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Simonetta Sommaruga

«Mein Mann kocht wunderbar für mich»

Als Bundespräsidentin führt Simonetta Sommaruga Volk und Regierung durch die Pandemie. Wie sie die Stimmung im Bundesrat erlebt, wer ihre Heldinnen in der Krise sind und mit wem sie dank Corona mehr Zeit verbringen kann.

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«Eine Krise ist keine Ego-Show»: Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga.

Remo Nägeli

Ein warmes Lächeln und ein Nicken – so begrüsst Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, 59, in Zeiten von Corona ihre Gäste. «Der fehlende Händedruck ist auch für mich immer noch speziell, obwohl man sich langsam daran gewöhnt.»

Frau Bundespräsidentin, seit Montag haben Coiffeure, Baumärkte und Gärtnereien wieder geöffnet. Haben Sie einen dieser Services bereits genutzt?
Ich habe am Dienstag einen Coiffeursalon in Bern besucht. Aber nicht, um mir die Haare schneiden zu lassen.

Sondern?
Um zu sehen, wie sie Kunden und Angestellte schützen. Sie tun das sehr verantwortungsvoll: Nur jeder zweite Stuhl ist besetzt, und für Sicherheit sorgen Masken, Mäntel, Schutzbrillen und Handschuhe.

Sie hätten sich beim Coiffeur gleich als Testmodell hinsetzen können!
(Lacht.) Es waren für viele in verschiedener Hinsicht «haarige» Wochen! Ich werde bald einen Coiffeurtermin vereinbaren. Sie werden es sehen, wenn ich dort war.

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Der Bundesrat hat für sein entschlossenes Handeln beim Lockdown viel Lob erhalten. Harte Kritik von Bürgerlichen und Verbänden gibt es aber zur schrittweisen Öffnung: zu chaotisch, zu zögerlich, zu ungerecht. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?
Von der Bevölkerung wird der Bundesrat sehr getragen. Das spüre ich. Die Schul- und Ladenschliessungen waren für alle eine gewaltige Herausforderung. Und ich bin dankbar, dass ganz viele sagten: Ich bleibe daheim und schütze so mich und andere.

Allerdings spürt man eine Corona-Müdigkeit. Die Disziplin der Menschen bei den Vorsichtsmassnahmen lässt nach.
Dass die Krise nach über fünf Wochen aufs Gemüt drückt, Ängste vor finanziellen Auswirkungen spürbarer und die Leute ungeduldig werden, verstehe ich. Aber wir dürfen nichts überstürzen. Sonst riskieren wir eine zweite, unkontrollierte Welle, das wäre für die Menschen und die Wirtschaft fatal. Der grösste Teil der Bevölkerung hatte die Krankheit noch nicht. Deshalb müssen wir uns weiter an die Hygiene- und Distanzregeln halten.

Swatch-Chef Nick Hayek monierte im «Blick», Sie würden als Bundespräsidentin zu wenig Aufbruchstimmung verbreiten!
Ich verspreche nur das, was ich halten kann. Der Bundesrat handelt glaubwürdig. Kaum eine Regierung konnte sicherstellen, dass die finanzielle Unterstützung so schnell bei den Firmen ankommt wie bei uns. Und wir geben dem Volk und der Wirtschaft Perspektiven. Am Montag ging es los, am 11. Mai beginnt die Schule wieder, und die restlichen Läden gehen auf. Auch für die Restaurants sind erste Öffnungsschritte möglich.

Dennoch entsteht das Gefühl, dass der Bundesrat beim Lockdown agierte und nun vor allem reagiert. Den Tourismusgipfel haben Sie ja auch kurzfristig organisiert.
Wir hatten kontinuierlich Kontakt mit der Branche. Denn der Tourismus leidet stark. Deshalb wollen wir gemeinsam Lösungen finden. Und die Bevölkerung hat einen erholsamen Feriensommer in der Schweiz verdient. Allerdings soll sie dabei ihre Gesundheit nicht aufs Spiel setzen. Als Bundespräsidentin versuche ich dort, wo es Probleme gibt, zu helfen. Etwa vor Ostern, als die Post wegen der Päckliflut Alarm schlug. Da beauftragte ich die Post, mit der Branche am runden Tisch Lösungen zu finden.

