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  4. Neuanfang im Lötschental: Das Hotel nach dem Bergsturz
Hotel auf der Lauchernalp

Neue Hoffnung für das Lötschental

Vor fast einem Jahr wurde das Walliser Dorf Blatten verschüttet. Esther Bellwald und Lukas Kalbermatten haben in der Nähe ein neues Hotel gebaut. Und werden von der Vergangenheit immer wieder eingeholt.

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<p>Von ihrem neuen Hotel aus blicken Lukas Kalber­matten und Esther Bellwald ins Tal, wo das Dorf Blatten lag. «Wir wollen ein positives Zeichen setzen.»</p>

Von ihrem neuen Hotel aus blicken Lukas Kalbermatten und Esther Bellwald ins Tal, wo das Dorf Blatten lag. «Wir wollen ein positives Zeichen setzen.»

Andrea Soltermann

Wie ein weisser Verband hat sich der Schnee auf die Wunde am Berg gelegt. «Darüber sind wir alle froh», sagt Esther Bellwald (48). Sie steht auf dem Balkon ihres neuen Hotels. Gegenüber ist der Berg, der vor bald einem Jahr abrutschte und das Dorf Blatten unter sich begrub. Und damit auch Bellwalds altes Hotel. 157 Jahre lang ist es dort gestanden, als Mädchen war sie durch seine Gänge gerannt.

<p>Naturkatastrophe: Beim Berg- und Gletschersturz vom 28. Mai 2025 wurde eine Person getötet und das Dorf Blatten zerstört.</p>

Naturkatastrophe: Beim Berg- und Gletschersturz vom 28. Mai 2025 wurde eine Person getötet und das Dorf Blatten zerstört.

Die Gänge des neuen Hotels sind schlicht und funktional. Fichtenholz, grosse Fenster – die Momentum-Lodge ist luftig und leicht gebaut. Es ist ein Haus mit 19 Zimmern, eröffnet schon sieben Monate nach dem Bergsturz vom 28. Mai 2025. «Die Handwerker kamen um sieben und blieben bis sieben, oft sogar noch länger», erzählt Bellwald. Das «Momentum» steht oben auf der Lauchernalp und bietet 64 Betten für die Region. «Die Nachfrage ist da», sagt Lukas Kalbermatten (56). «Die Menschen wollen weiterhin ins Lötschental kommen.»

Ein Plan und neue Probleme

Nachdem die Ski- und Tourengäste ausgecheckt haben, setzen sich Kalbermatten und Bellwald an einen Tisch in der holzigen Lobby. Er stellt seine Handkanten auf den Tisch, wie um einen Weg zu spuren. Sie spielt an ihrem Ohrring. Der Entschluss, hier oben etwas Neues zu starten, kam schnell. Die Fläche auf der Lauchernalp lag brach, die Baubewilligung erhielten sie im Eiltempo. Alle wollten den Schwung des günstigen Augenblicks – das Momentum – nutzen.

Auch das Geld kam rasch zusammen: Je 1,25 Millionen Franken bezahlten Bellwald und Kalbermatten selbst. Weil sie schon einen Teil des Versicherungsgelds ihrer alten Betriebe erhalten haben, war das möglich. Dazu kamen eine Million von der Walliser Wirtschaftsförderung, 500'000 Franken von der Schweizer Berghilfe und 100'000 Franken Spenden. «Wir sind und bleiben Unternehmer», sagt sie. «Ich habe einen Plan für die Zukunft», sagt er.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Immer wieder tauchen Probleme auf, die es wohl nur gibt, wenn ein ganzes Dorf mit Schutt und Schlamm zugedeckt wird. Schon nur die Frage «Wo wohnen wir?» führt zu Verstrickungen. Esther Bellwald möchte im Lötschental bleiben. Mit ihrem Mann Laurent und ihren beiden Söhnen Luc und Noé musste sie letztes Jahr dreimal umziehen.

Derzeit ist die Familie in einem Chalet untergekommen, im Schrank stehen holländische Spiele. Wieder ist es ein Zuhause auf Zeit. Nächsten Frühling könnten sie in Wiler eine Wohnung mieten, das ist ein Nachbardorf von Blatten. Doch aus dem Chalet müssen sie bereits diesen Herbst raus. «Deshalb werden wir wohl eine andere Wohnung kaufen müssen, es gibt sonst nichts Passendes.» Dann wäre Esther Bellwald aber keine Bürgerin von Blatten mehr. Will sie das? Oder möchte sie weiter bei den Gemeindeversammlungen und Abstimmungen dabei sein? «Ich bin in einer Zwischenwelt», sagt sie selbst. «Noch nicht angedockt. Das macht mir Mühe. Daran ändert auch der neue Alltag im ‹Momentum› nichts.»

