Der Sohn ist deutlich: «Nein, Maman, den Tisch gibst du nicht weg.» Dieser Satz ihres Ältesten, Maxim (36) sei kein gut gemeinter Rat gewesen, sondern ein Befehl, sagt Corinne Desarzens (73) und es ist nicht ganz klar, wie ernst sie das meint. Dann lächelt sie und sagt: «Geht gar nicht, dass einem der Sohn Vorschriften macht. Leider haben meine Kinder immer recht. Auch wenn wir über gesellschaftliche oder philosophische Aspekte diskutieren.»

Die Westschweizer Schriftstellerin Corinne Desarzens (73) hat dieses Jahr gleich die zwei wichtigsten Literaturpreise gewonnen. Zu Besuch bei einer aussergewöhnlichen Frau.
Nicolas RighettiOb scherzhaft oder ernst, die Waadtländer Schriftstellerin wirkt nicht, als würde sie Befehle willig akzeptieren. Sie mag weder Klischees noch Routine und schon gar keine Schubladen. Passen tut sie sowieso in keine und findet das gut. Die NZZ nannte sie in einem Artikel «eigensinnig», die Schweizerische Depeschenagentur SDA titulierte sie als «Regelbrecherin». Mit beidem ist Corinne Desarzens nicht glücklich.
Unkonventionell trifft es wohl eher, mit feinem Sinn für Humor. Auch in ihren Texten, etwa wenn sie in «L’Italie, c’est toujours bien» (Italien ist immer gut) über verstörende Visionen des britischen Poeten John Keats schreibt und nahtlos zu Katzen übergeht, die sich auf einem Römer Friedhof gleichgültig den Hintern putzen.
Rumänisch. Aber Deutsch?
In der Romandie hat Desarzens eine grosse Fangemeinde. In der Deutschschweiz ist ihr Name weitgehend unbekannt trotz gut 30 Büchern, die sie in den letzten Jahren schrieb. Einige wurden in Sprachen wie Rumänisch übersetzt, aber kein einziges auf Deutsch. Mit dem Gewinn des Schweizer Grand Prix der Literatur (dotiert mit 40'000 Franken) wird das nun anders, hofft sie. Der Preis ist die höchste Auszeichnung für Literatur in der Schweiz und wird vom Bundesamt für Kultur (BAK) für ein herausragendes Gesamtwerk vergeben. Im Mai ist die Preisübergabe an den Solothurner Literaturtagen.

Für jede Reise legt Desarzens ein eigenes Tagebuch an. Diese bilden später oft die Grundlage für ihre Bücher, in denen Reisen eine zentrale Rolle spielen.
Nicolas RighettiWie die Schriftstellerin lassen sich auch ihre Bücher nicht klar einem Genre zuordnen. Was wie ein Reisebericht beginnt, mündet in eine Abhandlung über einen missverstandenen venezianischen Maler und führt zu einer Reisebekanntschaft, die sich mit rostroten Herrenhosen infolge eines verwechselten Koffers herumschlagen muss. «Je suis bavarde, ich bin schwatzhaft und abschweifend. Aber ich komme immer zum Ausgangspunkt zurück», sagt Desarzens mit süffisantem Lächeln und lehnt sich entspannt in ihrem schicken Sofa zurück.
Zwei Literaturpreise im selben Jahr
Faszinierend ist Desarzens präziser Blick für Details und das Augenzwinkern, mit dem sie die Schwächen der Mitmenschen beschreibt. Sie redet nicht nur ausschweifend, sondern auch vielsprachig. Ihre Visitenkarte ziert ein Vers auf Arabisch, sie war für eine Arbeit länger in Sankt Petersburg und jongliert im Gespräch unbekümmert zwischen Französisch, Italienisch, Deutsch, Englisch. Desarzens denkt schnell, ist ein wandelndes Lexikon und hat ein phänomenales Gedächtnis: «Weil ich weder TV noch Smartphone besitze. Das Hirn ist ein Muskel, den man trainieren muss!»
Neben dem Schweizer Grand Prix für Literatur erhält sie dieses Jahr auch den Grand Prix C.-F. Ramuz (15'000 Franken), der nur alle fünf Jahre für französischsprachige Literatur vergeben wird. Gleich beide grossen Schweizer Literaturpreise in einem Jahr? «Die Umstände stimmten wohl», meint Corinne Desarzens achselzuckend. Bei der Bekanntgabe Anfang Jahr kommentierte sie nonchalant: «Ab einem bestimmten Alter beeilen sie sich, einem noch ein paar Lorbeeren zu verleihen, bevor man das Zeitliche segnet.»

