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«Wir müssen die höchstmöglichen Ziele vor Augen haben»

Nati-Trainer Vladimir Petkovic im Interview zur Fussball-EM

Im verflixten siebten Jahr der Beziehung von Vladimir Petkovic zur Schweizer Fussballnati ist an der Euro 2021 ein nächster Schritt nach vorn gefordert. Auch vom Trainer selbst. Doch für ihn ist ein solcher nicht nur in Resultaten messbar.

Petkovic Vladimir, Trainer Fussball Nati, SI SPORT 02/2021

Unerschütterlich wie der Felsen von Gibraltar überzeugt von seiner Arbeit: Vladimir Petkovic 2019 nach dem EM-Qualispiel gegen die Iberer.

Keystone

Vladimir Petkovic, haben Sie einmal gezählt, wie oft Sie pro Jahr im Flugzeug sitzen?
Petkovic: Puuh! Nein, man könnte es rauskriegen, aber ich führe da keine Statistiken. Im vergangenen Jahr war es aber eindeutig weniger als sonst, oder? Wir haben mit der Nationalmannschaft einige Flugreisen gemacht. Aber Spielbesuche oder Besuche bei Spielern waren tatsächlich schwer möglich. Zum Glück konnte ich Reisen ins nahe Ausland mit dem Auto machen, nach Italien oder Deutschland, das ging. Und sonst war ich halt noch öfter am Telefon. Jetzt geht es zum Glück wieder viel einfacher, und es war schön, dass wir im März nach vier Monaten endlich wieder einmal für ein paar Tage physisch zusammen sein konnten.

Ist der unmittelbare Kontakt mit Ihren Spielern überhaupt so wichtig, oder lässt sich der Austausch ebenso gut über den Computer- und den Handy-Bildschirm pflegen?
Es fehlt schon etwas. Leider dürfen wir uns jetzt seit bald eineinhalb Jahren nicht mehr die Hand schütteln. Das finde ich traurig. Etwas vom Ersten, was ich vor sieben Jahren bei meinem Amtsantritt in der Schweiz eingeführt hatte, war, dass wir uns jeden Morgen bei der Begrüssung die Hand reichen. Der Blick in die Augen des Gegenübers ist der erste Spiegel, der einem sagt, wenn es Unstimmigkeiten gibt. Man kann das Signal sofort aufnehmen, wenn es etwas Zwischenmenschliches zu regeln gibt. Ich habe in dieser Zeit den regelmässigen persönlichen Kontakt unter vier Augen mit den Spielern vermisst.

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Inwiefern hatte Corona in den vergangenen 13, 14 Monaten generell Einfluss auf Sie?
Es war wie für alle nicht leicht. Man hatte in den Lockdowns ganz neue Sorgen und musste dennoch die Konzentration auf den Fussball behalten. Zum Glück bin ich ein Mensch, der sich flexibel und schnell auf neue Herausforderungen einlassen kann. Ich musste stets proaktiv an die Szenarien herangehen, verschiedene Pläne in der Hand haben. Neue coronabedingte Regelungen wie beispielsweise jetzt die Aufstockung des Spielerkontingents am Turnier musste man antizipieren, damit man nicht auf dem falschen Fuss erwischt wird.

Die Schweiz spielt an der Euro in Baku und Rom, und, wenns dann weitergehen sollte, auch in London, Bukarest, Amsterdam oder Sevilla. Keine Sorgen wegen der Reiserei quer durch Europa?
Nein, auch das nehme ich positiv. Ich glaube, es wäre schlimmer, die EM jetzt in nur einem Land auszutragen. Das würde nämlich bedeuten, dass viel mehr Leute aus ganz Europa oder sogar der ganzen Welt sich in einer einzigen Stadt oder in wenigen Städten versammeln. Ich glaube, es ist einfacher, die Situation in elf verschiedenen Städten gleichzeitig zu kontrollieren und zu steuern. Klar ist es nicht so angenehm, zwischen den Spielen so viel reisen zu müssen, aber das müssen wir akzeptieren. Und ich hoffe, dass wir nach der Vorrunde in Rom stationiert bleiben und uns im Camp richtig einrichten können. In der Vorrunde gehts halt im Fünftage-Rhythmus hin und her, man ist nirgends richtig heimisch.

