Der König von Thun» – so titelte die Schweizer Illustrierte 2011 in einer Story über Mauro Lustrinelli – damals Stürmer beim Berner Oberländer Klub. 2005 hatte er mit zwei Toren in der Champions-League-Qualifikation gegen Malmö ein Wunder vollbracht: Der FC Thun zog sensationell in die Königsklasse ein. Heute steht Lustrinelli (49) als Trainer im Rampenlicht. Auch in dieser Rolle schreibt er Fussballgeschichte: Mit seinem frisch aufgestiegenen Team führt er die Tabelle an und krönt die Hinrunde als Wintermeister. Der Titel von damals passt also noch immer – das hat vorher noch kein Aufsteiger geschafft.

«Lustrigoal» schoss 2005 den FC Thun mit zwei Toren in die Champions League – sensationell!
EQ ImagesAm Thunersee, vor der Bergkulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau, wird der Tessiner aus Bellinzona ständig angesprochen. Es wird nach Fotos gefragt, Passanten bleiben stehen, lächeln ihn an und sagen Sätze wie: «Wir sind riesige Fans!» oder «Weiter so, Sie machen das super!»
Lustrinelli ist seit fast vier Jahren Trainer des FC Thun. Mit seiner Frau Cristina (50) und seinen beiden Söhnen Luca (18) und Ivan (16) wohnt der Trainer im Nachbardorf Steffisburg. Seine Buben sind in der Lehre, Luca als Automobilfachmann und Ivan als Landschaftsgärtner. Beide spielen hobbymässig Fussball – und kommen zu jedem Heimspiel, um ihren Papa und sein Team anzufeuern. «Der Tag des Aufstiegs im Mai war einer der schönsten in meinem Leben», erzählt er. Diese grossen Emotionen möchte er so oft wie möglich wieder erleben – und er ist auf bestem Weg dazu. Doch was ist das Geheimnis, dass diese Mannschaft nach fünf Jahren Challenge League gerade jetzt auf ihrem Peak ist? Lustrinelli zuckt mit den Schultern und jongliert gekonnt mit einem Fussball. «Es gibt keins.» Er lächelt. «Gemeinsam mit dem Staff haben wir diese Mannschaft in den letzten drei Jahren aufgebaut. Das war ein Prozess. Das ist nicht von heute auf morgen passiert.»

«Als ehemaliger Spieler kann ich mich gut in meine Jungs hineinversetzen», erzählt Lustrinelli beim Training.
Kurt ReichenbachNeben dem Körperlichen legte er grossen Fokus auf mentales Training. Er habe seinen «Giele», wie er seine Spieler liebevoll mit italienischem Akzent nennt, eine echte Winner-Mentalität antrainiert. «Wenn wir ein Spiel verlieren, sage ich nicht: ‹Mist, wir haben verloren.› Sondern: ‹Schön – nächste Woche haben wir wieder die Chance zu gewinnen.›» Das Thun-Fieber hat die Schweiz erfasst. Die Spiele locken in der Regel über 8000 Zuschauer in die Stockhorn Arena. Der FC Thun ist ein verhältnismässig kleiner Klub. Die Stockhorn Arena fasst gerade einmal 10'000 Fans. Offizielle Zahlen gibt es zwar keine, doch klar ist: Die Spieler verdienen bei Weitem nicht so viel wie etwa beim finanzstarken FC Basel. Lustrinellis Mannschaft aber spielt dennoch mit Freude, mit Passion, mit Herz. Lustrinellis Rolle als Trainer? «Ich sehe mich als Leader. Ich will die Jungs inspirieren. Fussball ist zwar ein Teamsport, aber ich weiss aus meiner Zeit als Spieler, dass man trotzdem sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Meine Aufgabe ist es, aus jedem das Beste herauszuholen.» Das bestätigt auch Torwart Niklas Steffen (25). Dieser sagt: «Er fördert jeden gezielt und schafft damit die Grundlage, dass wir uns kontinuierlich weiterentwickeln können.»

Stockhorn Arena: «Meine Söhne spielen beide hobbymässig auch Fussball und kommen zu jedem Heimspiel.»
Kurt ReichenbachKein klassischer Trainer
In der VIP-Lounge des Stadions hängen überall Bilder des Trainers. «Ja, das war eine tolle Zeit», sagt «Lustrigoal», wie sein Spitzname früher lautete, ein wenig nostalgisch. «Die Emotionen als Trainer sind aber anders – fast noch extremer. Du siehst das grosse Ganze. Aber beides ist wahnsinnig emotional.» Aus seiner Spielerzeit habe er vieles mitgenommen, das er heute anwenden könne. «Ich frage mich oft: Was hätte ich mir damals als Spieler gewünscht?» Er praktiziere auch keine klassische Trainer-Spieler-Beziehung, sondern eine Mensch-zu-Mensch-Beziehung. Auf die Frage, was für ein Trainer er sei, überlegt er lange. Streng? Sensibel? Ruhig? Er schüttelt den Kopf. «Schwer, das selbst zu sagen. Ich glaube, ich habe eine natürliche Autorität – und kann mich gut anpassen, sodass sich jeder Spieler, egal welcher Typ, verstanden fühlt.» Mittelfeldspieler Leonardo Bertone (31) stimmt zu: «Er pflegt mit jedem Einzelnen ein sehr persönliches Verhältnis und weiss genau, wie er mit den unterschiedlichen Charakteren umgehen muss.» Stürmer Elmin Rastoder (24) ergänzt: «Mauros Ansprüche sind hoch, aber fair. Sie sorgen auch dafür, dass alle bereit sind, für das Team an die Grenzen zu gehen.»

Arbeiten in der VIP-Lounge: Die Wände sind geschmückt mit Bildern seiner eigenen Zeit als Stürmer beim Klub.
Kurt ReichenbachDie Mischung aus Führung, Nähe und Mentalität scheint zu fruchten: Der FC Thun überwintert an der Tabellenspitze. Der Wintermeistertitel wurde in der Kabine gebührend gefeiert. Mehr will der Tessiner nicht verraten. Er lacht schelmisch. «Ja, es gab eine kleine Party – auch mit dem ganzen Staff. Aber danach waren wir alle froh um ein paar Ferientage.» Diese verbrachte er mit seiner Familie in Mexiko. Nun hat die Saison wieder begonnen. Was die Schweiz vom FC Thun erwarten darf? «Lustrigoal» nennt kein konkretes Ziel. Aber er sagt: «Als ich 2005 in der Champions League spielte, sagten alle: Das ist einmalig. Aber wir sind gerade dabei, wieder etwas Einmaliges zu schaffen. Vielleicht schreiben wir ein neues Märchen.»

