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SP-Nationalrätin Tamara Funiciello

«Ich halte nichts vom Wort ‹normal›»

Mit pointierten Aussagen sorgt sie immer wieder für Gesprächsstoff. Wie SP-Nationalrätin Tamara Funiciello ihr Selbstvertrauen schon als Kind stärkte, was sie heute nie mehr tragen würde, ­warum sie Harry Potter mag und einmal im Monat kitschig wird.

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Tamara Funicello persönliches Interview 2022

Nach der Sondersession ist vor der Sommersession: Tamara Funiciello, 32, beim Bundeshaus in Bern.

Marion Bernet

Tamara Funiciello, kürzlich forderten Sie einen Oben-ohne-Freipass in der Badi. Wie gross war die Empörung, die Sie damit ausgelöst haben?
Hasskommentare gibts immer. Die Frage ist: Lasse ich mich davon beeindrucken oder nicht? Ich habe mich dagegen entschieden. 

Meiden Sie öffentliche Badis wegen Ihrer Bekanntheit?
Sicher nicht! Ich bin sehr entspannt unterwegs.

Ihre Lieblingsbadi als Kind?
Die Westküste von Sardinien mit ihren wilden Stränden. Dort bin ich aufgewachsen, und dort kann ich mich bis heute gut erholen. 

Was ist Ihre früheste Erinnerung?
Wir verbrachten drei Viertel des Jahres am Meer. Im November sagte meine Mutter jeweils: «Aber gell, Kind, nur mit den Füssen rein» – natürlich war ich am Ende von Kopf bis Fuss nass.

Als Sie Kind waren: Was haben Ihre Eltern da immer zu Ihnen gesagt? 
Versuchs einfach, und wenn du scheiterst, ist es nicht schlimm. Das hat mein Selbstvertrauen gestärkt.

Als Sie 16 waren: Wie sah Ihr Zimmer aus?
Ich war oft unterwegs. Aber ich erinnere mich, dass wir im Parterre wohnten und ich zum Fenster rauskletterte, wenn ich nicht in den Ausgang durfte. Ich dachte immer, meine Mutter habe das nicht mitbekommen – bis sie letztes Jahr sagte: «Du warst so laut, natürlich hörte ich dich.»

Welches Buch hat Sie geprägt?
«Wenn Männer mir die Welt erklären» von Rebecca Solnit hat mir noch einmal vor Augen geführt, was es heisst, in dieser Gesellschaft eine Frau zu sein. Und: Ich liebe Fantasyromane wie Harry Potter. Dieses Genre schreibt alle Regeln neu, das ist sehr befreiend.

Tamara Funicello persönliches Interview 2022

Funiciello (l.) mit raspelkurzem Haar neben Cousin und Cousine in Sardinien (ca. 1998).

ZVG

Haben Sie ein Tattoo?
Nein, aber ich überlege seit fünfzehn Jahren, ob ich eines stechen lassen soll (lacht). Am liebsten einen Phoenix. Oder: «No freedom ’til we’re equal». 

Ihr träfstes Mundartwort?
«Süggu» – das ist Berndeutsch für Knutschfleck.

Ihre peinlichste Modesünde?
Wie lange haben Sie Zeit?

Beschränken wir uns doch auf zwei …
Also mit 16 hatte ich eine Emo-Phase, trug schwarzen Eyeliner, als gäbs nie mehr Freude im Leben. Dann hatte ich eine Hippie-Phase mit braunen langen Röcken, aber mit meiner Grösse von 1,50 Metern sah das furchtbar aus.

Das Kitschigste, was Sie je gemacht haben?
Ich verschicke einmal im Monat Blumen. Meist an Frauen in meinem Umfeld, die etwas Cooles gemacht haben oder in einer schwierigen Phase stecken. Besonders Frauen in Führungspositionen bekommen oft zu wenig Anerkennung. Ihnen will ich sagen: Ich sehe euch.

Die beste Idee Ihres Lebens?
Juso-Mitglied zu werden. Ich war ein sehr hässiger Teenager, aber ich wusste nie genau, warum. Durch die politische Arbeit lernte ich, die Ungerechtigkeiten in dieser Welt zu benennen und etwas dagegen zu tun.

Tamara Funiciello für das Persönliche Interview fotografiert in Bern von Marion Bernet.

Immer im Hosensack dabei: Die Airpods. «Ich höre den ganzen Tag Musik.»

Marion Bernet

Und die dümmste? 
Als Juso-Präsidentin hatte ich die Idee, einen Eisblock mit den Massen acht mal acht mal acht Meter auf den Paradeplatz in Zürich zu stellen. Es hätte Monate gedauert, bis er geschmolzen gewesen wäre.

Für welche Eigenschaften bekommen Sie immer wieder Komplimente?
Mein Mut wird durchs Band anerkannt. Und auch, dass ich kompromissbereit bin.

Was war der unangenehmste Job, den Sie je verrichtet haben?
Mit 16 arbeitete ich am Fliessband in einer Fabrik, das war brutal anstrengend und monoton.

Was an Ihnen ist nicht normal?
Ich halte nichts vom Wort «normal».

Wie sind Sie, wenn Sie betrunken sind?
(Lacht.) Sehr fordernd. Ich weiss dann, wie es läuft, alle müssen mir folgen. Aber ich vertrage fast keinen Alkohol.

Wofür engagieren Sie sich ehrenamtlich?
Die Frage ist eher: wofür nicht? Fast alles, was ich neben meinem Amt als Nationalrätin mache, ist ehrenamtlich. Ich arbeite etwa 120 Prozent. 

Haben Sie ein besonderes Talent, von dem niemand weiss?
Nein, aber ein besonderes Interesse: Ich bin fasziniert von der Astrophysik. Kürzlich war ich Gast an der ETH. Da schnappte ich mir einen Professor und fragte ihn: Was ist jetzt mit diesen schwarzen Löchern?

Ab welchem Geldbetrag ist man Ihrer Meinung nach reich?
Ab 350 000 Franken Einkommen.

Sie wären für einen Tag ein Mann. Was tun Sie? 
Mir von allen recht geben lassen.

Wie alt wären sie gern für immer?
Ich liebe es, älter zu werden. Mein Leben wird mit jedem Jahr besser, weil ich immer genauer weiss, wer ich bin und wohin ich will.

Sie erhalten einen Preis für Ihr Lebenswerk. Wer soll die Hommage halten?
SP-Nationalrätin Samira Marti. Sie ist ein wundervoller Mensch, versteht mich sehr gut und ist als Politikerin unglaublich talentiert

Von Michelle Schwarzenbach am 21. Mai 2022 - 18:01 Uhr