Was auch nicht schlecht sein muss …
Das stimmt, die Spieler müssen sich darauf einrichten und mental wach bleiben. Und die Gefahr eines Stimmungstiefs ist kleiner, wenn man während der Coronazeit nicht zu lange in seiner Bubble bleiben muss, aus der man nie hinaus darf in die Städte, um etwas zu unternehmen. Es wird ja auch keine Familienbesuche im Camp geben. Da tun die diversen Ortswechsel vielleicht sogar gut.

Dies wird nun Ihre dritte Endrunde sein als Schweizer Nationalcoach. Welche Lehren aus den beiden anderen Turnieren haben Sie eingebracht in die Euro-Kampagne 2021?
Es waren ja bisher sogar drei, den Nations-League-Final in Portugal zähle ich auch dazu. Wir haben unsere Planung bis jetzt immer step by step anhand der Erfahrungen gemacht. Das hat sich bewährt. Wir konnten ja vor Frankreich beispielsweise nicht das Penaltyschiessen gegen Polen planen. Aber wir wussten danach, dass wir in einer solchen Situation konkreter sein müssen. Und nach Russland wussten wir, dass man auch mental schwierige Situationen, wie nach dem Serbienspiel und jenen Vorfällen, besser vorbereiten muss. Gegen Schweden waren wir im Achtelfinal geistig etwas zu leer für ein grosses Spiel. Daraus haben wir gelernt.

Konkreter?
Ich habe beispielsweise gesehen, wie gut es den Spielern tut, vor dem finalen Zusammenzug nochmals zwei Tage nach Hause gehen zu dürfen. Das machen wir auch diesmal so, obwohl es natürlich etwas riskant ist, wenn alle unsere Bubble nochmals verlassen. 

Petkovic Vladimir, Trainer Fussball Nati, SI SPORT 02/2021

Fühlt sich von der Öffentlichkeit nicht immer verstanden, ist aber längst nicht amtsmüde: Vladimir Petkovic will vermehrt aus dem Schatten treten.

Steffen Schmidt/freshfocus

Und auf die Doppeladler-Affäre hat man auch reagiert? Gibt es neue Vorschriften bezüglich politischer Äusserungen oder der Selbstdarstellung in den sozialen Medien?
In schriftlicher Form nicht, nein. Aber wir haben mit den Spielern eindringlich gesprochen. Und ich glaube, aus früheren Störfaktoren wie der Doppeladleraffäre sind wir letztlich als Team sogar stärker, reifer herausgekommen. So etwas war seither nie mehr Thema. Man darf es aber auch nicht übertreiben. Wenn man versucht, da zu viel Einfluss auf die Spieler zu nehmen, kann das kontraproduktiv sein. Ausserdem haben wir aus der schwierigen medialen Darstellung der Nati nach Russland unsere Lehren gezogen. Der neue Kommunikationschef Adrian Arnold hat mit uns an unserem Bewusstsein diesbezüglich gearbeitet, hat Spieler und Staff für den richtigen Umgang mit den Medien, mit öffentlicher Kritik sensibilisiert.

Eine der von Ihnen zuvor angesprochenen Folgen von Corona, auf die man flexibel reagieren muss, wie Sie sagen, ist die Aufstockung des definitiven Turnierkaders von 23 auf 26 Spieler. Hilft Ihnen das?
Im ersten Moment erleichtert es die Qual der Wahl. Aber das macht die Sache für mich nicht angenehmer. Statt sie kurz vor dem Turnier heimzuschicken, muss ich die überzähligen Akteure dann einfach auf die Tribüne verbannen. Auch das ist hart. Was aber sicher ein Vorteil ist: Unter den drei Spielern mehr, die man mitnehmen kann, ist der eine oder andere Junge, der Turnierluft schnuppern kann, auch wenn er nicht spielt. Wie gut das für eine Karriere sein kann, hat man 2016 an der Euro in Frankreich gesehen. Zakaria und Elvedi habe ich damals als ganz junge Spieler mitgenommen, damit sie sich ans hohe Niveau der Nati akklimatisieren können. Das hat die beiden extrem vorwärtsgebracht in ihren Karrieren. Zudem fällt es etwas leichter, allenfalls Spieler mitzunehmen, die in ihren Klubs in einer schwierigen Situation sind und wenig spielen.

