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  4. Cat Couture zu Black Lives Matter: «Man merkt gar nicht, dass man rassistisch denkt»

Ehrliche Worte von Catharine

«Man merkt gar nicht, dass man rassistisch denkt»

Der gewaltsame Tod von George Floyd hat die Diskussion über Rassismus in der Schweiz neu entfacht. Die Künstlerin Cat Couture hat sich trotz vieler Jahre Arbeit, sich als Schweizerin zu fühlen, erst in London selber gefunden. Und hat sich dort dabei ertappt, selber rassistisch zu denken.

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Cat Couture ist mit vier Jahren in die Schweiz gekommen. Ihre Mutter ist Britin, ihr Vater zur Hälfte ebenfalls. Zu je einem Viertel hat er Wurzeln in Venezuela und in Trinidad und Tobago. Sich selbst bezeichnet Cat als «viertelschwarz».

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«Meine Hautfarbe ist so hell, dass viele Leute nicht wissen, dass ich zu einem Viertel schwarz bin, solange man meine Locken nicht sieht», sagt Catharine Couture Amoroso Bolaji, 32, kurz Cat Couture. Doch auch sie hat Rassismus erfahren. «Zu oft habe ich bei der Arbeit gehört, ich solle meine Haare strecken, die Locken würden ungepflegt aussehen.» In der Folge hat sie ihre Haare immer geglättet. «Ich habe gelernt, möglichst weiss auszusehen. Das hat besser gepasst.»

«Habe mich als widerliches Tier gefühlt»

Cat ist eine der Personen, die sich nach George Floyds Tod auf unseren Aufruf gemeldet haben, von ihren eigenen Erfahrungen mit Rassismus zu erzählen. Denn die, so erzählt die Künstlerin und Besitzerin einer Filmproduktionsfirma, sind vorhanden. Als Kind sei sie manchmal als «Jugo» beschimpft worden. «Obwohl ich Britin bin mit Wurzeln in Venezuela und Trinidad und Tobago.» Diese Erfahrung habe ihr früh klargemacht, dass «alle Ausländer gleich unbeliebt sind», sagt sie.

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Catharine (r.) als Kind mit ihrer Cousine. Wegen ihrer Haare ist sie in der Schule gehänselt worden.

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Diesen Eindruck hat sie auch als Erwachsene. Als sie sich nach 20 Jahren in der Schweiz, wohin sie im Alter von 4 Jahren gekommen ist, für den Schweizer Pass anmelden will, habe sie sich unwillkommen gefühlt. «Die Blicke, die ich erhalten habe – ich habe mich als widerliches Tier gefühlt.»

In London das Glück gefunden

2011 zieht Cat für ein Jahr nach London, um weiter an der Schauspielkarriere zu feilen. Vier Jahre zuvor hatte sie die European Film Actor School in Zürich abgeschlossen. «Was mich an der Schauspielerei fasziniert hat, war die Freiheit, jemand anderes zu sein», erzählt sie. In London hat sich vieles für sie verändert. «Dort habe ich erstmals die Freiheit gespürt, anders zu sein, mich selber zu sein. Zum ersten Mal fragte ich: ‹Wer will ich sein?› statt ‹Wer sollte ich sein?›»

Nach dem Jahr kehrt Cat in die Schweiz zurück, weiss aber von Vornherein, dass sie zurück nach London will – «trotz den vielen Jahren Arbeit, mich als Schweizerin zu fühlen und auszusehen, und nachdem ich alles in meiner Macht Stehende versucht habe, ‹einer von euch› zu sein». 2015 schliesslich packt sie ihre Sachen und baut ihre Zelte im Süden Londons auf. «Hier fühle ich mich mehr zuhause als je zuvor. Hier sehe ich ständig Leute, die aussehen wie meine ganze Familie. Hier ist Platz für mich.»

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Cat als Baby mit ihrem Vater. Er ist mit seiner Familie ursprünglich wegen eines Jobs in die Schweiz gekommen – und hat sich so ins Land verliebt, dass er gleich geblieben ist.

