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QUER DURCH DIE SCHWEIZ

Jean Ziegler ist unsterblich verliebt

Kapitalismuskritiker – und leidenschaftlicher Schweizer. «Schau mal, wie schön es auf dem See ist!», ruft Jean Ziegler seiner Frau Erica zu. «So schön», sagt sie, «dass alle Reichen der Welt hier wohnen wollen.» Etappe 10: Lausanne - Genf.

Schiff Simplon. Jean Ziegler und Erica Ziegler auf einer Schifffahrt von Nyon via Yvorne (F) nach Genf. Foto: Bernard van Dierendonck

Galanter Professor: «1972 trafen wir uns wieder. Und noch heute bin ich unsterblich in Erica verliebt.»

bernard van dierendonck

Es ist viertel vor elf und schon sehr heiss. Jean und Erica Ziegler stehen am Steg der Schifffahrtsgesellschaft des Genfersees CGN in Nyon. «Wir freuen uns sehr auf diesen Tag», sagt Jean, 85, und seine Frau Erica, 76, ergänzt: «Noch vor drei Wochen lag ich im Spital und liess mir eine künstliche Hüfte implantieren. Es ist mein erster Ausflug seit dem Spitalaufenthalt.» 

Am Telefon hatten wir abgemacht, dass wir mit dem Raddampfer «Simplon» von Nyon auf die französische Seite nach Yvoire fahren und von dort nach einem Apérohalt mit der «Vevey» wieder nach Genf reisen.

Quer durch die Schweiz SI Sommerserie Juli 2019

Etappe 10 - Über den Pass auf den See: Mit dem Zug fahren Sie von Lausanne nach Vallorbe. Danach weiter nach Le Sentier im Vallée de Joux. Von dort nehmen Sie das Postauto oder radeln mit dem E-Bike über den Col du Marchairuz bis nach Nyon. Dann gemütlich mit dem Raddampfer bis nach Genf.

Schweizer Illustrierte

«Hier ist es so schön, dass alle Reichen der Welt hier wohnen wollen»

Erica blickt lächelnd zu Jean und sagt: «Hier ist es so schön, dass alle Reichen der Welt hier wohnen wollen. Ich denke, es ist der ideale See für dich, Jean, um mit der Schweizer Illustrierten über die Schönheit unseres Landes und den Kapitalismus zu reden.»

Genau. Jean Ziegler, auf welchem See sind Sie mehr daheim: Auf dem Thunersee Ihrer Kindheit oder auf dem Genfersee? Auf dem Genfersee. Er ist so offen, seine Ufer sind so vielfältig und so international. Erica Deuber Ziegler: Machen wir doch Duzis! – Also ich finde auch den Thunersee sehr eindrücklich, die Berge sind dort so nah. Jean: Ja, aber mir gefällt die totale Vielfalt der Kulturen hier: Auf der Waadtländer Seite spürt man die Berner Herrschaft … Erica: … und hier in Nyon sieht man das Forum Romanum. Es war eine Römerstadt, gegründet von Julius Cäsar, für die Veteranen seiner Armee, die die Helvetier niedergerungen haben. Überhaupt gehen die meisten Dörfer hier in der Umgebung auf Landsitze römischer Soldaten zurück. Jean: Ich liebe aber auch die savoyischen Küstenorte wie Yvoire oder das französisch geprägte Versoix und natürlich Genf mit seinem republikanischen, internationalen Geist. Erica: Genf, das übrigens zur Römerzeit kleiner als Nyon war und nach der Zerstörung Nyons zur Zeit der germanischen Invasionen seine Mauern mit Steinen von dort gebaut hat.

