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SI-Stammtisch in Altdorf UR

«Wir müssen Uri Sorge tragen»

Alle haben sie ausserhalb der Kantonsgrenzen erfolgreich Karriere gemacht. Doch Bernhard Russi und die anderen Teilnehmenden am SI-Stammtisch sind sich ­einig: «Wir können stolz darauf sein, was wir in Uri haben.»

Stammtisch in Altdorf mit Armin Landerer, Dani Arnold, Franz Steinegger, Bernhard Russi und Daniela Gisler. Bild © Remo Naegeli

Gute Stimmung in der Urschweiz: Armin Landerer, Dani Arnold, Daniela Gisler, Bernhard Russi und Franz Steinegger (v. l.) auf dem Lehnplatz in Altdorf.

Remo Nägeli

Dernière des SI-Stammtisches in der Deutschschweiz – und das im historischen Zentrum des Landes und mit einer Besetzung, die den Rahmen des helvetischen Durchschnitts definitiv sprengt: Bernhard Russi, 73, Skilegende aus Andermatt, Dani Arnold, 38, aus Biel ob Bürglen, der momentan wohl beste Schweizer Extrembergsteiger, Franz Steinegger, 79, Polit-Ikone aus Flüelen, die Heimweh-Urnerin, Sportmanagerin und Kommunikationsspezialistin Daniela Gisler, 58, und last but not least Armin Landerer, 61, CEO der DEAR Foundation-Solidarité Suisse. Im Rittersäli des Restaurants Lehnhof – unweit vom Wilhelm-Tell-Denkmal – stellt sich das hochkarätige Quintett den Fragen von Moderator Werner De Schepper.

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Stammtisch in Altdorf mit Armin Landerer, Dani Arnold, Franz Steinegger, Bernhard Russi und Daniela Gisler. Bild © Remo Naegeli

Konsens im Rittersäli: Die Stammtischrunde trägt die Urner Botschaft in die Schweiz hinaus.

Remo Nägeli

Herr Steinegger, in den USA dominiert die Abtreibungsdebatte. Wird das Rad der Zeit zurückgedreht?
Franz Steinegger: Ich glaube, der Wind hat schon länger gekehrt. Ich hoffe einfach nicht, dass wir nun alle spinnen. In den USA scheint dies bereits der Fall. Aber letztlich ist es auch ein normaler Prozess. Gegenbewegungen hat es schon immer gegeben. Das merkt man auch am Stammtisch, wo die Leute frei sprechen. Aber wenn man schaut, was an den amerikanischen Hochschulen abgeht, bin ich doch besorgt. Ich hätte nicht gedacht, dass in der Abtreibungsfrage eine solche Wende stattfindet. Den Zustand, den wir in der Schweiz glücklicherweise noch haben, erachte ich als normal.

Bernhard Russi: Ich sehe es wie die Bewegung eines Pendels. Wenn wir in unserer Gesellschaft etwas verändern wollen, müssen wir das Pendel in eine Richtung bewegen. Aber irgendwann geht es ins Gegenteil – und dann pendelt es sich ein. Aber zuerst muss man mit Extremen argumentieren – quasi ans Limit gehen.

Steinegger: Dieses Bild finde ich sehr gut. Aber momentan schwingt das Pendel in einem Tempo, bei dem ich fast nicht mehr mitkomme. Und dafür sind auch die Medien verantwortlich.

Daniela Gisler: Ich war selber Journalistin. Auch wir haben dank Schlagzeilen Geschichten verkauft. Und die waren nicht immer harmlos. Während der Pandemie fand ich das aber teilweise verantwortungslos und gefährlich. Da hätte ich mir vor und hinter der Kamera mehr weise Frauen gewünscht, die kommunikativ zur Deeskalation beigetragen hätten. Aber nun jagt eine Krise die andere. Und die Medien tragen diese zum Teil alarmistisch in die Gesellschaft und stärken die Verunsicherung. Und in den USA geht es doch nur noch um zugespitzte Ideologien beider Lager.

Steinegger: Die Pandemie ist ein gutes Beispiel. An jedem Tag wurde eine andere Sau durchs Dorf getrieben.

«Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir das Pendel bewegen»

Bernhard Russi
Stammtisch in Altdorf Bernhard Russi. Bild © Remo Naegeli

Fast so berühmt wie Wilhelm Tell: Vor 50 Jahren gewann Bernhard Russi in Sapporo Olympiagold in der Abfahrt.

Remo Nägeli

Armin Landerer: Ich mochte gar nicht mehr hinschauen. Wir haben DEAR Foundation-Solidarité Suisse wegen Corona gegründet und sind sehr auf dieses Thema sensibilisiert. Man muss das Problem präsent halten, aber ohne die Menschen zu verunsichern.

Steinegger: Viele versuchen auch, von der Krise zu profitieren. Ich erhielt wohl noch nie so viele Bettelbriefe. Viele Organisationen probieren, die Menschen auszunutzen.

Landerer: Das schadet auch hochseriösen Institutionen wie DEAR Foundation-Solidarité Suisse.

Gisler: Momentan ist es in allen Bereichen schwierig, Geld reinzuholen. Ich betreue unter anderen die erfolgreichste Schweizer Schwimmerin. Sie hat russische Wurzeln, lebt seit 17 Jahren in der Schweiz, wurde 2015 eingebürgert. Als der Russland-Ukraine-Konflikt losging, erlosch das Interesse potenzieller Sponsoren. Damit habe ich grosse Mühe. Einerseits bejubeln wir ihre Medaillen, anderseits versiegen dann die Quellen aus für mich irritierenden Gründen und gefährden das Weiterführen einer sportlichen Karriere für die Schweiz.

Landerer: Vielleicht können wir da ins Gespräch kommen – und sie unterstützen. Wir sind an Leuten interessiert, die als Aushängeschilder für unsere Idee dienen.

Stammtisch in Altdorf Daniela Gisler Sport-Managerin. Bild © Remo Naegeli

«Eine Krise jagt die andere. Und die Medien stärken die Unsicherheit in der Bevölkerung»: Daniela Gisler.

Remo Nägeli

Gisler: Die Möglichkeiten sind von Sportart zu Sportart sehr unterschiedlich. Dani Arnold kann seine Leistungen sehr gut verkaufen – auch über die sozialen Medien. In den meisten Nischensportarten ist dies – selbst an der Weltspitze – viel schwieriger. Da lässt sich der Lebensunterhalt kaum verdienen, und für Vorsorge bleibt nichts.

Arnold: Auch ich hatte während der Pandemie Schwierigkeiten. Ein Teil meines Einkommens generiere ich mit Vorträgen. Mit dem Lockdown gab es einen Knall. Da fehlen dir auf einen Chlapf 30 000 bis 40 000 Franken. Dabei sind die Leute sehr motiviert, in die Natur zu gehen. Gerade für den Kanton Uri ist das eine Chance. Die Leute wollen raus – und wir können ihnen dieses Erlebnis bieten. Grundsätzlich hatte ich als Urner aber noch nie das Gefühl, dass wir unter einem schlechten Image leiden. Dazu müssen wir Sorge tragen. Es gibt auch hier gewisse Leute, die schummeln. Aber prinzipiell sind die Menschen bodenständig und ehrlich.

Steinegger: Dabei gehören wir hier – rein wirtschaftlich gesehen – zur Agglomeration Zürich (lacht).

Russi: Für unseren guten Ruf sind auch unsere Politiker verantwortlich. Sie haben sich in Bern als geerdete und bescheidene Volksvertreter positioniert.

Arnold: Wir können stolz darauf sein, was wir hier haben, und müssen unserem Kanton Sorge tragen.

Russi: Deshalb haben wir auch eine gewisse Handbremse drin. Wir müssen nicht zwei Häfen am Urnersee bauen.

«Andermatt muss dankbar sein, dass Sawiris in den ­Tourismus investierte»

Franz Steinegger
Stammtisch in Altdorf Dani Arnold Bild © Remo Naegeli

Gipfelstürmer: Franz Steinegger und Dani Arnold kennen beide den Weg nach oben.

Remo Nägeli

Mit anderen Worten: Lieber ein Andermatt als zwei Andermatts?
Russi: Aber eines hat es definitiv gebraucht.

Steinegger: Das war eine andere Konstellation. Als das Militär ging, war kein Geld mehr im Topf. Andermatt muss dankbar dafür sein, dass Sawiris in den Tourismus investierte. Hier unten ist die Stimmung wohl etwas anders.

