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Da läuft was falsch

Ist Bachelorette ein Lebensziel?

Endlich ist die aktuelle Bachelorette-Staffel in trockenen Tüchern. Einer hat gewonnen. Alles schön. Warum die Rolle im Mittelpunkt dieses medialen Ereignisses immer noch erstrebenswert ist? Das ist eines der grossen Rätsel.

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Hat sich aus den Bewerbern Mike ausgesucht: Bachelorette Chanelle.

Joseph Khakshouri

Früher, da wollten wir noch zur Feuerwehr, Tierärztin werden oder als Ballerina-Astronautinnen (das Beste aus zwei Welten – win-win) zum Mond fliegen. Diese grossen Job-Träume gibt es auch heute noch. Und doch schleicht sich da ein anderes Profil ins Arsenal der Möglichkeiten. Wie Chanelle Wyrsch – seit Montagabend angeblich «frisch» verliebtes Bachelorette-Zentralgestirn – in einer Fan-Anfrage lesen musste, gibt es junge Frauen, die davon träumen, in ihre Fussstapfen zu treten.  

SRF-Moderator Urs Gredig bringt die Gefühle, die dieser Wunschtraum auslöst, ziemlich prägnant (gar präzise pointiert) auf den Punkt. Er twitterte: 

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Er erschaudert. Und wir? Frösteln mit ihm. Und das aus diesen 5 Gründen:

1. Feminismus so? 

Eine Frau, die sich selbstbestimmt von 22 Männern umgarnen lässt und ihren Liebsten zum Schluss mit einer Rose zum Auserwählten kürt? Das wirkt auf den ersten Blick durchaus feministisch informiert. Sie ist in Charge. Sie trifft eine Entscheidung. Immerhin hat das umgekehrte Szenario «Der Bachelor» diese ganze Reihe an cineastisch begleitetem Liebesreigen begonnen. Diese Grundanlage, die im Kern den Uralt-Topos Mann-erobert-Frau umdreht, war 2002, als die erste Bachelor-Folge in den USA über den Bildschirm flimmerte, noch durchaus modern.

Vordergründig war es da nur fair, irgendwann den Spiess umzudrehen und die Frau ins Zentrum zu stellen. Damit wären wir wieder beim Männer-erobern-Frau-Szenario. Und das ist ein wahnsinnig alter Zopf. So haftet auch «Sex And The City» (Laufzeit 1998-2004) heute ein leichter Nachgeschmack an. Selbst Miranda, Charlotte, Samantha und Carrie, die ihre Girl-Squad als erstinstanzlichen Bezugsort etablierten, suchten irgendwie dann doch den Mann fürs Leben. Das ist grundsätzlich selbstverständlich total in Ordnung (freier Wille und so), wären da nicht die unsäglichen ... 

2. ... Dreamdates 

Ein Date hat viele Gesichter. Da gibt es die Blind Dates (inklusive Spannungsfaktor), die normalen Dates (im Zoo o. Ä.) und eben die Dreamdates beim Bachelor/der Bachelorette. Die Bezeichnung suggeriert bereits, dass hier Träume wahr werden sollen. Hoffen wir gemeinsam, dass dem nicht so ist. Es wäre zu traurig.

Ein Bachelor-Dreamdate besteht in der Regel aus alkoholischen Getränken in kunsthandwerklich optimierten Kelchen/Gläsern, dazu wird Essen gereicht, das kaum je einer anrührt, und statt flirty-lockerer Konversation wird dem Gegenüber schön auf den Zahn gefühlt. Hinter dem Dreamdate versteckt sich eine Art verdecktes Job-Interview. In der Bachelor-Systematik geht es ja auch um eine Beförderung – zur nächsten Runde. Das Assessment des potentiellen Liebeskandidaten inkludiert dann gerne auch den ersten Kuss. Das gleichzeitig vor dem heissen Licht der Kamera – damit man sich gegenseitig noch zusätzlich schön vollschwitzt.

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Der erste Staffel-Kuss ging an Christian.

3+

Erinnern wir uns an den Job-Wunsch Bachelorette: Tief im Herzen hoffen wir, dass unsere Töchter (und gerne auch Söhne) ein anderes Dreamdate erleben werden. Eins, an dem sie sich Hals über Kopf verlieben, an dem sie bestenfalls jemanden kennenlernen, mit dem/der sie ein bisschen mehr Zeit verbringen wollen, der/die ohne Script interessierte Fragen stellt. Ein Date, bei dem der Kuss einfach so passiert und das Essen auch gegessen wird. Das ist doch viel romantischer.

3. Das Problem vom Spiel 

Für jedes Spiel gibt es Regeln. Und die Bachelorette ist auch ein Spiel. Dass sich beim geschickten Herumschieben von Schachfiguren (das Spielbrett ist hier die Kulisse einer meist recht hübschen Villa irgendwo weit weg) vielleicht noch ein paar Menschen verlieben, ist im Prinzip der Kollateralschaden des Konzepts. Grundsätzlich entsteht hier vermarktbare TV-Unterhaltung. Da ist nichts Falsches dabei. Nur das Gedöns von der Suche nach der ewigen Liebe, haben wir schon ein, zweimal zu oft gehört.

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So lässt es sich leben: Die Kandidaten der Show geniessen den Luxus einer Villa.