Hafen von Yvoire. Schiff Simplon. Jean Ziegler und Erica Ziegler auf einer Schifffahrt von Nyon via Yvorne (F) nach Genf. Foto: Bernard van Dierendonck

Am Schiffsteg in Yvoire Jean Ziegler ist begeistert: «Der Genfersee ist so offen, seine Ufer sind so vielfältig und so international.»

bernard van dierendonck

Bevor das Ehepaar Ziegler in Nyon 11.35 Uhr aufs Schiff geht, nimmt es im Hotel Le Rive auf der Terrasse ein Glas Wasser. Sofort begrüsst Hotelier Yves Batardière den berühmtesten Bankenkritiker der Welt: «Monsieur Ziegler, es ist mir eine Ehre. Ich habe in Genf im ‹Kempinski› gearbeitet und vor zwei Jahren dieses Hotel gekauft. Aber ich kann Sie beruhigen: Ich brauchte dabei keine Bank. Ich habe die Mittel mit Kompagnons aus eigener Kraft aufgebracht.»

Das ist ganz nach dem Gusto von Jean Ziegler: «Ich bin ein Bankenkritiker, und mein neustes Buch ist gegen den wild wütenden Kapitalismus, die Oligarchen und die Kosmokraten geschrieben.» – «Also nicht gegen Unternehmer wie Sie einer sind, M. Batardière», ergänzt Erica Deuber. «Gratuliere zu diesem schön renovierten Hotel!»

In Yvoire. Jean Ziegler und Erica Ziegler auf einer Schifffahrt von Nyon via Yvorne (F) nach Genf. Foto: Bernard van Dierendonck

Erica Deuber Ziegler: «Jean Ziegler liess mich einst abblitzen. Ich ging zur Tür, sagte: Quel con! So ein Idiot!»

bernard van dierendonck

«Ich bin unsterblich in Erica verliebt»

Erica Deuber ist Kommunistin und Kunsthistorikerin, Jean Ziegler Soziologe und Sozialist: Warum ist euch beiden im Genf der Banken so wohl? Jean: Ich bin wegen dem Studium nach Genf gekommen, von den Banken wusste ich gar nichts.

Erica: Wisst ihr, wie ich Jean kennenlernte? Nein, erzähl es uns! Ich bin in Genf geboren, meine Eltern waren beide Berner, aus einfachsten Verhältnissen. Sie haben in Genf ihr eigenes Leben als Gärtner erkämpft. Ich wollte weg von daheim und heiratete einen Nachbarn. Nach vier Monaten verliess ich ihn. Und wurde eine völlig überschuldete Studentin. Da ging ich zum Studentenberater der Uni – das war ein gewisser Jean Ziegler.

Er liess mich abblitzen und sagte: Laut Reglement könne er einer Geschiedenen kein Geld geben. Ich ging, schlug wütend die Tür zu und sagte: «Quel con! – So ein Idiot!» Jean: Daran erinnere ich mich nicht mehr. Aber acht Jahre später, 1972, trafen wir uns wieder. Aus dieser Begegnung und unserer Zusammenarbeit entstand mein Essay «Die Lebenden und der Tod». Und noch heute bin ich unsterblich in Erica verliebt. 

Jean Ziegler studiert auf dem Raddampfer Simplon die tonnenschweren Kolben, die bei Sulzer Winterthur 1915 hergestellt wurden und bis heute das Schaufelrad antreiben. Da kommt ein älterer Herr auf ihn zu: «M. Ziegler, ich heisse Hans-Rudolf Mühlemann und bin wie Sie aus Thun und nach Genf ausgewandert.» – «Was haben Sie denn in Genf gemacht?» – «Das wird Sie nicht freuen.» – «Sagen Sie es mir ruhig.» – «Ich war Direktor beim Schweizer Bankverein. Nachher wurden wir dann von der UBS geschluckt.» – «Und wussten Sie, was die alles so gemacht haben ?» – «Nein, ich war ein zu kleiner Fisch. Habe erst nachher erfahren, was da so alles lief. Ich bin nicht in Ihrer Partei, aber ich respektiere Sie sehr. Darum wollte ich Sie unbedingt rasch begrüssen.» 

