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Janina Martig behauptet sich in einer Männerdomäne

Mit Drive und Fingerspitzengefühl

Früher zierte Janina Martig Magazin-Cover. Heute führt sie ein erfolgreiches Unternehmen in der männerdominierten Transportbranche. Ans Steuer ihrer tonnenschweren Lastwagen lässt sie am liebsten Frauen.

Janina Martig 2021

Janina Martig (M.) mit «ihren» Truckerin-nen Zoé Langhitano, Daniela Tanner, Ramona Gasser und Jana Röthlisberger (v. l.).

Thomas Buchwalder

«Lady Driver» oder «Road Angel» prangt in grossen Lettern auf dem Rücken der Teamjacken von Janina Martig Logistics. Die Chefin hat sie selbst entworfen. «Alles, was es auf dem Markt gab, hat mir nicht gefallen», meint sie schulterzuckend. Denn für Janina Martig, 38, ist klar: Eine Frau muss weder herumlaufen wie ein Mann noch sich wie einer benehmen. Auch dann nicht, wenn sie sich in einer männerdominierten Branche behaupten will. 

Frauen ans Steuer - so stehts im Businessplan

Sieben Jahre ist es her, dass die Baslerin ihr Logistik-Unternehmen gegründet hat, spezialisiert auf temperaturgeführte Transporte. Bereits im Businessplan vermerkt Martig, dass das Ziel sein soll, so viele Frauen wie möglich anzustellen. «Damals hatte ich noch Zweifel, ob sich das umsetzen lässt. Heute bin ich sehr stolz, dass ein Grossteil meiner Angestellten Frauen sind. Und zwar nicht einfach irgendwelche, sondern extrem talentierte Frauen, die ihren Job mit genauso viel Leidenschaft machen wie ich.»

Janina Martig 2021

Selbst ist die Frau. Wenn jemand ausfällt, setzt sich die Chefin immer noch mit grosser Freude selber ans Steuer.

Thomas Buchwalder
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Bereits als kleines Mädchen spielt die Tochter eines Bauunternehmers lieber mit Spielzeugautos als mit Puppen. Nichts liebt sie mehr, als mit ihrem Vater im Lkw mitzufahren. Die Lastwagenprüfung, die Janina nach der Matura macht, ist eine Überraschung für den geliebten Papa. Sein Tod im Jahr 2003 ist Janinas grösster Schicksalsschlag. Das Unternehmen zu übernehmen, kommt damals aber nicht infrage. Nicht nur, weil Janina noch sehr jung ist, sondern auch, weil sie sich in einer ganz anderen Welt bewegt. 

Model und Unternehmerin

Mit 17 wird Janina Martig von einem Model-Scout entdeckt, legt quasi vom Fleck weg eine steile internationale Karriere hin. So ist sie als erste Schweizerin auf dem Cover der legendären «Sports Illustrated Swimsuit» abgebildet. 

«Offene Ablehnung kommt selten vor. Viel häufiger passiert, dass man ­einfach nicht ernst genommen wird.»

Auch heute steht Janina noch regelmässig als Model vor der Kamera. «Ich liebe diese Gegensätze, die Abwechslung.» Und obwohl sie die Transportbranche als «Haifischbecken» bezeichnet, findet sie das Modelbusiness zuweilen einiges taffer – und diskriminierender. «Man wird nur nach dem Äusseren beurteilt. Manchmal kriegt man einen Grund, warum man abgelehnt wird, manchmal nicht, und manchmal bekommt man auch echt beleidigende Dinge zu hören.» 

Am Anfang wars ein Klinkenputzen

Die Gründung ihres Unternehmens ist ein lang gehegter Traum für Janina Martig. Und ein bisschen auch eine Hommage an ihren Vater. Einfach ist es nicht. «Niemand hat auf mich gewartet. Ich habe anfangs sehr, sehr viele Klinken geputzt, um Aufträge zu erhalten.» Und natürlich spielt es dabei eine Rolle, dass sie eine Frau ist. «Schlussendlich habe ich vermutlich genauso viele Aufträge genau deshalb bekommen, weil ich eine Frau bin, wie ich aus ebendiesem Grund nicht bekommen habe.» Offene Ablehnung komme zwar eher selten vor. «Viel häufiger passiert, dass man einfach nicht ernst genommen wird.» 

