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Guy Parmelin über Corona und die Wirtschaft

«Kurzarbeiter, helft den Bauern!»

Bundesrat Guy Parmelin lässt niemanden hängen. Er verspricht Hilfe für Taxifahrer, Velohändler und all jene, die von der Krise hart getroffen wurden, aber bisher leer ausgingen. Damit die Spargeln nicht verrotten, sollen Kurzarbeiter ran.

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Guy Parmelin: Der 60-jährige SVP-Bundesrat schnürte als Vorsteher des Wirtschaftsdepartements mit Finanzminister Ueli Maurer das 42-Milliarden-Corona-Hilfspaket. Der gelernte Bauer lebt mit seiner Frau Caroline in Bur-sins VD und Bern.

Kurt Reichenbach

Guy Parmelin, schützen Sie sich bei den Bundesratssitzungen mit einer Maske?
Nein. Seit drei Wochen desinfiziere ich meine Hände regelmässig nach dem Waschen. Und das Social Distancing halten wir rigoros ein. Wir haben sogar das Bundesratszimmer umgestellt, sodass wir alle mehr als zwei Meter voneinander sitzen. Auch wenn wir sieben zusammen einen Kaffee trinken oder zusammen essen, sitzen wir zweieinhalb bis drei Meter auseinander.

Wie erleben Sie den Lockdown persönlich?
Es ist eine eigenartige Erfahrung, eine drôle d’impression. Ich gehe zu Fuss von meiner Berner Wohnung ins Bundeshaus, und alles ist anders. Diese plötzliche Stille in den Gassen. Der Bäcker hat jetzt frühmorgens nicht mehr offen. Er arbeitet drinnen, aber er hat offenbar seine Öffnungszeiten reduziert, weil viele nicht mehr vorbeikommen und im Homeoffice arbeiten.

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Machen Sie auch Homeoffice?
In Bern nicht. Da gehe ich lieber in mein Büro. Aber auch das ist befremdend. Die Gänge im Bundeshaus sind leer. Die meisten Sitzungen machen wir mit den Chefbeamten per Skype. Ich habe das lernen müssen. Geht aber ganz gut. (lacht)

Und zu Hause in Bursins?
Wir arbeiten auch am Wochenende. Es gab Bundesratssitzungen und viele weitere Telefon- und Skype-Konferenzen. Gerade gestern hatte ich eine Videokonferenz mit den Wirtschaftsministern der G20. Alle sagen das Gleiche: So etwas haben wir seit dem Zweiten Weltkrieg nie erlebt.

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Er steht für die Wirtschaft ein: Guy Parrmelin macht jetzt von seinem Büro aus Skypekonferenzen.

Kurt Reichenbach

Wer schneidet Ihnen nun die Haare?
Eben niemand im Moment. Ich hatte am Samstag einen Termin bei meinem Coiffeur in Nyon, aber der fiel wegen des Lockdown dahin.

Dann schneidet jetzt Ihre Frau Caroline Ihre Haare? Oder ist Ihr Kommunikationschef Urs Wiedmer für Ihr Aussehen bei Ihren öffentlichen Auftritten zuständig?
Weder noch. Ich warte lieber und hoffe, dass die Trendwende bei den Fallzahlen möglichst schnell kommt, sodass wir den Lockdown langsam aufheben können … Ich bin Optimist.

Weniger optimistisch ist jetzt wohl Ihr Coiffeur. Hatten Sie seither Kontakt mit ihm?
Ja, ich habe ihm vor ein paar Tagen telefoniert. Und, wie geht es ihm? Nun ja, er hat sich bedankt für unsere neue Regelung der Kurzarbeit. Für seine zwei Angestellten hat er das sofort beantragt.

Will er auch einen Kredit aus Ihrem 20-Milliarden-Fonds?
Nein, er hat noch einige Reserven. Er hofft wie ich, dass es nicht zu lange geht, und er weiss, dass ich sofort wieder zu ihm komme, wenn er offen hat. Zudem hat er ja neu als direkt betroffener Selbstständiger des Lockdown auch Anrecht auf gut 3000 Franken Lohnausfall im Monat.