Mit ehemaliem Banker Hans-Rudolf Mühlemann. Die Kolben des Raddampfers. Schiff Simplon. Jean Ziegler und Erica Ziegler auf einer Schifffahrt von Nyon via Yvorne (F) nach Genf. Foto: Bernard van Dierendonck

Im Gespräch: Hans-Rudolf Mühlemann, ein pensionierter Banker, erkennt Jean Ziegler auf der «Simplon»: «Ich bin wie Sie von Thun nach Genf ausgewandert.»

bernard van dierendonck

Jean Ziegler, im neusten Buch beantwortest du Fragen deiner Enkelin. Wer hatte die Idee dazu? Erica: Eine nicht sehr politische junge Kollegin, Tochter eines ehemaligen internationalen sowjetischen Beamten, fragte mich, ob es kein Buch gebe, das ihren Kindern einfach und verständlich den Kapitalismus erklären könne. Zuerst war Jean skeptisch, aber dann kam er von einer Diskussionssendung des Westschweizer Fernsehens mit dem damaligen Nestlé-Chef Peter Brabeck zurück und war sehr aufgebracht.

Jean: Als Brabeck in der Sendung behauptete, dass selbst jene, die wir Linken immer noch «die Armen» nennen, unter nie da gewesenen Bedingungen des Überflusses leben, bin ich innerlich explodiert. Brabeck behauptet, die kapitalistische Ordnung sei die gerechteste Organisationsform, die die Erde je gesehen habe, und garantiere die Freiheit und das Wohlergehen aller Menschen.

Und das ist nicht wahr? Natürlich nicht! Das Gegenteil ist wahr! Der Kapitalismus hat eine kannibalische Ordnung geschaffen: Überfluss für eine Minderheit und mörderisches Elend für die Mehrheit. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren.

Beim Kapitän auf der Brücke. Einfahrt ins Seebecken von Genf mit Jet d'eau in Genf. Schiff Vevey. Jean Ziegler und Erica Ziegler auf einer Schifffahrt von Nyon via Yvorne (F) nach Genf. Foto: Bernard van Dierendonck

Sprühende Wahrzeichen von Genf: Der Jet d’eau und Jean Ziegler auf der «Vevey» an der Seite von Kapitän Mathias Gay-Crosier.

bernard van dierendonck

Erica: Jean hat sich damals gleich  hingesetzt und begonnen, dieses Buch zu schreiben. Und ich habe ihm Fragen gegeben, die die Tochter meiner russischen Freundin oder die Kinder von Jeans Sohn Dominique ihm stellen könnten, um die Welt besser zu begreifen. Jean: Ja, Erica hat mir aber auch inhaltlich geholfen. Beim historischen Teil. Erica: Und beim Kapitel über die Konsumgesellschaft. Ich bin erschüttert, wenn ich sehe, wie sehr unser ältester Enkel Théo vom Konsumzwang getrieben ist.Jean: Handkehrum ist er voll engagiert im Klimastreik. Er war in Irland im Schüleraustauch und hat dort an einer Klima-Demo teilgenommen, obwohl sie von der Schulleitung verboten war.

Und wie haben Brabeck und Enkel Théo, die beide namentlich vorkommen, auf das Buch reagiert? Jean: Brabeck überhaupt nicht. Gegenüber der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» hat er nur gesagt: «Jean Ziegler ist ein interessanter Mensch.»

Erica: Und Théo hat das Buch sehr gut gefallen. Jean: Das zeigt mir, dass meine Botschaft irgendwie doch ankommt. Auch wenn dabei die 
Welt nicht besser geworden ist.

So pessimistisch? Nein. Nein. Wenn ich sehe, dass mein Buch jetzt für viele Klimajugendliche fast schon zu einer Art Manifest geworden ist, dann gibt mir das Hoffnung.

Weitere Etappen gibt es im Dossier «Quer durch die Schweiz» zu lesen.

Von Werner De Schepper am 20. Juli 2019