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Mujinga Kambundji schreibt Sportgeschichte

«Fühle ich mich schön, laufe ich schneller»

Mit 6,96 Sekunden die schnellste Zeit des Jahrhunderts gesprintet und Gold gewonnen: Mujinga Kambundji schreibt an der Leichtathletik-Hallen-WM Sportgeschichte. Die Bernerin über Blackouts, Make-up und Kindheitsträume.

Mujinga Kambundji 2022 Mujinga Kambundji  ©Thomas Buchwalder

In der Berner Leichtathletikanlage Wankdorf, wo Mujinga Kambundji, 29, sonst trainiert, vereint sie beim Fotoshooting Eleganz, Tempo und Präzision.

Thomas Buchwalder

Mujinga Kambundji, ob sportlich, glamourös, am Gala-Abend oder auf der Tartanbahn – Sie machen eine gute Figur. Gibt es ein Umfeld, in dem Sie sich nicht wohlfühlen?
Es geht weniger um das Umfeld, mehr um die Thematik. Ich stehe gern auf einer Bühne. Doch wenn ich vor vielen Leuten über ein kompliziertes Sachthema reden müsste, würde ich mich unwohl fühlen.

Reden wir also über Sport: Ging mit dem Weltmeistertitel ein Kindheitstraum in Erfüllung?
Nein. Ich wollte immer im Hier und Jetzt sein, war nie eine, die geträumt hat. Ich habe mir immer realistische Ziele gesteckt. Mit jedem Resultat wurden mein Selbstvertrauen grösser und meine Ziele höher. Und jetzt stehe ich hier! 

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Auch Sprint-Legende Usain Bolt hat Ihnen auf Instagram gratuliert! 
Das bedeutet mir viel. Meine bisherigen Resultate haben schweizweit für Aufsehen gesorgt. Dieser Sieg und die Zeit haben mir nun die internationale Anerkennung und Glückwünsche von Sportgrössen wie Bolt oder des aktuellen Sprint-Olympiasiegers Marcell Jacobs eingebracht.

Ihr Freund und Co-Trainer Florian soll Ihnen bereits im Dezember gesagt haben, dass Sie Weltmeisterin werden können. 
Ja, und er nannte eine Zeit, die es dafür wohl brauchen würde: 6,95 Sekunden. Hätte mich jemand schlagen wollen, hätte es diese Zeit tatsächlich gebraucht (lacht).

Mujinga Kambundji 2022 Mujinga Kambundji  ©Thomas Buchwalder

Privat ist sie sympathisch, bodenständig und locker. Doch im Wettkampf wird Mujinga Kambundji zur aggressiven Athletin. 

Thomas Buchwalder

Traut Ihr Umfeld Ihnen mehr zu als Sie sich selber?
Ich denke nicht. Ich spreche es wohl nicht so aus und konzentriere mich auf die Dinge, die mich schneller machen: Technik, das Mentale und die Physis.

In welchem Bereich machen Sie den Unterschied?
Nicht in der Technik, da habe ich Luft nach oben. Und ich denke, trainieren kann jeder. Aber auf den Punkt bereit sein ist das, was mich oft abhebt. Das Mentale verändert sich allerdings immer, weil die Situation nie gleich ist. Deshalb arbeite ich neu mit einer Sportpsychologin, damit ein Problem schnell erkannt und angepackt werden kann.

Haben Sie während Ihres Laufs gespürt, dass etwas Grosses geschieht?
Das Gefühl war gut. Aber erinnern kann ich mich nicht mehr – ein komplettes Blackout. Das hatte ich schon oft bei sehr schnellen Läufen.

Ist das ein Zeichen für den ultimativen Fokus?
Vielleicht. Ich war sehr nervös. Die Nervosität war auch schon lähmend. Ich habe gemerkt, dass ich nicht gut leiste, wenn ich mich zu stark unter Druck setze und denke: «Ich muss – gewinnen oder eine Medaille holen.» Nun formuliere ich das anders: Ich kann! Diesmal lief mein Körper auf Hochtouren. Hoher Puls, schnelle Atmung, hohe Aggressivität. Ich wollte bewusst den Kopf abschalten – nicht nach links und rechts schauen.

Mujinga Kambundji 2022 Mujinga Kambundji  ©Thomas Buchwalder

Der ideale Mix aus Technik, Physis und Köpfchen: 31,62 Stunden-kilometer, so schnell rennt Kambundji über 60 Meter an der WM. Mit 6,96 Sekunden läuft sie die viertschnellste Zeit der Geschichte. 