In Ihrem erweiterten Kader standen vor der unmittelbaren Turniervorbereitung fünf Goalies. Keine Überlegung, vier statt nur drei Torhüter mitzunehmen?
Nein, das ergäbe kaum Sinn. Die zusätzlichen Plätze kann man besser nutzen.

Gegenüber der Schweizer Startaufstellung im WM-Achtelfinal 2018 gegen Schweden sind nur Dzemaili, Behrami, Drmic und Djourou nicht mehr dabei. Wie sehr profitieren Sie davon, einen ziemlich fixen Stamm beisammenzuhaben?
Ihre Feststellung stimmt. Man kann deshalb sicher sagen, dass das Team reifer ist. Dass es auch spielerisch noch einmal besser geworden ist, hat man mit dem Vorstoss in den Nations-League-Final gesehen. Wie wir da, aber auch danach gegen eine Reihe sehr starker Gegner gespielt haben, dieses Selbstbewusstsein, diese Ruhe, das zeugt von weiteren Fortschritten. Gleichzeitig hat das Team die Füsse am Boden behalten. Das hat man auch bei den Spielen diesen März gesehen. Wir haben ohne zu brillieren den Gegnern unser Spiel aufgezwungen, ihnen mit Dominanz die Möglichkeit zur Entfaltung genommen.

2020 war ja resultatmässig für die Schweiz eher ein Rückschlag mit nur einem Sieg in acht Partien, und das erst noch forfait gegen die Ukraine. Da dürften diese drei Siege dieses Jahres wohl gerade noch rechtzeitig einige Zweifel beseitigt haben.
Nein, ich sehe das andersherum. Diese drei Siege waren nur die logische Konsequenz aus dem vergangenen Jahr. Ich war nämlich da schon alles andere als beunruhigt, sondern im Gegenteil sehr zufrieden mit der Art, wie wir gespielt haben. Gegen Deutschland, Spanien oder die Ukraine haben wir zwar keine Siege erzielt, aber waren spielerisch auf Augenhöhe. Von vier Spielen gegen die Weltklasseteams Deutschland und Spanien haben wir nur eines verloren. Den Spielstil und die Positivität aus diesen Partien haben wir gegen Bulgarien, Litauen und Finnland gezeigt. Was mich freut: In der Phase mit den negativen Resultaten hätten wir ja sehr viel Angriffsfläche geboten. Aber von aussen ist es ruhig geblieben; man hat unsere positive Spielweise also registriert und gewürdigt.

 

 

«Der Wind bläst dir aus jeder Richtung entgegen. Aber ich muss meinen Kurs halten»

Vladimir Petkovic

Was wäre gewesen, wenn der Widerstand gegen Sie und Ihre Arbeit wieder grösser geworden wäre?
Ich bin das gewohnt. Ich navigiere als Natitrainer auf offener See. Da bläst dir der Wind aus allen Richtungen entgegen. Aber ich muss ruhig bleiben, meinen Kurs halten. Das geht nicht, wenn ich jede Welle mitgehe.

Die Resultate sprechen ja letztlich für Sie. Ihre äusserst positive persönliche Bilanz seit dem Amtsantritt 2014 weist in den 70 Länderspielen 38 Siege und nur 17 Niederlagen (Stand Mitte Mai 2021/Red.) aus. Wo steht die Schweizer Nati nach sieben Jahren Vladimir Petkovic niveaumässig im Vergleich zum Start 2014?
Ich möchte keinen Vergleich mit der Arbeit meiner Vorgänger machen. Das ist mir zu sensibel, das müssten andere von aussen tun.