Skylink Photographer

Nun gibt es zwei Sorten von Zuschauern bei dieser Art von Sendung: Es gibt die, die sich so voll mega ironisch und einen Touch überheblich ironisch vom Geschehen distanzieren – aber trotzdem gucken und sich amüsieren. Auch hier ist im Wesentlichen nichts Schlimmes dabei. Das Arrangement ist den (hoffentlich inzwischen) gut informierten Beteiligten sonnenklar und sie tappen nicht blindlings in die Falle (in der Regel verfolgen die Kandidatinnen und Kandidaten auch ihre eigenen Ziele. Etwa Influencer werden oder so). Der Deal ist klar. 

Eine zweite Zuschauer*innengruppe glaubt vielleicht tatsächlich noch die Mär von der Suche nach der grossen Liebe. Sie werden einigermassen dünn gesät sein. Aber sie gucken es gern und fiebern vielleicht sogar ein wenig mit. Auch total ok. Wie gesagt, die machen da alle freiwillig mit.

Problematisch hingegen ist das Spiel selbst. Es ist nicht fair – und hochspannend. Die Bachelorette/der Bachelor baut sich eine komplett eigene Welt, eine eigene Zeitrechnung neben der Realität. Die TV-Fiktion ist also nahezu perfekt. Und jedes Schachfigürchen spielt seine ihr zugedachte Rolle. Das muss man auch können. Als Jobprofil hingegen ist das nicht so erstrebenswert, womit wir bei Punkt 4 wären. 

4. Jeder Wettbewerb profitiert vom Startvorteil 

Wer irgendwann wieder im echten Leben Fuss fassen möchte, der ist gut damit beraten, bei Reality-TV-Formaten NICHT mitzumachen. Denn irgendwann beisst diese Vergangenheit auch die kompetentesten Menschen in den Hintern. 1959 veröffentlichte der US-Soziologe Erving Goffman sein Buch «Wir alle spielen Theater», ein Standardwerk der Rollentheorie. Und so wahr. In diesem Sinne ist die Bachelorette/der Bachelor auch ein hochspannendes soziologisches Experiment.

Oder wie es Katja Eichinger in ihrem neuen Buch «Mode und andere Neurosen» ausdrückt, sind in jeder Zweierbeziehung immer im Minimum sechs Personen anwesend: Die, die beide vorgeben zu sein, die, die beide gerne wären, und die, die sie tief drin vielleicht tatsächlich sind. Das führt – damit zurück zu Goffman – zu grossen Rollenkonflikten. Vor allem in der Extremsituation der gefilmten TV-Realität. Und diese Rollenkonflikte sind das, was später schwierig werden kann.

Früher mottete man Filme irgendwo in einem Archiv ein. Es konnte Gras über eine Sache wachsen. Heute ist das anders – das Internet vergisst eigentlich nichts. Und wenn zukünftige Arbeitgeber oder potentielle Seelenverwandte und Protagonisten googeln, finden sie so allerhand. Eben auch die Rollen, die irgendwer irgendwann in einer fiktionalen Realität übernommen hat. Letzteres geschieht übrigens nicht zwingend als bewusster Akt – dank geschicktem Scripting und professionellem Schnitt spielt man längst eine Rolle, bevor man schnallt, dass es eben nur eine Rolle ist. Wer sich dann nicht wohl fühlt, hat den Zug womöglich längst verpasst. Oder muss beim echten Job-Interview zumindest dagegen argumentieren. Ein Wettbewerbs-Vorteil ist das sicher nicht. 

5. Einfach, weil... 

Kim Kardashian hat geschafft, wovon viele träumen. Sie ist berühmt. Weswegen und wofür, war vielen zumindest am Anfang ihrer Karriere unklar (inzwischen ist sie ziemlich erfolgreiche Beauty-Unternehmerin). In «Keeping Up With The Kardashians...» plätscherte das Leben einer privilegierten US-Familie vor sich hin. Diese Familie war faszinierend und wurde damit berühmt. Es gab Zeiten, in denen Berühmtheit an eine gewisse Leistung geknüpft war. Diese Leistungsdefinition war selbstverständlich durchaus individuell, aber eine nachvollziehbare Leistung war es.

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Hat es in der TV-Welt geschafft: Der Kardashian-Jenner-Clan

Getty Images

Heute gibt es berühmte Influencer. Was sie tun? Sie zeigen ihr Leben und inszenieren sich und ihr Frühstück und beeinflussen ihre Follower bei möglichen Kaufentscheidungen. An eine Leistung im traditionelleren Sinn ist dieses Aufgabenprofil nicht geknüpft – aber im modernen Sinn eben schon. Der Trugschluss, dass Influencer eher faulenzen als arbeiten, ist längst widerlegt. Doch der traditionelle und der moderne Leistungsbegriff haben eine Sache gemeinsam – alle kriegen das halt nicht hin. Und wer sich von der Teilnahme an einer Reality-Kuppelshow eine Karriere als Influencer verspricht, der wird – bis auf wenige Ausnahmen – enttäuscht. Damit wären wir wieder beim Rollenspiel: Passt die Rolle eben ganz und gar nicht zur Person, dann funktioniert man selbst eben nicht als Werbegesicht. Fünf Minuten (zweifelhafter?) Ruhm reichen nicht aus für ein ganzes Leben.  

Deshalb, liebe junge Frauen und junge Männer, erschaudern manche von uns beim Gedanken, dass Bachelorette oder Bachelor ein erstrebenswertes Job-Profil ist. Vermutlich gibt es noch tausend andere Gründe. Und drum: Schlaft doch noch einmal drüber, ja? 

Von Bettina Bendiner am 23.06.2020
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