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Lukas Bärfuss wirft Regierung Unvorbereitetsein vor

«Man hat die Sache einfach nicht ernst genommen»

Wie lebt es sich im Ausnahmezustand? Lukas Bärfuss gilt als Meinungsmacher. Ein Interview mit dem Georg-Büchner-Preisträger über gesunden Egoismus, das Versagen der Behörden und welchen Wert ein Menschenleben hat.

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«Das Virus ist eine Herausforderung, aber keine Strafe»: Lukas Bärfuss.

RDB by Dukas

Der Ausnahmezustand hat uns erschöpft und verändert. Auch für Autor und Dramaturg Lukas Bärfuss, 48, hat die aktuelle Krise Konsequenzen: Sein Einsiedler Welttheater (500 Mitwirkende, 60 000 Zuschauer) ist auf 2021 verschoben. Die Inszenierung, die seit 1924 auf dem Klosterplatz in Einsiedeln SZ stattfindet, beleuchtet aktuelle Fragestellungen. Wie die nach dem Eingriff der Menschen in die Schöpfung. Dem Streben nach Perfektion. Der Gier nach Glück und Grösse. Eigentlich wäre der Georg-Büchner-Preisträger jetzt mitten in den Proben. Zeit also für ein Interview im Homeoffice.

Lukas Bärfuss, wie erleben Sie den Ausnahmezustand?
Es ist nicht so einfach, ein kohärentes Bild der Wirklichkeit zu entwerfen: So vieles hat sich in so kurzer Zeit so grundlegend verändert. Auch mir fehlt die Erfahrung, mit der ich die jetzigen Ereignisse vergleichen könnte. Es gibt vieles, was wir noch immer nicht verstehen: die Eigenschaften dieses Virus, die Folgen für unsere Gesellschaft. Sicher ist: Wir werden uns alle weiterhin mit Geduld wappnen müssen.

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Im Welttheater von Pedro Calderón de la Barca (1600–1681) hat die Welt zwei Türen – Geburt und Tod. Noch nie war der Tod uns näher. Spürten Sie Momente der Angst?
Es gab und gibt schlaflose Stunden, ja. Um mich mache ich mir keine Sorgen. Sehr wohl aber um meine Liebsten, um Freunde und Familie.

Im «Spiegel» gingen Sie mit unserer Regierung hart ins Gericht. Tenor: Die Schweiz war auf die Krise nicht vorbereitet.
Mit allem Respekt, aber die letzten Wochen und Monate haben gezeigt, dass es sich dabei nicht um eine Meinung handelte, sondern um eine Tatsache: Unsere Regierung war nicht vorbereitet. Das Einzige, was man zur Verteidigung anführen kann: Die Schweiz war damit nicht allein. Es ging fast allen westlichen Regierungen so. Erstaunlicherweise nimmt ihr das die Bevölkerung bis heute kaum übel.

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«Unsere Regierung war nicht vorbereitet»: Lukas Bärfuss.

RDB by Dukas

War die Katastrophe vorhersehbar?
Pandemien kommen immer wieder vor. Sie begleiten die Menschheit seit den Anfängen. Die Frage ist nicht, ob eine neue Pandemie ausbricht, sondern wann.

Und wie Wissenschaftler, Politiker, Regierungen die Gefahr dermassen verkennen konnten?
Die Gefahr wurde nicht verkannt. Es war den zuständigen Gremien durchaus klar, wie gross die Risiken sind. In den beiden letzten Risikoberichten des VBS von 2015 und 2012 rangierten die Strom-Mangellage und die Pandemie an erster Stelle. Die Frage ist, warum nicht entsprechend gehandelt wurde! Aber es fehlte ihnen wohl an der Autorität und der Sprache, um die notwendigen Vorkehrungen zu treffen. Zudem waren die Kosten wohl einfach zu hoch. Hier wird es eine schonungslose Analyse brauchen.

Wie viel Panik ist gesund?
Gesunde Panik gibt es nicht!

Was bleibt für Sie das grösste Rätsel?
Nicht das grösste, aber ein unerklärliches Rätsel wird sein, wie man als Expertenkommission auf die Idee kommt, im Vorwort der Leserschaft bei der Lektüre des Pandemieplans «Viel Vergnügen» zu wünschen. Wie so oft zeugt wohl auch hier ein mikroskopisches Detail von der wahren Haltung hinter den schönen Worten: Man hat die Sache einfach nicht ernst genommen.

