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Auch Gülsha wurde Opfer von Deepfakes

«Man fühlt sich einfach nur ohnmächtig»

Ein Nacktbild, das keines ist – und ein Fall, der alles verändert: Gülsha Adilji spricht über den Deepfake-Skandal um das deutsche Ex-Schauspielerpaar Collien Fernandes und Christian Ulmen, über digitale Gewalt und wie sie selbst schon betroffen war.

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Gülsha Adilji gehört zu den bekanntesten Moderatorinnen der Schweiz – zum überraschenden Aus ihres Podcasts «Zivadiliring» möchte sie sich aktuell nicht äussern. Dafür spricht sie über das Thema Deepfake und verrät, wie einst selber zum Opfer wurde.

Fabienne Bühler

Ein sonniger Nachmittag in Zürich Wiedikon. Gülsha Adilji (40) steht mitten in ihrer Wohnung und hält ein grosses Nacktbild von sich in den Händen. Es könnte einen intimen Moment darstellen, tut es aber nicht. Denn das Bild ist manipuliert – ein Deepfake. Mit künstlicher Intelligenz werden dabei Gesichter von echten Menschen auf fremde Körper montiert, oft in pornografische Bilder oder Videos.

«So schnell kann das gehen», sagt Adilji und betrachtet die Aufnahme etwas länger. So, als wolle sie prüfen, ob sie sich darin erkennt. Doch nur das Gesicht ist echt, der nackte Körper nicht. Das Bild entstand vor einem Jahr im Rahmen einer Kampagne gegen Deepfakes. Dass die Moderatorin nun erneut damit posiert, hat einen aktuellen Grund: Seit Tagen sorgt ein Fall aus Deutschland für Schlagzeilen: Schauspielerin Collien Fernandes (44) hat Anzeige gegen ihren Ex-Mann, den Schauspieler Christian Ulmen (50) erstattet. Der Vorwurf: Er soll über Jahre hinweg Fakeprofile in ihrem Namen betrieben, pornografische Deepfakes erstellt und damit Beziehungen zu zahlreichen Männern geführt haben. Die Ermittlungen laufen, Ulmen bestreitet die Vorwürfe, es gilt die Unschuldsvermutung.

<p>Täuschend echt: Das Nacktbild, das Gülsha Adilji in den Händen hält, ist gefälscht. Die Bilder an ihren Wänden sind es nicht.</p>

Täuschend echt: Das Nacktbild, das Gülsha Adilji in den Händen hält, ist gefälscht. Die Bilder an ihren Wänden sind es nicht.

Fabienne Bühler

«Kann man überhaupt noch irgendeinem Mann trauen?»

«Ich war absolut schockiert», erinnert sich Adilji an den Moment, als sie davon erfuhr. «Besonders krass fand ich, dass es ausgerechnet Christian Ulmen sein soll. Ich mochte seinen Humor immer sehr. Er hatte bisher eher ein progressives Image.» Wenn die Vorwürfe stimmen, habe Ulmen seine Frau zudem jahrelang bei der Suche nach den Verantwortlichen unterstützt und getröstet, während er gleichzeitig selbst dahintersteckte. «Das ist wirklich cuckoo bananas verrückt», sagt Adilji. «Man hat gar keinen Kompass mehr, wer ein Arschloch sein kann und wer nicht. Und man fragt sich: Kann man überhaupt noch irgendeinem Mann so richtig trauen?»

Dass Fälle von digitalem Missbrauch immer häufiger werden, überrascht sie nicht. Studien zeigen, dass rund 95 Prozent aller Deepfake-Videos im Netz pornografisch sind, 99 Prozent der Betroffenen sind Frauen. «Das zeigt ziemlich genau, wie unsere Gesellschaft funktioniert», sagt Adilji. «Frauenkörper werden seit jeher objektifiziert. Mit KI wird das Ganze auf die Spitze getrieben.»

<p>Schauspielerin Collien Fernandes hat Anzeige gegen ihren Ex-Mann, den Schauspieler Christian Ulmen erstattet. Er soll pornografische Deepfakes erstellt und damit Beziehungen zu zahlreichen Männern geführt haben – Ulmen bestreitet die Vorwürfe. Die Ermittlungen laufen, es gilt die Unschuldsvermutung.</p>

Schauspielerin Collien Fernandes hat Anzeige gegen ihren Ex-Mann, den Schauspieler Christian Ulmen erstattet. Er soll pornografische Deepfakes erstellt und damit Beziehungen zu zahlreichen Männern geführt haben – Ulmen bestreitet die Vorwürfe. Die Ermittlungen laufen, es gilt die Unschuldsvermutung.

imago/POP-EYE

Plötzlich pornografische Bilder im Netz

Gülsha Adilji weiss, wovon sie spricht. Vor zwölf Jahren wurde sie selbst Opfer digitaler Gewalt. «Es war während meiner Zeit beim Jugendsender Joiz. Plötzlich tauchten im Internet porno- grafische Bilder auf, auf denen mein Gesicht auf fremde Körper montiert war.» Damals noch «megaschlecht mit Photoshop zusammengebastelt».

