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Erfolgreich in Serie

Regisseurin Lisa Brühlmann erobert die USA

Die «Blue My Mind»-Regisseurin dreht in den USA einen Film nach dem anderen. Jetzt ist Lisa Brühlmann sogar für den Emmy nominiert. Ihre Kinder beeindruckt das mässig.

Die Schweizer Regisseurin, Lisa Brühlmann, ist für ihre Folge der Hit-Serie Killing Eve für den Emmy nominiert. - Wir besuchen sie in ihrem Arbeitsatelier in Zürich - Dienstag, 6.8.2019 - Copyright Olivia Pulver

Powerfrau: Lisa Brühlmann arbeitet in ihrem Zürcher Atelier an neuen Projekten. An der Wand ein Storyboard für einen Film.

Olivia Pulver

Eine Agentin jagt eine Auftragskillerin quer durch Europa. Dabei wächst die gegenseitige Faszination der Frauen so sehr, dass sie regelrecht besessen voneinander sind. Klingt wie eine US-Serie?

Ist es auch. Und was für eine! Achtmal ist «Killing Eve» nun für einen Emmy nominiert, den wichtigsten Fernsehpreis der Welt. Er wird am 22. September im Microsoft Theater in Los Angeles verliehen. Mit auf der Nominationsliste – neben den beiden Hauptdarstellerinnen Sandra Oh, 48 («Grey’s Anatomy»), und Jodie Comer, 26, – völlig überraschend die Zürcherin Lisa Brühlmann, 38. Sie konnte für die BBC-Produktion zweimal Regie führen. Und darf jetzt auf einen Emmy für ihre aussergewöhnliche Leistung hoffen.

«Ach was», winkt Lisa ab und nippt an ihrem Tee. «Mir echte Hoffnungen zu machen, wäre vermessen.» Schliesslich tritt sie gegen Giganten wie «Game of Thrones» – 32-mal nominiert! – an. «Aber ich freue mich auf die Verleihung und werde einen stylischen Anzug tragen!»

Die Schweizer Regisseurin, Lisa Brühlmann, ist für ihre Folge der Hit-Serie Killing Eve für den Emmy nominiert. - Wir besuchen sie in ihrem Arbeitsatelier in Zürich - Dienstag, 6.8.2019 - Copyright Olivia Pulver

Schönheit: Eine Rückkehr vor die Kamera kann sich Lisa Brühlmann im Moment nicht vorstellen.

Olivia Pulver

Vom Hobby zum Beruf

Wenn Lisa Brühlmann heute Abend die Tür ihres Zürcher Ateliers schliesst – in dem sie gerade an neuen Serien- und Filmprojekten schreibt –, wird sie es lange nicht mehr betreten. Denn vor der Emmy-Verleihung führt sie Regie beim Staffel-Ende der amerikanischen Mystery-Serie «Castle Rock», die auf den Horrorbüchern des weltbekannten Schriftstellers Stephen King basieren.

Im Winter folgt die TV-Serie «Dickinson» über das Leben der Dichterin Emily Dickinson. Bereits in den Startlöchern steht «The Servant». Und in der Apple-TV-Serie von M. Night Shyamalan («The Sixth Sense») durfte Brühlmann unter anderem sogar Rupert Grint («Harry Potter») Regieanweisungen geben.

Nicht schlecht für ein Mädchen aus dem Zürcher Kreis 3, das als Vierjährige wegen ihrer Spreizfüsse zu mehr Bewegung und schliesslich zum Theaterspielen verknurrt wird. Aus dem Hobby ist Lisas Beruf geworden. Noch bevor sie die Schauspielschule beendet, ergattert sie eine Hauptrolle in der SRF-Arztserie «Tag und Nacht». Es folgen Rollen in deutschen Serien («Tatort», «Alarm für Cobra 11») und in Schweizer Filmen («Das Missen Massaker»). Aber Lisa Brühlmann wusste immer: Die Schauspielerei ist nicht ihre Berufung. «Schon beim Dreh von ‹Tag und Nacht› habe ich immer heimlich auf den Regiestuhl geschielt und gewünscht, mein Platz wäre dort.»

Die Schweizer Regisseurin, Lisa Brühlmann, ist für ihre Folge der Hit-Serie Killing Eve für den Emmy nominiert. - Wir besuchen sie in ihrem Arbeitsatelier in Zürich - Dienstag, 6.8.2019 - Copyright Olivia Pulver

Weitsicht: Lisas Traum: «Ich würde gern vermehrt Spielfilme machen – am liebsten meine eigenen.»