Lukas Kalbermatten kann mit seiner Frau Charlotte noch so lange wie nötig in der Wohnung in Kippel bleiben, zwei Dörfer von Blatten entfernt. «Ich hab Heimweh», sagt er. Ein Foto des alten Hotels Edelweiss ist immer noch der Bildschirmschoner seines Computers. «Bald lösche ich es, glaube ich.» Kurz kommt die Trauer hoch. Dann schaltet Kalbermatten wieder in den Planungsmodus. Ihn treibt um, wie ein neues Blatten aussehen könnte. Wie wird unser zerstörtes Hotel zurückgebaut? Wie wird der Boden verteilt? Wann ist die neue Strasse fertig? Und über all dem schwebt eine andere, noch grössere Frage. «Meine Angst ist, dass die Blattner irgendwann zurückkehren – und dann enttäuscht sind», sagt Kalbermatten. Kann man sich wirklich wieder eine neue Heimat erschaffen – oder ist das nur ein schöner Irrglaube?

<p>Esther Bellwald: «Die Vorstellung, das Lötschental zu verlassen, fühlt sich komisch an»</p>

Esther Bellwald: «Die Vorstellung, das Lötschental zu verlassen, fühlt sich komisch an»

Andrea Soltermann

«Die Vorstellung, das Lötschental zu verlassen, fühlt sich komisch an», sagt Esther Bellwald. «Und meine Söhne sind noch heimatverbundener als ich.» Ihr ältester kündigte an: «Wenn ihr wegziehen wollt, kaufe ich ein Zelt und bleibe alleine hier.»

«Wie bei einer vermissten Person»

Viele Blattnerinnen und Blattner wollen ihrer Heimat treu bleiben. Aber die Wucht der Zerstörung holt sie immer wieder ein. «Ich schaffe es nicht, die Website des ‹Nest- und Bietschhorns› zu löschen», sagt Esther Bellwald. Etwa zweimal pro Monat bekommt sie sogar noch Buchungsanfragen für ihr altes Hotel. Doch das «Nest- und Bietschhorn» ist komplett begraben. «Das macht es schwierig, Abschied zu nehmen. Wie bei einer vermissten Person», sagt Bellwald. «Ich möchte auf dem Fleck Erde stehen, auf dem mein Haus stand.»

Lukas Kalbermatten war schon mehrmals auf dem Schuttkegel. Er hat gesehen, welche Steine und Balken von seinem «Edelweiss» im Tal liegen. «Die Gemeinde möchte, dass am 28. Mai alle Blattnerinnen und Blattner ins Gebiet können, um sich selber ein Bild zu machen», sagt er. Ein Grossteil der rund 300 Einwohner konnte dies bisher aus Sicherheitsgründen noch nicht.

<p>Bekannte Gesichter: Edi Martin war früher schon Gast in Esther ­Bellwalds Hotel in Blatten.</p>

Bekannte Gesichter: Edi Martin war früher schon Gast in Esther Bellwalds Hotel in Blatten.

Andrea Soltermann

Ein Herr möchte einchecken, Esther Bellwald geht zur Réception. Er sei früher schon in ihr altes Hotel gekommen, erzählt er. «Oh, dann sind Sie ja ein Stammgast. Zufällig habe ich Ihnen eines unserer besten Zimmer gegeben», sagt sie. Seit er in Zug lebt, sei er nicht mehr so häufig im Lötschental wie früher, sagt Edi Martin. Nun hat er den Weg wieder auf sich genommen. Im Gästebuch des «Momentums» schrieb jemand: «Alles ist jetzt anders, nichts ist mehr wie vorher. Aber wir kommen doch nach Hause hier bei euch.»

«Ich gan min», sagen die Lötschentaler, wenn sie taleinwärts, also nach Hause gehen. Das «Momentum» wird fünf bis sieben Jahre lang hier oben auf der Lauchernalp stehen: Danach könnte es ab- und woanders wieder aufgebaut werden. Denn für die Parzelle, auf der es jetzt steht, gibt es eventuell einen interessierten Investor. Auch die Zukunft dieses Hotels ist in der Schwebe. Fest steht: Am 12. April ist die erste Saison vorbei, die Auslastung lag bei 78 Prozent. Am 30. Mai öffnet das «Momentum» für die Sommersaison, und die muss vorbereitet werden. «Wer dann für zwei Nächte bleibt, kann gratis mit dem ÖV anreisen», sagt Hotelier Kalbermatten. Esther Bellwald und er machen weiter. Irgendwo zwischen Berg und Tal, zwischen gestern und morgen.

Lynn Scheurer von Schweizer Illustrierte
Lynn ScheurerMehr erfahren
Von Lynn Scheurer am 13. April 2026 - 10:00 Uhr