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Das grosse Bangen 

Lara Gut-Behramis Sturz ins Ungewisse

Sie ist der einzige Superstar in der Schweizer Skiwelt. Sie verströmt Glamour und sportliche Extraklasse. Doch nun erlebt sie die persönliche Tragödie: Lara Gut-Behrami droht nach einem fatalen Sturz das jähe Karrierenende.

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<p>Olympiasiegerin, Weltmeisterin, Gesamtweltcup-Gewinnerin: Das Palmarès von Lara Gut-Behrami  katapultiert sie auf den Olymp des Schweizer Skisports.</p>

Olympiasiegerin, Weltmeisterin, Gesamtweltcup-Gewinnerin: Das Palmarès von Lara Gut-Behrami  katapultiert sie auf den Olymp des Schweizer Skisports.

Sandro Baebler

Es war ein wolkenverhangener Morgen in Copper Mountain (USA), auf fast 3000 Metern über Meer. Diffus das Licht, suboptimal die Sichtverhältnisse. Lara Gut ist sich solche Verhältnisse gewöhnt. Auch deshalb fuhr sie den Super-G-Kurs im Training praktisch im Rennmodus. Und dann passierte das Fatale – es war eine Frage von Sekundenbruchteilen und Zentimetern. Die Schweizerin blieb mit der Hand an einem Tor hängen, geriet aus der Balance und wurde in einer Welle wegkatapultiert. Der Sturz geschah abseits der Fernseh- und Videokameras. Doch er muss brutal gewesen sein. Die 34-Jährige zog sich dabei eine Gehirnerschütterung und Knieverletzungen zu. Bald kam von ihrem Vertrauensarzt Olivier Siegrist die Hiobsbotschaft: Kreuzbandriss, Innenbandriss, Meniskusverletzung.

Bei Swiss-Ski wollte vorerst niemand die Diagnose bestätigen. Fakt ist: Gut-Behrami flog in die Schweiz zurück – begleitet von Vater und Trainer Pauli Gut, Konditionstrainer Flavio Di Giorgio, Physiotherapeutin Ladina Eichholzer und Servicemann Thomas Rehm. Eine MRI-Untersuchung in Genf soll Klarheit ergeben. Allein die sofortige Rückreise aus Nordamerika, wo der Weltcup in den kommenden Wochen so richtig Fahrt aufnimmt, deutet auf eine gravierende Verletzung hin. Dabei hatte Lara Gut-Behrami in den nächsten Monaten noch viel vor, besonders an den Olympischen Winterspielen in Cortina d’Ampezzo, wo die Abfahrt am 8. Februar auf ihrer Lieblingspiste stattfindet. Es wäre eines der letzten grossen Rennen der Ausnahmesportlerin gewesen.

Im vergangenen Juni hatte die zweifache Gesamtweltcupsiegerin fast beiläufig verkündet, dass die kommende Saison ihre letzte sein werde. Danach wolle sie ihrem Ehemann Valon Behrami nach London folgen, wo dieser die technische Leitung des Fussballklubs Watford übernimmt. Auch in der Geschäftswelt hat Gut-Behrami Pläne: als Investorin und Beraterin des Regenerationsgetränks Ka-Ex. «Ich möchte auch als Geschäftsfrau meine eigene Linie fahren und genauso erfolgreich sein», sagt sie.

<p>Skistar als Investorin: Im Sommer stieg sie bei der Firma Ka-Ex ein, hier mit Gründer Pedro Schmidt.</p>

Skistar als Investorin: Im Sommer stieg sie bei der Firma Ka-Ex ein, hier mit Gründer Pedro Schmidt.

David Biedert

Zeitpunkt und Rahmen dieser Verkündungen waren durchaus typisch für Lara Gut-Behrami. Die Sportlerin lässt sich nicht in ein Schema pressen und kommuniziert dann, wenn es für sie richtig ist, und nicht, wenn es das Verbandsprotokoll vorsieht. So verhält sie sich auch im Umgang mit Journalisten: Wenn Gut-Behrami zu Interviews erscheinen musste – an Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen –, war sie oft kurz angebunden und schnippisch. Wenn sie sich aber wohlfühlte und die Gangart selber bestimmen konnte, erlebte man eine charmante, witzige und sehr eloquente Gesprächspartnerin, die weit über die Pistenränder hinausdenkt und sich und den Sport mit grosser Ehrlichkeit reflektiert.

Sie wollte nie «das Schätzchen» sein

Die Geschichte von Lara Gut-Behrami ist die Geschichte einer Hochbegabten und Frühreifen. Das Talent aus Sorengo bei Lugano begann so früh mit dem Siegen, dass man heute das Gefühl hat, es sei schon ewig her. Ihr erstes Weltcuprennen fuhr Gut kurz nach Weihnachten 2007 mit 16 Jahren. Beim Riesenslalom in Lienz konnte sie sich damals nicht für den zweiten Lauf qualifizieren. Keine zwei Monate später fuhr sie beim Heimrennen in St. Moritz in ihrer ersten Weltcupabfahrt als Dritte sensationell auf das Podest.

