Die Welt im Containerterminal von Genf rückt zusammen – zumindest was den Transport angeht. Frachtcontainer der Schweizer Reederei MSC stehen auf solchen von Hapag-Lloyd aus Hamburg oder Evergreen aus Taiwan. Hier parkiert auch der Schweizer Logistiker Schneider seine Container. Vom Terminal gehen die Ladungen auf die Schiene durch Europa – oder zum Hafen in Basel durch die Welt. «In Genf haben wir die stärkste Präsenz», sagt André Strebel, CEO von Schneider & Cie. Stolz erzählt der 57-jährige Schaffhauser, dass heute zwei ehemalige Lehrlinge aus Genf Mitglieder der Geschäftsleitung der Firma mit Hauptsitz in Basel sind. «Trotz Wachstum wollen wir den familiären Spirit behalten», so der gelernte Logistiker. In den letzten Jahren hat das mittelständische Unternehmen mit 1200 Mitarbeitenden in 18 Ländern seine Präsenz in Europa, den USA, aber auch in Asien und im Mittleren Osten ausgebaut. «Wir kommen nicht zur Ruhe.» Natürlich habe dies auch mit den globalen Herausforderungen und Krisen zu tun. Von Covid über die US-Zölle bis hin zum Krieg im Iran.
Herr Strebel, wegen des Iran-Kriegs sind Flughäfen und Meeresrouten in der Golfregion blockiert – sind Sie nun ständig am Rotieren?
Mit meinen Kollegen aus der Geschäftsleitung stehen wir täglich im Austausch, um die Situation zu bewerten. Dabei ist es besonders wichtig, Ruhe zu bewahren. Und natürlich bin ich im regen Kontakt mit dem Geschäftsführer unserer Tochtergesellschaft FIBS, Marco Gaeta. Er stammt aus St. Gallen und ist in Dubai stationiert.
Sie haben zwei Büros in Dubai. Wie geht es den Leuten vor Ort?
Marco Gaeta nahm vorletzte Woche an einem Netzwerkmeeting in der chinesischen Sonderverwaltungszone Macau teil. Gerade als im Flugzeug die Türen geschlossen wurden, erreichte ihn die Nachricht, dass Israel und die USA den Iran bombardieren. Das Ganze hat ihn sehr mitgenommen. Es fielen ja relativ bald auch Raketen auf Dubai – er hat zwei Kinder. Zum Glück konnten sie dann zu einer Familie ausserhalb der Stadt in Sicherheit.
Wie ist die Lage aktuell?
Als die Angriffe auf Dubai begonnen haben, schickten wir unsere 40 Mitarbeitenden sofort ins Homeoffice. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt, langsam kommen sie zurück ins Büro. Im Zentrum von Dubai hat man nicht den Eindruck, dass ein Krieg im Gange ist. Die Leute sitzen im Café, gehen einkaufen. Aber bei einem Alarm müssen sie Schutzräume aufsuchen. Das macht viel mit den Menschen, die sich Krieg nicht gewohnt sind. Bisher war Dubai ja einer der sichersten Orte der Welt.
Haben Sie Mitarbeitende, die noch irgendwo feststecken?
Zum Glück nicht.
Man konnte lesen, dass in Dubai die frischen Lebensmittel ausgehen …
Nein, die Warenströme laufen weiterhin, wenn auch etwas verhaltener. Die Supermärkte sind gut gefüllt, die Lieferketten funktionieren. Auch wir können unsere Luftfrachtsendungen aus Europa nach Dubai schicken. Sie gehen einfach über Maskat, Oman, und werden von dort mit dem LKW zugestellt. Es gibt auch zunehmend wieder Direktflüge.
Welche Geschäftsbereiche sind aktuell durch den Krieg am stärksten betroffen?
Die Seefracht. Laut der Statistik vom Montag stecken über 170 Container- und sonstige Frachtschiffe in der Golfregion fest. Die Schneider Gruppe hat rund 50 Sendungen, verteilt auf eigene Container und solche mit Sammelgut, die blockiert sind – das ist natürlich wenig im Vergleich zu den grössten Playern wie Kühne + Nagel, bei denen es Tausende sind. Die Situation ist so ruhig, dass sie fast gespenstisch wirkt. Niemand kann genau sagen, wann oder wie die Ware ankommt. Reedereien sind vorsichtig – einige schicken Container zurück, andere verschiffen sie auf eigenes Risiko zu sehr hohen Kosten.
Gibt es keine Alternativrouten?
Theoretisch gäbe es Routen über Dschidda in Saudi-Arabien oder Khorfakkan in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Doch diese stossen auf Zoll- und Sicherheitsprobleme.
Was bedeutet das für Ihre Kunden?