Hätte er einen privaten kleinen Vermieter, wäre er eine Sorge los. Denn offenbar kommen diese den Mietern viel eher entgegen als die grossen institutionellen Immobilienbesitzer …
Ja, Sie haben wohl recht. Es ist sicher einfacher, eine Lösung zu finden, wenn man den Vermieter persönlich ansprechen kann. Wir suchen in der Taskforce Mieten fieberhaft nach Lösungen. Das wird nicht einfach. Immerhin gibt es auch institutionelle Immobilienbesitzer, die uns signalisieren, dass sie für Lösungen bereit sind. Ich rate betroffenen Mietern, das Gespräch zu suchen. Der Bundesrat hat bereits beschlossen, dass man den Mietzins nicht mehr innert 30, sondern neu erst innert 90 Tagen zahlen muss.

«Caroline kommt jetzt weniger nach Bern. Dafür kümmert sie sich daheim um ihre Mutter, die 81 Jahre alt ist und geht für sie einkaufen»

Guy Parmelin, Bundesrat

Kommen wir zu meinem Velohändler. Er ist wirklich dumm dran: Seine Reparaturwerkstatt darf er offen halten. Ich war bei ihm, um das Velo meiner Partnerin flicken zu lassen. Und wollte gleich noch für mich eins kaufen. Das durfte er nicht. Nicht mal beraten! So habe ich mein Velo bei ihm halt telefonisch bestellt. Das ging dann, das ist doch absurd!
Das stimmt. Vergessen Sie nicht, wir sind laufend am Optimieren. Wir stemmen die grösste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Genau für solche Fälle wie Velo- oder Autohändler, deren Werkstatt offen ist, die aber dort nicht verkaufen dürfen, suchen wir Erleichterungen.

Und die rund 270'000 indirekt vom Lockdown betroffenen Selbstständigen wie Taxifahrer, Physiotherapeuten, Gärtner, Werber etc.?
Wir sind fieberhaft dran. Bis zum 8. April habe ich Vorschläge parat. Eine Perspektive für diese Menschen ist mir ganz wichtig.

Einige fordern das Ende des Lockdown am 19. April, egal, wie sich die Corona-Fallzahlen entwickeln. Der wirtschaftliche Schaden sei zu gross, um ein paar alte Menschen zu retten. Was sagen Sie dazu?
Es geht nicht nur um das Leben unserer älteren Mitbürger, es geht um die Verhinderung des Zusammenbruchs unseres Gesundheitssystems. Zudem gibt es auch ältere Menschen, die dank guter Pflege wieder gesund wurden. Natürlich müssen wir so schnell es geht zurück in den Alltag. Aber das wird nicht von heute auf morgen sein. Sondern schrittweise. Und vergessen Sie nicht: Arbeit ist ein Teil einer gesunden Gesellschaft. Wer nicht arbeiten kann, wird krank.

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«Ich gehe zu Fuss von meiner Berner Wohnung ins Bundeshaus, und alles ist anders»: Wegen der Corona-Krise hat sich das Bild in Berns Gassen verändert, beschreibt Bundesrat Guy Parmelin die Situation.

Kurt Reichenbach

Gibts schon ab dem 20. April eine Lockerung?
Ich will nicht spekulieren. Wenn der Moment gekommen ist, kommunizieren wir. Der Bundesrat hat aber immer gesagt, dass er in einem Prozess ist und seine Entscheide aufgrund der Entwicklung der Lage ständig anpasst.

Bald werden die 20 Milliarden des Bundes für Kredite aufgebraucht sein. Laden Sie nach?
Ueli Maurer wird dem Bundesrat bis spätestens 3. April einen Zusatzkredit unterbreiten.

Je länger die Krise dauert, desto klarer ist es, dass viele keine Kredite, sondern A-fonds-perdu-Geld brauchen. Warum nicht von Anfang an?
Wir gehen hier schrittweise vor. Erst sichern wir Beschäftigung und Löhne mit den bestehenden Instrumenten und verhindern Liquiditätsengpässe. Darum ist die gewählte Lösung gut. Aber es gibt keine Tabus. Auch A-fonds-perdu-Beiträge sind nicht tabu. Es gibt besonders gefährdete Branchen, bei denen ich mehr wissen will.