Janina Martig 2021

Ist alles so, wie es soll? Irina (l.) und Cora bereiten sich auf die Lkw-Prüfung vor. Janina macht den Check.

Thomas Buchwalder

Davon können auch Janinas Mitarbeiterinnen ein Lied singen. «Als Frau wird einem viel genauer auf die Finger geschaut. Man muss sich immer doppelt beweisen», meint Daniela Tanner, 49. Seit 27 Jahren fährt sie Lastwagen. «Als ich anfing, war ich oft die einzige. Mittlerweile gibt es immer mehr junge Frauen, die der Beruf interessiert.» So wie ihre Kollegin Zoé Langhitano, 21. Die ausgebildete Bereiterin macht die Lkw-Prüfung wegen des Pferdetransports. Und wechselt schliesslich ganz hinters Steuer.

«In meinem Umfeld gibt es viele, die das für einen Spleen halten», erzählt sie. «Wäre ich ein Mann, käme niemand auf diese Idee.» Dabei seien gerade Frauen, die sich für diesen Beruf entscheiden, meist mit viel Herzblut bei der Sache, während es für Männer oft einfach ein Job sei. «Ausserdem braucht es sehr viel Fingerspitzengefühl, um einen Truck zu lenken. Da kann doch niemand sagen, dass das nur Männersache sei.»

Die Frauen schätzen eine Chefin

In Bätterkinden BE, wo ein Teil des Fuhrparks von Janina Martig Logistics stationiert ist, geht die Chefin mit Cora Lepori, 29, und Irina Steiner, 25, den technischen Check am Lastwagen vor der Abfahrt durch. Die beiden bereiten sich auf die Lkw-Prüfung vor. «Ist alles richtig angeschlossen? Gibt es irgendwelche Mängel? Und ganz wichtig, wenn es geschneit hat: Schnee vom Dach! Wenn da etwas rutscht und einen Fussgänger trifft, ist das eure Verantwortung!» 

«Ich stelle entgegen gewissen Behauptungen auch Männer an. Die Leistung muss stimmen.»

Janina freut sich über die beiden Neuzugänge. «Wie immer, wenn Frauen zum Team stossen. Ich stelle allerdings entgegen gewissen Behauptungen auch Männer an. Schlussendlich muss die Leistung stimmen.» Für ihre Fahrerinnen ist die Tatsache, eine Chefin zu haben, allerdings oft ausschlaggebend für ihre Bewerbung. «Es ist kollegialer als mit einem Chef. Sie hat mehr Verständnis und hört besser zu», findet Ramona Gasser, 29. Daniela Tanner ergänzt: «Ich weiss nicht mal, ob sie auch mal ausrufen könnte.» Sie könnte schon, so Janina Martig lachend. «Aber ich halte mehr von zielführenden Diskussionen mit entsprechender Wortwahl.» 

Die Firma ist Janinas «Baby»

Zwei der Frauen müssen los, Janina geht mit ihnen die letzten Details durch. Selbst ans Steuer setzt sie sich nur noch, wenn Not an der Frau ist. «Oder wenn ich gern selbst mal wieder eine Tour fahren möchte.» Für ihre Firma, ihr «Baby», verzichtet sie bewusst auf eine eigene Familie. Ihr Partner – ebenfalls in der Transportbranche tätig – und sie hätten nie einen grossen Kinderwunsch verspürt. «Aber klar, wäre ich ein Mann, wäre es einfacher, Familie und Business zu vereinen.» 

Janina Martig 2021

Wetterfest: Der strömende Regen im Fuhrpark in Bätterkinden BE kann Cora, Janina und Irina nichts anhaben.

Thomas Buchwalder

Janina Martig hofft, dass Frauen am Lkw-Steuer irgendwann kein so seltenes Bild mehr sind. «Es ist ein toller Job. Und es gibt keinen einzigen Grund, warum eine Frau ihn nicht machen sollte.» 

Von Sandra Casalini am 06.02.2021
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