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Nach ihrem Tennis-Triumph

So tickt das Team von Belinda Bencic, Jil Teichmann & Co.

Sie schreiben Sportgeschichte! Belinda Bencic, Jil Teichmann und ihr Team gewinnen als erste Schweizerinnen den Billie Jean King Cup. Was die Welt­meisterinnen am Netz unschlagbar macht – und wie sie neben dem Court ticken.

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Belinda Bencic, Jil Teichmann, Viktorija Golubic und Simona Waltert 2022

Weltmeisterinnen! Jil Teichmann (l.) und Belinda Bencic gewinnen ihre Einzel des Billie Jean King Cup gegen Australien und holen für das Schweizer Team erstmals den Titel nach Hause.

Thomas Buchwalder

Vor lauter Freude liegt Jil Teichmann (25) am Boden. Belinda Bencic (25) kniet vor ihr und tut so, als ob sie sich die Hände aufwärmen würde. Eine Szene, die vielen Schweizer Sportfans bekannt ist: So jubelten Roger Federer, 41, und Stan Wawrinka, 37, bei ihrem Olympia-Gold 2008 in Peking. Nun aber haben die Frauen in Glasgow Sportgeschichte geschrieben: Zusammen mit Viktorija Golubic (30) und Simona Waltert (21) haben die Schweizerinnen den Billie Jean King Cup (ehemals Fed Cup) gewonnen. Es ist der erste Schweizer Triumph im wichtigsten Teamwettkampf des Frauentennis. Die Schweizerinnen schlagen Italien, Kanada, Tschechien und Australien, gewinnen alle acht Einzel und somit souverän den Wettbewerb der Weltspitze.

Einen Tag später landen die Sportlerinnen am Flughafen in Zürich. Geschlafen haben sie kaum. «Wir haben natürlich gefeiert – mit einem Znacht und Champagner», sagt Bencic mit dem Pokal in den Händen. «Richtig spät wurde es zwar nicht. Aber als ich im Hotelzimmer war, lag ich stundenlang wach, konnte vor Aufregung nicht einschlafen. Ich habe den Sieg für mich alleine genossen», sagt die aktuelle Weltnummer 12.

epa10304350 Belinda Bencic of Switzerland (R) celebrates with Jil Teichmann (L) after winning against Australia to become 2022 World Champions at the Billie Jean King Cup Finals in Glasgow, Britain, 13 November 2022. EPA/ADAM VAUGHAN

Frauenversion des «Fedrinka»-Jubels: Bencic (r.) macht den Federer, Teichmann den Wawrinka.

keystone-sda.ch

Es sind kleine Gesten, die zeigen, wie dieses Team tickt. «Anstatt mich selber aufzuwärmen, wollte ich lieber Jil bei ihrem Match anfeuern», sagt Bencic. Und Teichmann verzichtete nach ihrem Sieg aufs Dehnen, um ihrer Kollegin von der Seitenlinie her zuzujubeln. «Wir haben uns wirklich gern», sagt Jil Teichmann, die in der Weltrangliste auf Platz 35 ist. «Wir tun nicht nur so.»

Die zwei Tennisstars kennen sich, seit sie zwölf Jahre alt waren. Damals fuhren sie zu einem Turnier nach Slowenien, sassen zehn Stunden nebeneinander im Auto – und schwatzten von der ersten Minute bis zur Ankunft ununterbrochen. «Auch heute reden wir über alles. Meistens nicht über Tennis», sagt Teichmann und lacht.

Captain mit dem richtigen Gespür

Bei solchen Turnieren gebe es viele schwierige Momente, immer wieder kommen Ängste auf – etwa die Teamkolleginnen durch einen Fehler zu enttäuschen, sagt Coach Heinz Günthardt (63). «Aber bei uns war das nie Thema. Wir wissen alle: Jede, die rausgeht, gibt 100 Prozent. Und wenn sie dann nicht gewinnt, ist das auch okay. Dieses Vertrauen hinzubekommen, ist das Beste, was einem Team passieren kann!» Reibereien oder Stichelein habe er nie gespürt. «Die Girls machen sich gegenseitig besser, sie können so alles aus sich herausholen, das ist wunderschön anzusehen. Denn Tennis ist eine Einzelsportart, und die Spielerinnen sind auch Konkurrentinnen – darum ist das gar nicht selbstverständlich.»

Belinda Bencic, Jil Teichmann, Viktorija Golubic und Simona Waltert 2022

Teamtrainer Heinz Günthardt mit seinen roten Fingernägeln, von denen jeder einen Schweizer Sieg repräsentiert.

Thomas Buchwalder

Nach dem historischen Sieg fliesst auch beim Captain eine Träne. «Dieses Team hat jede Menge Herz», sagt der ehemalige Profispieler und SRF-Tenniskommentator. Er zeigt stolz seine Fingernägel. Gemäss Tradition durften ihm die Spielerinnen für jedes gewonnene Match einen Nagel rot lackieren. Wie lange die noch dranbleiben, weiss Günthardt nicht. «Es ist schon eigenartig, wie einen die Leute anschauen. So ganz akzeptiert ist das bei den Männern noch nicht. Das finde ich nicht gut.»

Bis ans andere Ende der Welt

Für die Tennisstars steht nun eine kleine Auszeit an. Jil Teichmann besucht ihre Eltern in Zug. «Ich muss jetzt einfach abschalten», sagt sie. Belinda Bencic fliegt direkt weiter – mit ihrem Freund und Trainer Martin Hromkovič, 40, gehts in die Ferien. «Wir verbringen zwei Wochen auf den Malediven.»

Im Dezember gehts für sie dann bereits weiter. Dann startet in Australien der neue United Cup, bei dem die Länderteams mit Spielerinnen und Spielern beider Geschlechter antreten. Belinda Bencic und Jil Teichmann starten als die zwei bestklassierten Schweizerinnen – und werden sich wahrscheinlich auch auf der anderen Seite der Welt gegenseitig anfeuern!

Belinda Bencic, Jil Teichmann, Viktorija Golubic und Simona Waltert 2022

Mit den blauen Siegerjacken am Zürcher Flughafen: Simona Waltert, Jil Teichmann, Coach Heinz Günthardt, Viktorija Golubic und Belinda Bencic (v. l.).

Thomas Buchwalder
Von Silvana Degonda am 21. November 2022 - 07:00 Uhr