Olivia Pulver

2017: Ein ereignisreiches Jahr für die Regisseurin

Die logische Konsequenz: Planänderung. Lisa schreibt sich in Zürich für ein Regiestudium ein und drückt nochmals die Schulbank. Dort trifft sie auch Dominik Locher, 37, ihre grosse Liebe. Noch während des Studiums werden die beiden Eltern der heute sechsjährigen Louisa.

2017 folgen gleich drei «Babys»: Das Spielfilm-Debüt «Goliath» ihres Gatten Dominik, welches für verschiedene Preise nominiert wurde, Brühlmanns Erstling «Blue My Mind», der unter anderem drei Schweizer Filmpreise einheimste. Und Söhnchen Kosmo, der zwei Monate vor der Premiere von «Blue My Mind» zur Welt kommt. «Eine verrückte Zeit», erinnert sich Lisa lachend.

Die Schweizer Regisseurin, Lisa Brühlmann, ist für ihre Folge der Hit-Serie Killing Eve für den Emmy nominiert. - Wir besuchen sie in ihrem Arbeitsatelier in Zürich - Dienstag, 6.8.2019 - Copyright Olivia Pulver

Inspiration: Bücher, Fotografie, Kunst und Theater liefern der Regisseurin immer wieder Inputs für ihre Arbeit.

Olivia Pulver

Es wird noch verrückter. Nach dem Erfolg von «Blue My Mind» ist das Interesse an der jungen Regisseurin riesig. Sie entscheidet sich für eine britische Agentur – und schon bald flattert ein erstes Serien-Angebot aus den USA herein. «Ich musste mir erst überlegen, ob ich das überhaupt will», sagt Lisa. «Schliesslich habe ich in der Schweiz ein Familienleben, meine Tochter geht hier in den Kindergarten. Aber dann dachte ich: Warum eigentlich nicht?»

Zum Dreh von «Castle Rock» in Boston reist die Familie – mit Sondergenehmigung vom Kindergarten – mit. Die Betreuung von Louisa und Kosmo übernimmt hauptsächlich der Papa. «Wir kennen beide diesen Job, wissen um die teilweise fünfzehnstündigen Drehtage. Und halten uns gegenseitig den Rücken frei. Ich könnte mir nicht vorstellen, mit jemandem ausserhalb unserer Branche verheiratet zu sein.»

Dominik Locher, Director, Goliath, Concorso internazionale

Familie: An der Premiere von Dominik Lochers «Goliath» am Film Festival Locarno vor zwei Jahren.

Marin Mikelin / Locarno Filmfestival

Hoffnungsschimmer für die Schweiz

Die Frage drängt sich auf: Wie geht eigentlich Dominik Locher mit dem internationalen Erfolg seiner Frau um? «Er freut sich für mich», sagt Lisa Brühlmann Denn auch bei ihm ist sehr viel los. So arbeitet Locher derzeit an verschiedenen Filmprojekten und inszenierte vor Kurzem ein Theaterstück. «Würde eine unserer Karrieren total abgehen und die andere brachliegen, wäre es wohl schwieriger.»

Berufs- und Privatleben zu trennen, ist bei Familie Locher-Brühlmann ein Ding der Unmöglichkeit. «Natürlich bereden wir unsere jeweiligen Projekte. Ich lege sehr viel Wert auf Dominiks Meinung», sagt Lisa. Töchterchen Louisas Interesse für den Beruf ihrer Eltern hält sich jedoch in Grenzen. «Sie weiss, dass wir Filme machen, und war auch schon am Set. Besonders spannend fand sie das nicht», sagt Lisa. Lieber schaut die Kleine mal einen Trickfilm mit ihrem Mami. «Das darf sie ab und zu. Ich fände es absurd, meinen Kindern das Fernsehen zu verbieten. Schliesslich ist das mein Beruf.» 

Ob sie eine strenge Mama sei? «Mein Mann und ich setzen Grenzen. Innerhalb von diesen sollen sich Louisa und Kosmo frei bewegen können. Sie sollen selbstständig werden. Und mutig.» So wie ihre Mutter, die ihr Leben umkrempelte, um sich ihren Traum zu erfüllen. Darum hat von den vielen Gratulationen zur Emmy-Nomination diese Lisa besonders gefreut: «Du zeigst, dass auch wir Schweizer träumen dürfen.»

Von Sandra Casalini am 19. August 2019