Liebevoll schweift Els Biesemanns Blick über ihre fünf Hammerklaviere. «Das ist meine Familie, die Instrumente sind meine Babys. Das älteste ist 200 Jahre alt», sagt die 48-jährige Musikerin und lacht herzhaft. Die fünf Hammerflügel stehen in ihrer Wohnung in einem grossen, hellen Raum, daneben ein alter Stubentisch aus Nussbaum und die Küche. «Jedes meiner Instrumente hat seinen eigenen Kopf, seinen eigenen Klang. Zu jedem habe ich eine besondere Beziehung. Je nach Repertoire suche ich mir eines aus.» Stücke von Frédéric Chopin zum Beispiel übt sie auf ihrem «Boisselot», angefertigt 1844 von der gleichnamigen Hammerflügelmanufaktur in Marseille (F). «Mit ihm erwecke ich Chopin-Werke zum Leben. Das ist ewige Musik.»

«Jedes Instrument hat seinen eigenen Klang»: Die Tastenkünstlerin in ihrer Stube mit fünf originalen Hammerklavieren. Bei ihren Konzerten spielt sie meist auswendig.
Geri BornEls Biesemans ist eine renommierte Hammerklavier-Expertin. Mit sieben Jahren begann sie in ihrer belgischen Geburtsstadt Antwerpen, Orgel zu spielen, an der Hochschule für Musik in Löwen studierte sie Klavier, Orgel und Kammermusik, 2001 erwarb sie dort das Diplom Master of Music. Vier Jahre später zügelte sie in die Schweiz, spezialisierte sich in Basel an der Schola Cantorum Basiliensis auf die Tastenvielfalt des 18. und 19. Jahrhunderts: «Dort habe ich mich ins Hammerklavier verliebt. Ich spiele lieber auf einem solchen als auf einem Steinway-Flügel.»
Der Name des Instruments, auch Fortepiano genannt, stammt aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, es gilt als Vorform des heutigen Klaviers. Damals gab es noch keine so grossen Konzertsäle. «Ein Fortepiano klingt runder und delikater als ein moderner Konzertflügel.»
Heute wohnt die Musikerin mit ihrer Instrumentenfamilie in Langnau am Albis ZH, 2022 wurde sie dort eingebürgert. Einen Kinderwunsch habe sie nie gehabt. Ihren Lebenspartner Markus, einen ausgebildeten Volkswirtschafter, lernte sie bei einem Ballettabend im Opernhaus Zürich kennen. «Els ist ein sonniger Mensch, wir verstehen uns prächtig. Sie lebt für die Musik.» Biesemans nickt: «Ich gehe mit Musik im Kopf schlafen und stehe mit ihr auf.»

Ihre Bühnenroben kauft Els Biesemans in Lilos Second Hand Shop in Rapperswil-Jona SG – beraten wird sie von ihrem Lebenspartner Markus.
Geri BornRobuste Wesen mit zarter Seele
Als Solistin an ihren Hammerflügeln oder der Orgel und ebenso mit ihrem Kammermusikensemble Elsewhere tritt Els Biesemans weltweit auf, auch in der Berliner Philharmonie und der Tonhalle Zürich. Besonders intim sind die Konzerte in ihrer Stube. In Zürich leitet sie das von ihr initiierte Fortepiano Festival Flügelschläge. Mit einem Repertoire vom Mittelalter bis in die Moderne hat sie sich zahlreiche internationale Auszeichnungen erspielt. Ihre nächste CD ist der Musik von Delphine von Schauroth gewidmet – auch Zeitgenosse Robert Schumann lobte deren Werke in den höchsten Tönen.

Bei einem Konzert im Spiegelsaal des Opernhauses Zürich spielen Biesemans und ihre Mitmusiker Werke von Mozart und Beethoven.
Geri BornDrei bis vier Stunden am Tag vertieft sich die Musikerin in ein Stück. Für ihre Auftritte in der Schweiz reist sie mit einem ihrer Original-Fortepianos an. Dafür braucht sie starke Helfer, die das 100 Kilo schwere und 50 000 Franken teure Instrument von ihrer Stube in den Kastenwagen bringen. Das sei mühsam, sagt Biesemans. «Meine Leidenschaft schafft auch Leiden.»
Einmal, nach einem Konzert im Oberengadiner Dorf Sils, sei es nachts minus zehn Grad kalt gewesen. In einem Anflug von Angst rief die Musikerin einen ihr bekannten Klavierbauer in Prag an: Ob das Fortepiano im Kastenwagen draussen keinen Schaden nehme? Der Klavierbauer beruhigte sie. Daheim dürfe sie einfach nicht gleich den Deckel öffnen – das Instrument brauche Zeit, sich zu akklimatisieren. Die Resonanzböden bestehen aus Fichtenholz. «Meine Babys sind robuste Wesen mit einer zarten Seele.»

Wenn Els Biesemans bei einem Konzert auf ihrer Toggenburger Hausorgel aus dem Jahr 1780 eine Polka spielt, wird oft getanzt. Den Blasbalg bedient sie mit den Füssen.
Geri BornBiesemans setzt sich an ihren «Brodmann» – gebaut 1825 vom Wiener Joseph Brodmann. «Seine Instrumente gehören zu den Bentleys unter den Fortepianos.» Auch der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy wusste deren Qualität zu schätzen. «Vielleicht hat er auf meinem gespielt?» Sie intoniert die «Mondscheinsonate» ihres Lieblingskomponisten Ludwig van Beethoven. «Er war ein Rebell mit feinem Humor. Ich liebe ihn heiss! Wenn ich seine Musik spiele, leide und lache ich mit ihm.»
Jedes ihrer Fortepianos sei eine Zeitmaschine. Mit ihnen hört sie Klänge, die schon Komponisten wie Robert Schumann und Franz Liszt gehört haben. «Meine Babys beflügeln mich. Dank ihnen kann ich die damalige Musik besser verstehen. Und sie den Menschen nahebringen.»