Exquisiter Geschmack: Schönes Geschirr, traditionelle Mokkakanne und die selbst gebackene Waadtländer Spezialität Tarte à la raisinée auf der Küchenablage.
Nicolas RighettiImmer unterwegs
Offiziell zwar Seniorin, ist Desarzens quirlig, charmant und unternehmungslustig. Vor dem Haus steht ein roter Kleinwagen – und ein Velo für Besuche bei Freunden in den Nachbardörfern. Sie lebt in einem kleinen Ort in der Waadtländer Ecke des Neuenburgersees, in der Nähe von Grandson VD. Ein Sohn ist Winzer im Wallis, einer Wissenschaftler und Landwirtschaftsarbeiter in Biel, und die Tochter war eine renommierte Grafikerin in London, bis sie beschloss, «als Forstwartin Bäume in Wales zu fällen», erzählt Desarzens. Der Bern-stämmige Ehemann lebe mal in Frankreich, mal im Jura.
Geboren wurde Corinne Desarzens 1952 in der südfranzösischen Mittelmeerstadt Sète. Als Achtjährige kehrte sie mit den Eltern zurück in die Romandie. Ihre Wohnung ist frisch und hell. Küche und Wohnzimmer sind getrennt von einem grössenwahnsinnigen Ficus benjamina. Von der Küchenablage her duftet eine selbst gemachte Tarte à la raisinée, eine Waadtländer Spezialität aus eingekochtem Birnen- oder Apfelsaft.
Und in jedem Zimmer sind, ordentlich in Regalen, Bücher, Bücher und noch mehr Bücher. Den Inhalt jedes einzelnen hat sie im Kopf, dort, wo auch ihre eigenen Werke entstehen, «während ich abwasche, wandere oder schwimme». Sie zu Papier zu bringen, sei dann noch das Einfachste, die Schwerarbeit im Hirn sei ja gemacht. Dass immer Reisen in irgendeiner Form vorkommen, ist kein Zufall. Es ist ihre grosse Leidenschaft. «In jungen Jahren zog es mich in den Westen, die USA, Irland. Später in die Länder der ehemaligen Sowjetunion, Armenien, Georgien. Nach Griechenland und Äthiopien.»

Der Tisch aus Sequoia-Holz ist ein Familienerbstück. Die Schriftstellerin entdeckte ihn, als sie eine Garage räumen musste.
Nicolas RighettiIhre Spezialität: leichtes Gepäck, bloss ein Rucksack mit dem Nötigsten. Der Trick sei, für jede Reise ein bisschen weniger einzupacken. «Das reicht völlig. Wozu sich mit überdimensionalen Koffern abschleppen?», fragt sie. Es erleichtere einem auch die Frage, was man anziehen soll, wenn keine Auswahl da sei. «Entscheidend ist das geistige Reisegepäck, die Vorbereitung.» Dazu gehöre, ein paar Sätze in der lokalen Sprache der Region zu lernen, die man besuche.
Analog mit Hand und Hirn
Statt ein Smartphone nimmt sie Notizbuch und Stifte mit, um ihre Erlebnisse festzuhalten und mit Zeitungsausschnitten und Zeichnungen zu illustrieren. Ihr neustes Buch heisst «Le petit cheval tatar». Doch das «kleine Tataren-Pony» handelt weder von Pferden noch von fremden Völkern. Es geht um Ophthalmologie, um Augenleiden – und was diese unerwartet und nachhaltig auszulösen vermögen.
Desarzens verflicht wahre Begebenheiten mit Fiktion, schweift ab, macht Einschübe, und am Schluss entsteht eine runde Geschichte. Nur etwas wird es nie: das, was man erwartet. Auch ihr nächstes Buch wird von einer Reise handeln, kürzlich war sie im Oman. Obwohl sie nicht mehr fliegen wollte, eigentlich. Aber dem Angebot, sich einer illustren Reisegruppe anzuschliessen und die Arabische Halbinsel zu erkunden, konnte sie dann doch nicht widerstehen.