Im ersten Moment sei sie schockiert gewesen. «Aber gleichzeitig war ich erstaunlich gelassen. Ich dachte damals: Logisch, so etwas passiert eben, wenn man als junge Frau in der Öffentlichkeit steht.» Sie sagts und muss kurz ungläubig lachen. «Dass ich damals nicht einmal richtig schockiert war, ist doch das eigentlich Traurige daran. Dabei ist es eine klare Grenzüberschreitung und geht gar nicht.» Sie nimmt einen Schluck von ihrem inzwischen kalten Kaffee. Wer hinter den gefälschten Aufnahmen steckte, weiss sie bis heute nicht. Löschen lassen konnte sie sie auch nicht. «Man fühlt sich in einem solchen Moment einfach nur ohnmächtig.»

«Es ist mein Körper und darüber bestimme nur ich»

Adilji gehört als SRF-Gesicht und bisheriges Mitglied des Podcasts «Zivadiliring» zu den bekanntesten Moderatorinnen der Schweiz – zum überraschenden Aus von «Zivadiliring» möchte sich Adilji nicht weiter äussern. Bekannt ist die St. Gallerin, die allein auf Instagram sie über 60'000 Menschen erreicht, auch dafür, dass sie offen über Sexualität spricht. Im letzten Jahr posierte sie unter anderem als Aktmodell. Doch die Idee, öffentliche Sichtbarkeit sei eine Einladung für Missbrauch, weist sie entschieden zurück. «Auch wenn ich halb nackte Bilder posten würde, gibt das niemandem die Legitimation, pornografische Inhalte daraus zu basteln. Es ist mein Körper, meine Grenze, mein Bild, und darüber bestimme nur ich.»

<p>Das Wohnzimmer ist für Adilji ­Rückzugsort und Treffpunkt – hier übernachten Freunde, hier arbeitet sie an ihren Recherchen.</p>

Das Wohnzimmer ist für Adilji Rückzugsort und Treffpunkt – hier übernachten Freunde, hier arbeitet sie an ihren Recherchen.

Fabienne Bühler

Hat der jüngste Fall ihr Angst gemacht? Oder passt sie ihr Verhalten in den sozialen Medien nun an? Adilji schüttelt den Kopf. «Nein. Das wäre ja genau das Ziel dieser Leute.» Stattdessen erlebt sie die aktuelle Debatte rund um den Fall Ulmen eher als eine Art Initialzündung. «Endlich bekommt dieses Thema Aufmerksamkeit. Jetzt müssen sich aber subito die Gesetze ändern.» Deshalb spricht sie öffentlich darüber, geht an Demos und nutzt ihre Reichweite, um Druck zu machen.

Berührt sei sie auch gewesen zu sehen, wie viele Männer bei der Demo in Berlin dabei waren. «Ich glaube, die Männer wachen langsam auf. Auch wenn ich aktuell ein bisschen eine Aversion gegen Heteromänner habe», sagt sie und lacht. Doch sie relativiert sofort. «Das Problem sind nicht einzelne Männer. Das Patriarchat hat Strukturen geschaffen, in denen Männer sich sehr viel herausnehmen können. Jetzt ist es Zeit, das zu ändern.»

Dating-Verzicht, politische Weiterbildung

Das Spannungsfeld mit dem anderen Geschlecht erklärt vielleicht auch, warum die 40-Jährige derzeit bewusst auf Dating verzichtet. «Dating-Apps funktionieren für mich irgendwie nicht. Ich habe keinen Kinderwunsch und habe auch so ein gutes Leben – also warum soll ich überhaupt daten? Mich selber date ich sowieso immer.»

<p>Selfie-Time: Im Lift fotografiert sich Gülsha Adilji am liebsten. «Ich bestimme dabei, wie ich mich inszeniere und zeige.»</p>

Selfie-Time: Im Lift fotografiert sich Gülsha Adilji am liebsten. «Ich bestimme dabei, wie ich mich inszeniere und zeige.»

Fabienne Bühler

Statt auf ihr Liebesleben konzentriert sich Adilji lieber auf ihre Arbeit und ihre Community. Beim Rechercheprojekt Reflekt macht sie Themen wie Hate Speech oder Machtmissbrauch an Universitäten für ein breites Publikum zugänglich. Zudem hat sie sich für eine Weiterbildung im Bereich Politik beworben: «Love Politics» – ein Programm für Menschen, die verstehen wollen, wie politische Veränderung funktioniert. «Ich möchte meine Community dazu bewegen, mehr abstimmen zu gehen. Denn nur so kann sich auch wirklich etwas ändern.»

Gleichzeitig betont Adilji, dass sie kein politisches Amt anstrebt. «Ich bin schon eher die Entertainment-Queen. Ich möchte unterhalten – aber ich möchte die Welt dabei auch ein bisschen besser machen», sagt sie und blickt noch einmal auf ihr Nacktbild. «Dass man irgendwann sagen kann: Die Gülsha hat Raum geschaffen für noch mehr Gülshas – ganz ohne Deepfakes.»

patricia broder, Ringier
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Von Patricia Broder am 2. April 2026 - 12:00 Uhr