Viele werfen ihren Regierungen vor, zu wenig oder das Falsche zu tun. Kann man es überhaupt richtig machen?
Unser Verhalten als Gesellschaft ist eventualvorsätzlich: Wir lassen es darauf ankommen. Das müssen wir ändern. Spinnen wir den Faden weiter: Die Pandemie ist ein kleines Risiko verglichen mit den Folgen des Klimawandels.

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Ist der Meinung, dass es gesunde Panik nicht gibt: Lukas Bärfuss.

RDB by Dukas

Ist Covid-19 auch ein Angriff der Natur auf unsere nimmersatte Welt?
Ein Virus kennt keine Moral, es will sich reproduzieren. Wir sollten sorgfältig sein, mit welchen Metaphern wir eine Krankheit belegen. Das Virus ist eine Herausforderung, aber keine Strafe.

Macht Corona kriminell, rassistisch?
Gewiss nicht, nein. Menschen haben immer verschiedene Handlungsoptionen, aber man muss sie ermutigen, vernünftige und nicht egoistische Lösungen zu wählen.

Gibt es ethische Aspekte, über die man sprechen sollte, auch wenn das Thema schmerzhaft ist?
Es wäre eine gute Gelegenheit, über die globale Ungerechtigkeit zu sprechen. Das westafrikanische Land Mali verfügt für seine 19 Millionen Einwohner über vier Beatmungsgeräte.

Stichwort Überalterung der Gesellschaft.
Auch eine Erfahrung der letzten Monate: Es reichen drei Wochen Lockdown, damit sozialdarwinistische bis faschistische Positionen in der Öffentlichkeit offen diskutiert werden. Zur Erinnerung: In einer Gesellschaft, die sich am Humanismus orientiert, bezieht das menschliche Leben seinen Wert weder aus der Produktivität noch aus dem Alter. Der Wert des Lebens ist voraussetzungslos und durch sich selbst gegeben. In einer humanistischen Gesellschaft wird jeder Mensch in seiner Einzigartigkeit gesehen. Niemand darf aufgrund willkürlicher Kategorien seiner Grundrechte beraubt werden. In einer humanistischen Gesellschaft hat deshalb ein alter Mensch nicht weniger Rechte als ein junger. Es ist erschreckend, wie wenig verankert diese Haltung in unserer Gesellschaft ist. Ich kann die Schulen, die Universitäten, die Kirchen und uns alle nur ermahnen, die Grundlagen dieses Menschenbildes, das in einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft unbestritten sein sollte, ohne Unterlass in Erinnerung zu rufen.

«Die politischen und wirtschaftlichen Folgen können wir noch nicht abschätzen. Aber wir ahnen schon, wie gross sie sein werden»

Solidarität statt Individualität?
Ich hoffe, dass diese beiden Pole weiterhin in einem Spannungsverhältnis bleiben – so wie es in einer freiheitlichen Demokratie sein sollte. Wir müssen in jedem einzelnen Fall abwägen und beurteilen, ob wir der Freiheit oder der Sicherheit den Vorrang geben wollen. Das ist anstrengend. Aber das ist Demokratie: Es gibt keine endgültigen Antworten. Sie müssen immer wieder neu errungen werden – in einem Diskurs, der möglichst alle einschliesst.

Sind Sie Pessimist oder Optimist?
Meine Zuversicht ist unerschütterlich. Ich halte mich an die Prämisse von Antonio Gramsci: Was wir brauchen, ist ein Pessimismus des Verstandes und ein Optimismus des Willens.

Ist das Schlimmste vorbei, oder kommt es noch?
Jedenfalls sind wir erst ganz am Beginn einer Entwicklung. Die politischen und wirtschaftlichen Folgen können wir noch nicht abschätzen. Aber wir ahnen schon, wie gross sie sein werden.

Zur Person

Lukas Bärfuss ist 1971 in Thun geboren, Dramatiker, Theaterregisseur, Essayist. Seine Romane («Hundert Tage», «Hagard») wurden in 20 Sprachen übersetzt, seine Stücke werden weltweit gespielt. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Vater von zwei Kindern und lebt in Zürich.

Von Caroline Micaela Hauger am 18.05.2020
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