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Der Schweizer Joe Cocker privat

Marius Bears erstes Album landete im Müll

Vom Geheimtipp zum angehenden Star. Dabei wollte Marius Bear gar nicht Musiker 
werden. Aber mit dieser Stimme – und diesem Bauchgefühl – konnte er nicht anders.

Marius Bear

Rückzugsort: Im «Gade» 
neben seinem Elternhaus hat sich Marius Bear sein eigenes Reich geschaffen.

Joseph Khakshouri

Wenn er Ruhe braucht, zieht er sich in seinen Bau zurück, der Bär. Die Höhle von Marius Bear, 26, ist ein «Gade» neben seinem Elternhaus ausserhalb von Appenzell. Hier hat er alles, was er braucht. Sein kleines Musikstudio, seine Gitarren, seinen Billardtisch. 

Einen Winterschlaf hält dieser Bear freilich nicht. Aber sein ruhiges, gemütliches Leben mochte er ganz gern. Nach der Lehre 
als Baumaschinenmechaniker ist klar, dass Marius die «Bude» des Vaters übernehmen würde. Diese stellt Landmaschinen her. Dann geht er ins Militär, wird Wachtmeister. Einem Kollegen fällt beim morgendlichen Appell Marius’ lautes Organ auf. Und beim abendlichen Jammen seine Joe-Cocker-Stimme. 

Marius Bear

Pause: 
Marius entspannt mit einem Appenzeller Bier. 
Hinten rechts hat er sich 
eine Ecke 
zum Malen eingerichtet.

Joseph Khakshouri

Nun ist es ja so, dass er eher wanderfreudig ist, der Bär. Marius Bear lässt also das Militär und das Appenzell hinter sich und geht nach Fribourg. «Ich wollte weit weg von zu Hause testen, 
ob das wirklich etwas werden könnte mit dem Singen.» Er stellt sich mit seiner Gitarre an eine Strassenecke – und bringt keinen Ton raus. Zwei doppelte Whisky später gehts dann. Und wie. 

Vom Fleck weg engagiert

Die folgenden acht Monate 
tingelt Marius als Strassenmusiker durch die Schweiz. Immer wieder wird er vom Fleck weg 
für Hochzeits- oder Geburtstagspartys engagiert. In Luzern sieht ihn der Musikchef von Radio Zürisee und schleppt ihn ins Studio. So erhält Marius Bear seinen ersten Plattenvertrag.

Drei Jahre ist das her. An 15 Festivals spielt Marius in jenem Jahr, darunter 
an so grossen wie Stars in Town in Schaffhausen oder am Gurtenfestival. «Ich hatte null Ahnung, wie ich mich auf dieser Bühne bewegen sollte. Und vom Musikbusiness verstand ich schon gar nichts.» 

Marius Bear

Zu Hause: Marius arbeitet vorwiegend 
in London. 
«In Appenzell fühle ich mich aber daheim.»

Joseph Khakshouri

Sein erstes Album landete im Müll

Aber der Bär ist eben auch 
ein Raubtier. Und Marius hat 
Blut geleckt. Als der Berner Fotograf und Regisseur Rob Lewis 
ihm den Auftrag gibt, seinen Dokumentarfilm «Lunar Tribute» zu vertonen, geht er nach New York. Der Entschluss, dort ein 
Album aufzunehmen, entsteht 
da, wo auch Marius Bears Musik herkommt: «Im Ranzen!»

Er fliegt nach Hause, spielt an Hochzeiten und Studentenfesten, bis 
er das Geld für die Aufnahmen zusammengespart hat. Zurück in New York, nimmt er mit Profimusikern seine erste Platte auf – und schmeisst sie umgehend in den Müll. «Sie war schrecklich. Ohne Gefühl. Ohne Ranzen. Musiklehrermusik.» 

Marius Bear

Weitblick: Hoch über seiner Heimatstadt. «Hierhin kam ich als Teenager oft mit Freunden.»

Joseph Khakshouri

Über 10'000 Franken in die Luft geschossen

Marius hat über 10'000 Franken in die Luft geschossen. Lehrgeld. «Ich wusste jetzt: Wenn ich in diesem Business Geld verdienen will, reicht eine geile Stimme nicht. Ich muss zuerst wissen, 
was ich hier eigentlich mache.» Er geht nach London und studiert Musikproduktion. Parallel lernt er seinen Manager kennen und beginnt, richtige Songs zu schreiben. Und was für welche! 

Er hat einen ausgeprägten Geruchssinn, der Bär. Und Marius Bear hat einen echten Riecher 
für Hits. Die EP «Sanity» schlägt ein wie eine Bombe, die Singles «Roots» und «Remember Me» wurden am Radio rauf und runter gespielt, mittlerweile schon über eine Million Mal gestreamt. Und ehe er sichs versieht, hält Marius vergangenen Februar den Swiss Music Award als «SRF 3 Best Talent» in den Händen. «Unglaublich», meint er kopfschüttelnd. 

Dabei scheint es noch gar nicht so lange her, dass er als Achtjähriger Saxofon spielen wollte. «Als der Lehrer das Plättli ableckte und mir das Sax reichte, lehnte ich dankend ab.» Er lernte lieber Gitarre. «Ich glaube, das fanden auch meine Eltern besser.»

Songs entstehen in London

Apropos: Die beständigste Beziehung eines Bären ist die zu seiner Mutter. Natürlich sind seine Eltern stolz auf Marius – auch wenn die Mama etwas Angst davor hat, nicht mehr in der Migros einkaufen zu können, ohne auf ihren erfolgreichen Sohn angesprochen zu werden. Und: Dieser Bear ist kein Einzelgänger. Zu seinem Freundeskreis zählt seine Band. Zum Beispiel der Drummer, den er am Pissoir in einer Beiz in Appenzell «rekrutiert» hat. 

Seine Freundin Moira lernte er vor zwei Jahren bei einem Sprachaufenthalt in Brighton kennen. «Wir wachsen gemeinsam in dieses Ding rein. Sie hat kein Problem damit, dass ich ständig unterwegs bin.» Einen Grossteil seiner Zeit verbringt Marius in London, wo die meisten seiner Songs entstehen. Wo sie ihn hinführen? Erst mal auf die Festivalbühnen der Schweiz. Und im November nach Deutschland, wo seine aktuelle Single «My Crown» für Aufsehen sorgt. «Dann sehen wir weiter.» 

Übrigens heisst er eigentlich Marius Hügli, der Bear. Aber wen interessiert das bei seiner Geschichte schon? 

Von Sandra Casalini am 29.06.2019