In Erinnerung blieb vor allem ihr Kantenfehler kurz vor der Ziellinie, ihr mit Schnee bedecktes Gesicht nach dem Sturz und die überschäumende Freude. Seit diesem Moment war Lara Gut Teil der Schweizer Öffentlichkeit – und die Menschen sahen in ihr das, was für weibliche Skistars vorgesehen scheint: das «Schätzchen der Nation». Doch damit war Lara Gut überhaupt nicht einverstanden – und liess dies auch alle deutlich spüren.

Auf ihren Werdegang und ihre permanente Präsenz in den Medien angesprochen, sagt sie heute: «Mit 17 stand ich schon in der Öffentlichkeit, aber ich war überhaupt nicht bereit, mit dieser Rolle umzugehen. Ich wollte mich schützen. Aber ich wusste nicht genau, wie. Und wenn man sich in einer Situation unwohl fühlt, reagiert jeder anders.» Heute wisse sie, dass sie nicht alles richtig gemacht habe, aber damals habe sie es nicht besser gewusst. Sie habe sich oft unverstanden gefühlt und gedacht, alle anderen seien schuld und keiner habe sie verstehen wollen: «Ich realisierte nicht, dass ich die Situation selber in der Hand hatte und meine Entscheidungen konsequenter hätte treffen können. Dabei spreche ich nicht unbedingt vom Sport, sondern von meiner Person.»

<p>Der erste Sieg mit 17! Am 20.12.2008 gewinnt Lara Gut mit dem Super-G in St. Moritz ihr erstes Weltcuprennen. Es folgen 47 weitere Weltcupsiege.</p>

Der erste Sieg mit 17! Am 20.12.2008 gewinnt Lara Gut mit dem Super-G in St. Moritz ihr erstes Weltcuprennen. Es folgen 47 weitere Weltcupsiege.

Keystone

An der Spitze des Allzeit-Rankings

Aus dem Wunderkind von damals ist eine der erfolgreichsten Skirennfahrerinnen der Geschichte geworden. Olympia-Gold im Super-G, zweifache Weltmeisterin und zweifache Gesamtweltcupsiegerin kann sie sich nennen. Mit nunmehr 48 Weltcupsiegen ist sie die zweiterfolgreichste Schweizer Skifahrerin der Geschichte. Nur Vreni Schneider hat noch mehr Rennen gewonnen (55). Der 3. Platz im Riesenslalom von Sölden im Oktober war das 101. Weltcuppodest, womit sie Schneiders Schweizer Rekord egalisierte. In Sachen WM-Medaillen (9) steht sie zusammen mit Pirmin Zurbriggen und Wendy Holdener an der Spitze des Schweizer Allzeit-Rankings. Der Ritterschlag kommt von einer anderen Tessiner Ausnahmeskirennfahrerin. Michela Figini, 1984 als 17-Jährige sensationell Abfahrtsolympiasiegerin und später zweimal Gewinnerin des Gesamtweltcups, sagte über Lara Gut-Behrami nach deren zweitem Gesamtweltcupsieg 2024: «Dieser Triumph zeigt, welch komplette Skirennfahrerin Lara ist. Und dass sie diesen Erfolg nach acht Jahren wiederholen konnte, beweist auch ihre Beständigkeit.»

Und trotzdem brandeten Gut-Behrami auch aus den Schweizer Reihen immer wieder Neid und Missgunst entgegen. Denn wer unbeeindruckt seinen eigenen Weg geht, in einem Privatteam auf eigene Kosten fährt und sich um die Gepflogenheiten in der scheinbar heilen Welt der Skiromantik foutiert, macht sich verdächtig.

Zwar spricht sie fliessend Englisch, Französisch, Deutsch und Italienisch. Doch als Tessinerin wurde sie bei Swiss-Ski gleichwohl oft als «Eindringling» wahrgenommen. Dass sie sich punkto Ausstrahlung und fahrerischen Könnens auf einer Stufe mit dem amerikanischen Superstar Lindsey Vonn bewegt, schien viele zu überfordern. Doch letztlich sind es allein die Resultate, die zählen. Und die geben nur einer recht: Lara Gut-Behrami. Die begnadete Technikerin freute sich auf eine goldene Ehrenrunde – mit dem Höhepunkt auf jener Strecke, auf der sie ihre ganze sportliche Klasse ausspielen kann.

Doch nun endete möglicherweise das schönste Kapitel der jüngeren Schweizer Schneesport- Geschichte zur Unzeit. An einem trüben Novembermorgen im Diffusen. Die Schweizer Skifans vergiessen mehr als eine Träne. Eine wie Lara Gut-Behrami wird es wohl nie mehr geben.

Von Thomas Renggli vor 51 Minuten