Franziskus ein und richtet Bonnemain aus, er habe ihn für dieses Amt ernannt. «Ich sagte, das sei eine Mission impossible!», erzählt Bonnemain. «Unmöglich, was da von mir erwartet wird. Der zuständige Kardinal Marc Ouellet antwortete nur: ‹Für Gott ist nichts unmöglich›!»

Joseph Bonnemain, Bischof, SI 12/2021

«Katalanen sagen übrigens gar nicht olé!» Joseph Bonnemain unterwegs im Zürcher Chreis Cheib.

Geri Born

Zur Weihe in Chur lädt Bonnemain drei Prostituierte von der Zürcher Langstrasse ein. Schwester Ariane, die sich dort um Randständige kümmert, ist ebenfalls geladen. Nun erwartet sie einen Besuch des Bischofs bei ihr auf der Langstrasse – aber ohne Journalisten und Fotografen. «Das werde ich machen», sagt Bonnemain. «Die Kirche muss raus zu den Leuten, auf die Strasse. Jeder Mensch hat einen Schatz in sich, davon bin ich überzeugt.»

Nach seiner Weihe verabschiedet Bonnemain in Chur die Gäste vor der Kirche. Den 1500-jährigen Bischofsstab legt er zur Seite. «Ich will die Hände für die Menschen frei haben.»

Joseph Bonnemain, Bischof, SI 12/2021

«Was für ein Privileg»: Im Spital Limmattal in Schlieren ZH begrüsst Bonnemain den kleinen Alessio kurz nach der Geburt.

Geri Born

Das Herz

Zurück im Spital Limmattal. Bonnemain kennt die Gänge, grüsst alle, fasst die Menschen an. «Ich bin zum Glück gegen Corona geimpft.» Als Erstes besucht er eine alte Bekannte, die auf eine Operation wartet. Sie staunt: «Jetzt werden Sie sogar noch Bischof?» – «Ich weiss – eine Katastrophe!» Bonnemain lacht. Weiter zu einer Spitalmitarbeiterin, die vor einem Tag ihren Sohn zur Welt gebracht hat. «Unglaublich, was für ein Privileg ich habe», sagt der Gottesmann mit dem kleinen Bündel namens Alessio im Arm. 

«Dieses Spital hat mich verändert», sagt Bonnemain dann. «Vor vierzig Jahren war ich ein anderer Mensch. Ich hatte Theorien und Ideale ohne Ende. Jetzt weiss ich, dass das Leben nicht einfach schwarz-weiss, sondern voller Graustufen ist.»

Die Sünde

Als Kind ist Joseph Bonnemain dreimal pro Woche ins Kino gegangen, weil sein Vater ein Filmstudio leitete. Sein Lieblingsfilm? «Das Fest», ein dänisches Drama, in dem sich der sexuelle Missbrauch eines Vaters an seinen Kindern offenbart. «Happy Ends und Hollywood-Komödien gefallen mir nicht. Ich möchte die Vielfalt des menschlichen Lebens spüren – die Höhen und die Abgründe.» 

Wenige Tage nach seiner Weihe besucht Bonnemain die Zürcher Langstrasse. Rein in den Sündenpfuhl. «Auch ich fühle mich zu allen Dummheiten imstande», sagt Bonnemain. «Doch Jesus hat mich gezähmt.» 

Im allgemeinen Trubel fällt der kleine Mann mit dem grossen Kreuz nicht auf. Ist er derart modern, dass
er hier auch mal an der Homosexuellen-Parade Pride mitmarschieren würde? «Nein. Kundgebungen sind nicht mein Stil.» 

Joseph Bonnemain, Bischof, SI 12/2021

Kleiner Mann mit grossem Kreuz: Joseph Bonnemain an der Zürcher Josefstrasse.

Geri Born

Er habe homosexuelle Freunde und sehe sie «weder als bessere noch schlechtere Menschen wie die heterosexuellen». Segnungen schliesst er nicht aus, doch das Sakrament der Ehe sei nichts, was er auch schwulen und lesbischen Paaren ermöglichen könne. «Die Bibel und die Glaubenskongregation geben da die Leitplanken vor.»

Das Thema Abtreibung sei eine «Gratwanderung», mit der er auch im Spital konfrontiert wurde. «Ich möchte für alle Menschen da sein, kann aber mein eigenes Gewissen auch nicht ablegen. Mit Verboten und Drohungen erreicht die Kirche auf jeden Fall nichts.» 

Bis zu welchem Grad seine Arbeit als Seelsorger ihn moderner gemacht hat, wird nicht ganz klar. Kritiker nennen ihn einen «Wolf im Schafspelz», der hinter seinem offenen Auftreten einen doch noch sehr konservativen Kurs verberge. Differenziert er, oder drückt er sich davor, wirklich Stellung zu beziehen? Sein Vorbild Papst Franziskus wird Bonnemain in diesen heiklen Fragen wohl nicht überholen. 

Beim Thema Frauen wird er etwas konkreter: «Es müssen Wege gesucht werden, um mit ihnen auch Schlüsselpositionen zu besetzen. Aktuell ist es von der Kirche nicht so vorgesehen, es ist aber eine Entwicklung im Gang.»

Joseph Bonnemain, Bischof, SI 12/2021

Emotional: Auf der Pflegestation schaut Joseph Bonnemain bei Elisabeth Gwerder vorbei. «Beten Sie für mich!», sagt der Bischof.

Geri Born

Der Geist

Viel wurde seit Bonnemains Ernennung geschrieben über seine Mitgliedschaft bei der umstrittenen Vereinigung Opus Dei. Gerüchte über Selbstkasteiung – Bonnemain: «Nur beim Krafttraining!» – halten sich ebenso wie ein allgemeines Misstrauen dieser Institution gegenüber.

«Vielleicht bin ich ein atypisches Mitglied, oder vielleicht hat diese Organisation in der Vergangenheit Fehler gemacht, so wie die gesamte Kirche.» Trotzdem bezeichnet Bonnemain Opus Dei als «meine Heimat». Bis jetzt, denn nun wird Chur zu seiner neuen Heimat. 

Eine Heimat, in der er erst mal aufräumen muss. Einer seiner Gegner, Martin Grichting, hat das Feld schon geräumt. Jetzt will der Sohn eines Jurassiers und einer Katalanin zeigen, dass er kein Separatist ist, sondern Brücken bauen kann. «Beten Sie für mich!» 

Und auch wenn er kurz vor seiner Weihe noch gesagt hat, er freue sich überhaupt nicht auf dieses schwierige neue Amt, so glaubt er doch: «Gott hat uns für das Glück geschaffen.»

Von Lynn Scheurer am 28.03.2021
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