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Obschon sie in London ihr Glück gefunden hat, schmerzt es sie nach wie vor, die Schweiz zurückgelassen zu haben. «Es ist schade, ich liebe die Schweiz. Sie ist so unglaublich schön!», sagt sie. Aber ihrer Erfahrung nach sei man in der Schweiz nur willkommen, wenn «du bereit bist, deine Kultur und deine ganze Identität an der Grenze zu lassen», erzählt Cat. «Meiner Meinung nach mag die Schweiz nicht, was nicht schweizerisch aussieht, klingt oder ist.»

«Ich habe schon Angst gehabt vor Schwarzen»

Cat hat in ihrem Leben vor allem mit beiläufigem Rassismus Bekanntschaft gemacht. Und ertappt sich selber dabei, in dieses Muster zu fallen. «Ich als Viertelschwarze denke rassistisch», gibt sie zu. «Man merkt gar nicht, dass man rassistisch denkt, man denkt einfach so – grösstenteils, weil alle so denken.»

Denn sie selbst habe lange versucht, ihre schwarze Seite zu verstecken. «Ich habe der Lüge geglaubt, dass schwarz weniger wert ist.» Und auch anderweitig hat sie Rassismus an sich selbst festgestellt. «Ich habe bemerkt, dass auch ich schon meine Tasche enger an mich gedrückt habe, wenn ich einen Schwarzen entgegenkommen sah. Ich habe schon Angst gehabt vor einer Gruppe von Schwarzen. Ich habe als Viertelschwarze – oder Dreiviertelweisse – auch schon meine Meinung als wichtiger empfunden als die einer schwarzen Person.»

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Tausendsassa: Cat arbeitet als Künstlerin und leitet ihre eigene Filmproduktionsfirma.

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Dass auch sie selber bisweilen in die Rassismus-Falle tappt, wühlt Cat auf. «Mein Vater ist schwarz. Meine halbe Familie ist schwarz. Mein Mann ist schwarz. Meine Kinder werden schwarz sein. Wenn ich als Viertelschwarze die Fähigkeit habe, Rassismus in mir zu tragen, wie viel Rassismus, denkst du, trägst du in dir?» Dass Rassismus in uns allen existiert, erachtet sie als gegeben. «Die Frage ist nicht ob, sondern wie viel.»

«Es gibt noch viel zu tun»

Die Schuld für diesen Missstand gibt sie allen – wie sie es auch als die Pflicht aller sieht, etwas dagegen zu tun. «Es liegt an uns allen, uns zu informieren, zu lernen, wie wir als mehrheitlich oder ganz Weisse vom jetzigen System profitieren, wie sich das auf unsere schwarzen Mitmenschen auswirkt.» Denn es werde immer noch ein Bild gepusht von Schwarzen als Minderwertige. «Dass sie höchstens etwas sind, was man toleriert. Die schwarze Haut wird nicht als gleich schön empfunden, die schwarzen Haare werden als grob und hässlich gesehen, die schwarze Kultur als zu laut oder zu aggressiv wahrgenommen – statt dass wir die Exzellenz der ‹schwarzen Rasse› wertschätzen, bewundern und als wichtig genug empfinden, um über sie lernen zu wollen, in der Schule wie zuhause.»

«Wenn ich als Viertelschwarze die Fähigkeit habe, Rassismus in mir zu tragen, wie viel Rassismus, denkst du, trägst du in dir?»

Für Cat ist klar: Es gibt noch viel zu tun. Dafür braucht es jeden Einzelnen. «Wir sind nicht schuldig für das, was unsere Vorfahren getan haben», sagt sie. «Aber wir sind alle verantwortlich dafür, eine Zukunft zu garantieren, in der alle gleich gelobt, gleich wertgeschätzt und gleich behandelt werden.»

Von Ramona Hirt am 20.06.2020
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