Aber den Vergleich zwischen Ihren eigenen Ansprüchen beim Start und dem Ist-Zustand heute würden Sie ziehen, oder?
Wir haben die grössten Fortschritte im mentalen Bereich gemacht, in der Überzeugung unserer Möglichkeiten. Spielerisch wollte ich von Anfang an eine Mannschaft auf dem Platz sehen, die dominant auftritt, in jeder Partie auf Sieg spielt und vor keinem Gegner Angst hat, egal, wie er heisst. Das ist uns gelungen. Um dann die entsprechenden Resultate auch an den Grossanlässen zu erhalten, braucht es noch ganz andere Komponenten. Losglück, Tagesform et cetera.

Trotzdem: Alles spricht vom leidigen Viertelfinal, den man endlich erreichen müsse, als nächstem Schritt der Bestätigung. Der Zwang zum Viertelfinal, sozusagen.
Diesen Zwang verspüre ich nicht. Sind wir im Viertelfinal, müssen wir nämlich zwingend in den Halbfinal, und sind wir drin, zählt nur der Final. Die Spieler sind mit mir einig, dass wir den Weg der kleinen Schritte gehen, die ja auch schon grosse sind: Gruppenspiel für Gruppenspiel nehmen, die Gruppenphase überstehen, dann der nächste Match. Was mich stört an der Viertelfinal-Forderung, ist der darin enthaltene mangelnde Respekt gegenüber unseren Gegnern. Wales, dann Italien, dann die Türkei – sie sind alle richtig stark und haben genau wie wir den Anspruch, unter die ersten zwei der Gruppe zu kommen. Statt über Möglichkeiten zu quatschen, müssen wir auf dem Platz abliefern. Zum jetzigen Zeitpunkt über den Viertelfinal zu sprechen, wo man nicht einmal weiss, wer im Achtelfinal warten würde, ist eine respektlose Utopie.

«Die Spieler sind mit mir einig, dass wir den Weg der kleinen Schritte gehen, die ja auch schon grosse sind»

Vladimir Petkovic

Granit Xhaka drückt sich weniger zurückhaltend aus. Im Gespräch mit Schweizer Illustrierte SPORT sagte er, der Titel für die Schweiz an dieser EM sei keinesfalls eine Utopie.
Die Spieler dürfen jederzeit sagen, was sie denken. Und man soll ja optimistisch sein. Wir müssen die höchstmöglichen Ziele vor Augen haben und daran glauben. Ich bin ja auch ein Optimist. Aber als Trainer muss ich gleichzeitig realistisch sein. Aus den Gründen, die ich beschrieben habe.

Herr Petkovic, Sie stehen im siebten Jahr als Trainer der Schweizer Nati. In einer Ehe spricht man vom verflixten siebten Jahr. Nicht immer war Ihre Beziehung zur Schweizer Fussball-Öffentlichkeit eine Liebesbeziehung. Übersteht Ihre Liaison mit unserer Fussballnation das verflixte siebte Jahr in jedem Resultatfall?
Ich glaube nicht zu sehr an Weisheiten wie jene des verflixten siebten Jahres. Und ich habe in den sieben Jahren einige emotional ganz unterschiedliche Phasen erlebt. In einer Beziehung muss man ja immer aneinander arbeiten. Das haben wir getan, und ich glaube, wir haben einen guten gegenseitigen Respekt, eine Verlässlichkeit geschaffen. Im Fussballbusiness kommt das Ende der Beziehung irgendwann mit Sicherheit. Spätestens, wenn man nicht mehr von beiden Seiten die Hingabe, den Hunger spürt, die Beziehung weiterzuführen, muss man sie beenden. Bei mir ist diese Hingabe noch vollauf da. Sowieso vor einem Grossanlass, auf den man mehrere Jahre hingearbeitet hat. Da hat man so viel Energie und Feuer, dass sich die Frage nach der Intensität der Liebe gar nicht stellt.

Von Iso Niedermann am 12.06.2021
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