Gehören diese Aktionen nicht zu den Aufgaben des Wirtschaftsministers?
Nein, die Post gehört zu meinem Departement – und in einer Krise hat die Bundespräsidentin grundsätzlich eine aktivere Rolle. Ich rede mit hiesigen Unternehmen, Verbänden, Organisationen. Denn ich will wissen, ob unsere Entscheide nützen und ob die Bevölkerung sie akzeptieren kann. Und ich rede mit Kollegen im Ausland, um zu erfahren, wie sie die Krise meistern, und natürlich, um unsere Interessen zu vertreten.

«Die Frauen sind für mich die Heldinnen der Corona-Krise. Sie überzeugen mit Wissen und Menschlichkeit.»

Simonetta Sommaruga
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«Ich werde bald einen Coiffeurtermin vereinbaren. Sie werden es sehen, wenn ich dort war»: Bundespräsidentin Sommaruga im Gespräch mit der «Schweizer Illustrierten».

Remo Nägeli

Wie war die Stimmung in den Bundesratssitzungen in den vergangenen Monaten?
Der Bundesrat erlebt eine sehr hektische Zeit. Wir haben zwei Mal pro Woche getagt. Sonntage wurden zu Wochentagen. Sitzungen mit Experten dauerten bis Mitternacht. Vor Ostern haben wir uns die Zeit für ein gemeinsames Essen genommen – das tat gut, mal zu plaudern, statt zu entscheiden.

Dennoch gab es Unstimmigkeiten. Etwa als Ihr Kollege Ignazio Cassis im Alleingang für eine frühere Öffnung der Läden intervenierte.
An einer Sitzung bringen alle ihre Überlegungen ein. Wir sind gewählt mit dem Auftrag, gemeinsam das Beste für das Land zu entscheiden. Eine Krise ist keine Ego-Show. Deshalb nahm ich mich als Bundespräsidentin auch immer wieder bewusst zurück.

Nächste Woche tagt das Parlament in der ausserordentlichen Session. Und wird zusätzliche Forderungen stellen. Erschwert das in einer Krise nicht die Entscheidungsfindung?
Ich bin sehr froh, dass das Parlament wieder tagt! Diskussionen machen die Politik besser. In unserem Land ist die Macht aufgeteilt zwischen dem Bundesrat, dem Parlament und den Kantonen.

Kommen Sie momentan überhaupt zu Schlaf?
Danke für die Nachfrage (lacht). Ja, ich komme zu Schlaf. Und ich nehme mir auch bewusst Momente, um mir Sorge zu tragen.

Mit wem verbringen Sie diese?
Mit meinem Mann. Er ist nicht wie geplant für eine Romanrecherche ein halbes Jahr in London geblieben, sondern wegen Corona zurück in die Schweiz gekommen. Ich geniesse die gemeinsame Zeit.

Was unternehmen Sie zusammen?
Er kocht wunderbar für mich, und wir essen zusammen und reden. Und ich bin froh, wenn es einmal nicht um Corona geht.

Wer oder was fehlt Ihnen?
Ich vermisse meine Freundinnen und Freunde, zusammen essen zu gehen oder ein Konzert zu geniessen. Mir fehlt meine Familie, ich kann meine bald 87-jährige Mutter nicht mehr besuchen.

«Ich vermisse meine Freundinnen und Freunde, zusammen essen zu gehen oder ein Konzert zu geniessen.»