Jene Kunden mit Sendungen, die jetzt feststecken, werden die Ware wohl noch für den vereinbarten Preis geliefert bekommen. Erhöhungen wie Treibstoffzuschlag kommen noch dazu. Wenn sich die Lage nicht entspannt, wird es teurer. Ähnlich wie bei Covid: Dort explodierten die Preise eines Containers von Asien nach Europa von 2000 auf bis zu 15'000 Dollar. So schlimm wird es kaum werden. Für uns ist wichtig, die Kunden zu informieren. Ich sage immer: Fracht ist wie Wasser – sie findet ihren Weg.
Weicht Ihre Branche in die Luft aus?
Sollte sich die Lage im Nahen Osten nicht verbessern, wird das der Fall sein. Nur so können die Logistiker die Waren ohne grosse Verzögerungen liefern.
Auch da wird es teurer.
Schon heute sind die Preise für Flüge in den Mittleren Osten und nach Indien stark gestiegen, weil die grossen Airlines wie Qatar, Emirates oder Etihad einen Teil ihrer Flotte stillgelegt haben. Exporte nach China sind aktuell weniger betroffen. Geht der Krieg weiter, könnte dies zu einer Verdoppelung und Verdreifachung der Preise führen.

«Die Schliessung der Strasse von Hormus ist für den asiatischen Markt bedeutend», sagt Strebel. Seine Firma transportiert 20 Prozent der Ware mit dem Schiff, 25 mit dem Flugzeug, den Rest über Strasse und Schiene.
Nicolas RighettiMussten Sie bereits zusätzlich Flugzeuge chartern?
Nein, so weit sind wir nicht. Während Covid haben wir über 20 Flugzeuge gechartert – und zwar nicht nur klassische Frachtflieger, sondern auch Linienflugzeuge, wo wir die Kartons in den Passagierraum eingeladen haben. Man muss innovativ sein (schmunzelt). Ich erinnere mich etwa an den riesigen Run auf E-Bikes – doch die Kunden mussten monatelang auf diese warten. Da haben wir reagiert und Zehntausende von E-Bikes aus Taiwan eingeflogen. Natürlich zahlte man für ein E-Bike dadurch einen höheren Preis. Die Coronakrise hat uns wertvolle Lehren gebracht.
Bei Covid gehörte Ihre Branche zu den Profiteuren. Ist das nun ebenfalls der Fall?
Während der Coronakrise hatten wir tatsächlich Spitzenjahre – wegen den grossen Volumen, die wir transportiert haben. Für Prognosen, wie sich das Geschäft in der aktuellen Krise entwickeln wird, ist es jedoch noch zu früh. Mir wäre definitiv lieber, es gäbe keinen Krieg und wir könnten unserem normalen Geschäft nachgehen.
Wie reagieren Ihre Kunden in der Schweiz auf die Verspätungen?
Natürlich hat niemand Freude daran, aber momentan sind alle noch verständnisvoll. Wenn wir nach einem Jahr immer noch hier sitzen, sieht die Lage anders aus.
Merken Sie im Hafen von Basel schon Auswirkungen?
Die steigenden Benzinpreise belasten zwar die Rheinreeder und wirken sich damit ein Stück auf die Transportkosten aus, aber sonst läuft der Betrieb relativ normal.
Das Barrel Benzin kostet über 100 Dollar!
Durch die Schliessung der Strasse von Hormus wird so gut wie kein Öl mehr per Tanker transportiert. Dadurch steigen auch bei uns die Benzin- und Gaspreise.
Neben Benzin und Gas – rechnen Sie damit, dass durch den Krieg auch andere Produkte teurer werden?
Wenn der Krieg länger andauert – ja. Besonders Transportgüter mit hohem Energie- und Rohstoffanteil. Zum Beispiel Chemikalien, Kunststoffe oder Industrieprodukte. Auch Importware aus Asien oder dem Nahen Osten wie etwa Textilien oder Elektronik könnten aufgrund steigender Transportkosten und längerer Lieferzeiten teurer werden.
Und welche Branchen leiden durch die erschwerten Transportbedingungen?
Neben der globalen Schifffahrt und Luftfracht, der Energie- und Erdgasbranche und dem Import- und Exporthandel ist das die verarbeitende Industrie – etwa die Automobil- und Elektronikhersteller, die stark von globalen Lieferketten abhängig sind. Auch die Lebensmittel- und Agrarwirtschaft wäre betroffen, denn die höheren Energiepreise verteuern sowohl die landwirtschaftliche Produktion als auch den internationalen Handel mit Lebensmitteln.
Hinzu kommen die ständig ändernden Zölle von US-Präsident Donald Trump. Wie wirken sich diese aufs Geschäft aus?
Als die Zölle auf 39 Prozent waren, spürten wir vor allem bei der Uhren- und Maschinenindustrie einen Rückgang der Volumen. Die USA bestellten deutlich weniger. Mit der Senkung auf 15 Prozent hat sich die Lage etwas normalisiert. Nun schürt der Krieg im Iran neue Planungsunsicherheiten. Wir als Speditionsunternehmen sind dann diejenigen, die versuchen, diese abzufedern.