Thomas Buchwalder

Wann haben Sie realisiert: Ich bin Weltmeisterin?
Lange nicht. Da ich auf der Aussenbahn lief, habe ich die Gegnerinnen nicht so gespürt. Im Ziel merkte ich zuerst, dass die Kamera auf mich gerichtet war. Doch ich dachte, die können sich ja auch irren. Als ich das Resultat auf der Anzeigetafel sah, war ich fassungslos. Irgendwie bin ich es noch immer. Ich bin stolz, dass ich es geschafft habe, alle zu schlagen.

Neben der Tartanbahn wirken Sie bodenständig und locker. Wie gelingt Ihnen dieser Wechsel zur aggressiven Athletin?
Nicht immer gleich gut. Im Halbfinal fehlte mir wohl das letzte Prozent Konsequenz. Aber grundsätzlich hatte ich diese Fähigkeit wohl schon immer. Manchmal läuft man ja gegen Kolleginnen – aber im Rennen sind wir keine Kolleginnen. Bis der Final vorbei ist, will jede gewinnen. Damit habe ich keine Probleme. 

Das heisst, Sie schotten sich in einem Wettkampf komplett ab?
Von der Konkurrenz schon. Ich bin keine, die noch mit den härtesten Gegnerinnen essen gehen oder Small Talk und Viel-Glück-Wünsche austauschen möchte. Ein kurzes Hallo liegt drin, ansonsten bin ich in meinem Tunnel. Da wir alle dasselbe durchmachen und uns gegenseitig respektieren, ist die Stimmung wieder locker, sobald wir die Ziellinie überquert haben. 

Tönt aber nach angespannter Stimmung im Callroom, wo Sie sich vor einem Lauf zusammen einfinden. 
Etwas Lustiges gibts trotzdem zu erzählen: Trotz Fokus auf Leistung legen viele Wert aufs Aussehen, packen noch den Lippenstift aus oder schauen im Spiegel, ob die Frisur sitzt.

Sie auch?
Nur im Hotel. Mir ist es wichtig, wie ich bei einem Rennen aussehe. Ich nehme mir für Make-up und mein «Bürzi» stets Zeit. Denn fühle ich mich schön, laufe ich auch schneller. Ich frage meist noch meinen Trainer, ob alles gut aussieht, ob die Schminke nicht verschmiert ist. Dann ist das Thema jedoch abgehakt. Kürzlich habe ich mit meiner Schwester darüber gewitzelt, dass wohl bei wenigen Athletinnen der Unterschied zwischen einem Tag im Hotel und einem Wettkampftag punkto Styling so gross ist wie bei uns Sprinterinnen (lacht).

Mujinga Kambundji 2022 Mujinga Kambundji  ©Thomas Buchwalder

EM-Gold und -Bronze sowie WM-Bronze holte sie in der Halle bereits. EM- und WM-Bronze auch an Freiluft-Meisterschaften. Nun überrascht Kambundji mit dem WM-Titel über 60 Meter. 

Thomas Buchwalder

Ihre Schwester Ditaji stürzte an der WM im Hürden-Final. Wie erlebt die Familie eine solche Situation? 
Ein riesiger emotionaler Stress! Aber meine Eltern sind sich das ja langsam gewohnt (lacht). Wir beide profitieren davon, dass wir gemeinsam bei Wettkämpfen sind, haben in Belgrad auch das Zimmer geteilt. Doch wenn Ditaji – oder eine Freundin wie an Olympia Beachvolleyballerin Anouk Vergé-Dépré – vor mir den Wettkampf hat, kann ich nicht zuschauen. Das würde mich emotional zu viel Energie kosten. Ich muss jeden Funken wahren. 

Welche Erfahrungen aus Ihrer Karriere sind Ihnen auch sonst im Leben hilfreich?
Vieles. Dass man seine Stärken und Schwächen kennen sollte. Dass man erkennt, dass der Mensch und genauso auch ein Team nie perfekt sind. Dass man dennoch eine optimale Konstellation finden und von jeder Person das Richtige mitnehmen kann. Dass es Dinge gibt, die man nicht beeinflussen kann. Dass es dann nichts bringt, Energie und Zeit dafür zu verschwenden. Ein Beispiel: An der WM habe ich die Aussenbahn zugeteilt bekommen, die ich nicht mag. Das hätte mich aus dem Konzept bringen können. Stattdessen habe ich das sofort abgehakt und mich auf meine Mission konzentriert. 

Von Sarah van Berkel am 27. März 2022 - 08:09 Uhr
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