Simonetta Sommaruga
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Seit zehn Jahren sitzt die Bernerin im Bundesrat. 2019 wechselte sie vom Justiz- ins Umwelt- und Verkehrsdepartement. Die gelernte Konzertpianistin ist mit dem Schriftsteller Lukas Hartmann verheiratet.

Karl-Heinz Hug

Bekanntlich sind Sie am liebsten im ÖV unterwegs. Auch zu Corona-Zeiten?
Mein Bewegungsradius ist stark eingeschränkt. Ich arbeite tageweise im Homeoffice. Ins Büro gehe ich gelegentlich zu Fuss. Das dauert zwar länger, aber es tut gut. Und sonst mit dem Auto.

Haben Sie auch schon eine Maske getragen?
Bisher erst einmal, als ich ein Spital besuchte.

Was halten Sie von alt Bundesrat Pascal Couchepins Idee, die Herstellung von Medizinalprodukten von China nach Europa beziehungsweise in die Schweiz zurückzuholen?
Wir werden uns solche Gedanken machen. Es wird stets Abhängigkeiten geben, kein Land kann alles selber herstellen. Aber wir brauchen in wichtigen Bereichen mehr Verbindlichkeit. Was uns auch bewusster geworden ist: wie viel eine gute Grundversorgung wert ist. Und sichere Arbeitsplätze. Wir müssen darum positive Signale für die Zeit nach der Krise geben. Ich habe schon mehr Geld für die Fotovoltaik gesprochen – damit haben Installateure Arbeit, und es hilft dem Klima.

Ein Blick in unser Heft zeigt: In Branchen, die in der Krise besonders gefordert waren, arbeiten überdurchschnittlich viele Frauen.
Die Frauen sind für mich die Heldinnen der Corona-Krise: in der Pflege, im Detailhandel, in den Laboren, bei der Kinderbetreuung, in den Schulen. Sie überzeugen mit Wissen, Menschlichkeit, Führungsstärke und Durchhaltewillen.

Dafür gab es auch viel Anerkennung und Applaus. Gleichzeitig sind viele dieser Berufe schlecht bezahlt. Die Pflegenden verlangen nun mehr Lohn. Zu Recht?
Ich habe viel Verständnis. Was einer Gesellschaft wirklich wichtig ist, muss sich auch im Lohn zeigen. Die Krise belegt, welchen Wert Frauen in der Wirtschaft haben.

Sie fordern mehr Lohn für die Pflegenden?
Nicht nur bei den Pflegenden sollte ihre Verantwortung bei Lohnverhandlungen mit einfliessen. Sondern auch bei Kitas. Dort stimmt das Verhältnis zwischen der Verantwortung – die riesig ist – und dem Lohn ebenfalls nicht.

An Ostern spielten Sie Ihrer Mutter übers Telefon auf dem Klavier vor. Was haben Sie für den Muttertag in rund einer Woche geplant?
Sicher etwas Persönliches. Das Klavierspielen hat sich seit Ostern zu einem Ritual bei jedem Anruf entwickelt. Ich kann ihr so eine Freude machen. Und es ist auch eine andere Art von Nähe, als nur zu telefonieren. Sie hörte mich als Kind spielen und jetzt wieder.

Welche Stücke hört sie am liebsten?
Sie mag Mozart und Chopin sehr gerne. Manchmal möchte sie auch, dass ich einfach etwas spiele, damit sie rausfinden kann, was es ist.

In Bundesrat Guy Parmelins Umfeld sind vier Personen an Corona erkrankt, bei Kollege Ignazio Cassis gibts ebenfalls Fälle in der Familie. Wie sieht es bei Ihnen aus?
Ich habe zum Glück keinen Fall in meinem näheren Umfeld. Wir sind auch im Bundesrat sehr vorsichtig, haben unser Sitzungszimmer umgestellt. All unsere Distanz- und Hygieneregeln haben viel gebracht. Jetzt gilt es, diese Erfolge nicht aufs Spiel zu setzen.

Von Jessica Pfister am 30.04.2020
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