Akut gefährdet sind Airlines und Tourismus. Viele Bergbahnen liefen schon vor Corona auf dem letzten Zacken. Ohne Beteiligung des Staates oder A-fonds-perdu-Geld stehen Hunderte Bahnen diesen Winter still.
Der Tourismus ist lebenswichtig für unser Land. Mit Swiss und anderen Airlines sind wir dran. Der Bundesrat will auch Start-ups helfen. Zukunftsfähige Start-ups stehen zum Teil in sehr schwierigen finanziellen Situationen. Wir wollen mit dem Departement Maurer prüfen, wie wir ihnen rasch, gezielt und wirksam helfen können.

Die Nationalbank hat 750 Milliarden auf der Seite. Wann hilft sie der Schweiz?
Die Nationalbank hilft, dass das Finanzsystem läuft. Sie war und ist von der Politik unabhängig. Selbstverständlich sind wir sowohl mit der Nationalbank wie mit der Finma immer in Kontakt.

Allgemein appelliere ich an die Konsumenten: Trinkt jetzt Schweizer Wein und esst Schweizer Produkte.

Guy Parmelin, Bundesrat

Sie waren früher Bauer und Winzer. Wie ist die Situation in der Landwirtschaft. Ich habe gehört, dass Schweizer Spargeln in der Erde verrotten, während die spanischen – trotz Corona dort – stapelweise in unseren Läden liegen. Warum helfen Sie nicht?
Die Spargelsaison in der Schweiz beginnt erst. Viele, die jetzt arbeitslos oder auf Kurzarbeit gestellt sind, wollen von sich aus den Bauern helfen. Dafür gibts Vermittlungsplattformen, der Bauernverband hat eine Übersicht erstellt. Die Solidarität und Bereitschaft der Bevölkerung zur Unterstützung zeigt auch die Wertschätzung gegenüber der Landwirtschaft. Und ich rufe hier alle auf, die Arbeit suchen: Geht auf die Felder den Bauern helfen! Das Frühlingsgemüse muss bald geerntet werden, und die Einreise der Saisonniers aus dem Ausland ist erschwert.

Trifft Corona auch die Weinbauern?
Im Weinbau war es schon vorher schwierig, jetzt noch mehr. Feste sind abgesagt, die Restaurants sind zu. Es wird auch privat weniger bestellt. Auch die Fleischproduzenten triffts, wenn McDonald’s – um ein Beispiel zu nennen – keine Hamburger mehr verkauft. Schlachthöfe haben deswegen weniger Arbeit. Wir suchen nach Lösungen für die unterschiedlichen Probleme. Zum Beispiel versuchen wir, das Fleisch in Tiefkühlern zu lagern. Und allgemein appelliere ich an die Konsumenten: Trinkt jetzt Schweizer Wein, und esst Schweizer Produkte.

Wie sieht eigentlich der Alltag Ihrer Frau aus?
Caroline kommt jetzt weniger nach Bern. Dafür kümmert sie sich daheim um ihre Mutter, die 81 Jahre alt ist, und geht für sie einkaufen. Es ist unglaublich schön zu sehen, wie gut die Solidarität in unserer Gemeinschaft spielt. Ich persönlich glaube auch, dass viele, die jetzt Social Distancing machen müssen und im Homeoffice arbeiten, sich freuen, wenn wir uns hoffentlich möglichst bald wieder real begegnen dürfen.

Das sagt: Pierre-Yves Maillard, 52, Gewerkschaftsboss

«Guy Parmelin hat in der Krise die Sozialpartner kontaktiert. Er kann zuhören und hat auch Vorschläge von uns übernommen. Jetzt sollte er sich aber auch um die Gesundheit jener kümmern, die arbeiten müssen.»

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Parlamentsdienste
Von Werner De Schepper am 02.04.2020
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