Russi: Weil die Region nicht derart auf den Tourismus angewiesen ist.

Gisler: In Andermatt hat man Berg-welt und Komfort perfekt miteinander verwoben. Das macht die Destination attraktiv und hat den ursprünglichen Charakter bewahrt. Auch meine Athletinnen sind davon fasziniert – wie von deinem Restaurant Wachthuus beim Gütsch zum Beispiel.

Russi: Das ist kein Restaurant, das ist eine Beiz.

Herr Steinegger, zum Abschluss noch etwas Politisches. Kann man mit Wladimir Putin verhandeln?
Steinegger: Man muss die Ukrainer so fest stärken, dass eine Verhandlungsbasis entsteht. Sonst kommt Moldawien dran – dann das Baltikum. Wir müssen die Ukraine stärken, damit Friedensverhandlungen möglich werden. Putin darf nicht das Gefühl erhalten, dass er uns alle fressen kann.

Stammtisch in Altdorf Daniela Gisler Sport-Managerin. Bild © Remo Naegeli

Urner Signatur auf dem Stammtischtuch: Sportmanagerin Daniela Gisler setzt ein starkes Zeichen.

Remo Nägeli

Bernhard Russi, Sie lernten Putin im Umfeld der Winterspiele in Sotschi persönlich kennen. Wie ist er?
Russi: Richtig kennengelernt ist übertrieben. Und das war schon 2015. Ich sprach Deutsch mit ihm – und hatte einen gewissen Eindruck – aber ich kann nicht sagen, dass ich ihn zu 100 Prozent kenne. Er wollte wissen, was die Schweizer sagen, wenn er nochmals kandidiere. Ich sagte ihm, das geht gar nicht. Er aber sagte: Ihr habt Demokratie, wir haben Demokratur. Ich habe das Gefühl, dass Putin heute ein ganz anderer Mensch ist als damals. Es tut mir weh, was passiert – gerade wenn ich die aus der Ukraine Geflüchteten in Andermatt sehe – Frauen und Kinder. Das sind gut ausgebildete Menschen mit denselben Wertvorstellungen wie wir, die sich integrieren, aber am liebsten wieder nach Hause möchten. Jeder Tag dieses Krieges ist ein Tag zu viel.

Landerer: Es ist erschütternd, was sich abspielt. Wir führen mit unserer Stiftung Kinderheime in Russland. Aber je länger, je mehr fehlen uns die Ärzte. Sie werden ins Militär abberufen und müssen in den Krieg. An die humanitären Einrichtungen denkt niemand. Das macht mich tief betroffen.

Die grossen Trümpfe der Urschweiz

Katharina Hofer und Claudio Saputelli UBS
ZVG

Gezielte Investitionen für grosse Wachstumsimpulse. Im Kanton Uri fehlen zwar viele innovative Branchen. Doch die tiefen Steuern und das moderate Lohnniveau machen die Urschweiz attraktiv.

Die geografische Lage des Zentralschweizer Kantons Uri etwas abseits der grossen Metropolregionen schränkt die Erreichbarkeit der städtischen Infrastrukturen ein. Dies führt neben der ohnehin geringen Bevölkerungsdichte zu einem der landesweit kleinsten Einzugsgebiete. Wachstumsstarke Branchen und innovative Unternehmen sind in Uri tendenziell untervertreten.

Der Urkanton hat aber auch einige Trümpfe in der Hinterhand. Beim Kostenumfeld gehört er dank attraktiven Steuern sowie einem relativ tiefen Lohnniveau zu den Spitzenreitern. Auch bei den Staatsfinanzen ist er angesichts einer geringen Verschuldung überdurchschnittlich gut aufgestellt.

Dennoch sind die langfristigen wirtschaftlichen Aussichten in Uri im Vergleich zu den anderen Kantonen insgesamt moderat.

Dies sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass gezielte Investitionen selbst in abgelegenen Regionen grössere Wachstumsimpulse mit sich bringen können – so wie es das Ferienresort Andermatt beispielhaft aufzeigt.

Die Ökonomen Katharina Hofer und Claudio Saputelli sind die Autoren des UBS-Wettbewerbsindikators.

Von Thomas Renggli am 19. Juli 2022 - 15:04 Uhr
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