Erwartungsvoll steht Lara Heini (31) vor dem Caffé Quintacoira in der Churer Altstadt. «Ah, do kunt si!», sagt sie in breitem Bündner Dialekt und strahlt, als Livia Peng (23) um die Ecke biegt. Die beiden umarmen sich herzlich. «Schön, hat es geklappt – spontan wie immer», sagt Heini und lacht.
Solche Treffen sind selten. Beide stehen als Torhüterinnen auf höchstem Niveau zwischen den Pfosten, wenn auch in unterschiedlichen Sportarten. Heini ist Goalie der Schweizer Unihockey-Nationalmannschaft und spielt für Pixbo IBK in Schweden. Peng hütet das Tor der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft und steht seit Juli 2025 beim FC Chelsea in England unter Vertrag. «Wir sehen uns zwei- bis dreimal im Jahr», verrät Heini. «Aber wenn, dann harmonieren wir sofort», ergänzt Peng.
Der Anfang einer Freundschaft
Für Livia war Lara schon früh Teil ihrer Sportwelt. Als Kind sass sie auf der Tribüne bei Unihockeyspielen und bestaunte Heini im Tor. «Ich war begeistert und absoluter Fan», erinnert sich Peng. Unihockey habe sie lange fasziniert, am Ende entschied sie sich aber für den Fussball. «Zum Glück», neckt Heini, die als beste Unihockey-Torwartin der Welt gilt. «Sonst hätte ich jetzt eine brutale Konkurrentin.»

Unterstützung aus der Ferne: Amüsiert zeigt Lara Heini die vielen Nachrichten, die Livia Peng ihr während des WM-Finals geschickt hat.
Joseph KhakshouriPersönlich begegneten sich die beiden Bündnerinnen allerdings erst 2022 in Schweden. Heini, die am 4. Januar zum zweiten Mal in Folge für den «Most Valuable Player» an den Sports Awards nominiert ist, lebte damals bereits in Göteborg, Peng wechselte gerade zum FC BK Häcken. Über Umwege hörte Heini, dass Peng neu in der Stadt war und Mühe hatte, sich einzuleben. Sie beschloss, sie an die Hand zu nehmen. «Lara hat mir Göteborg gezeigt und war fast wie ein Mami», meint Peng. «Dafür bin ich ihr sehr dankbar.»
Es ist der Anfang einer engen Freundschaft. Mittlerweile hat Lara Heini die Fussballerin schon in London bei deren neuem Club besucht. «Ich war davor noch nie da und hab mir Arsenal gegen Chelsea angeschaut.» Dass sie sich nur selten sehen, empfinden die beiden keineswegs als Problem. Im Gegenteil: «Wenn wir voneinander hören, dann richtig», sagt Peng. «Lieber eine lange Sprachnachricht als jeden zweiten Tag ein oberflächliches ‹Wie gehts?›» Dieses Vertrauen trägt auch in schwierigen Phasen: Vor der Unihockey-WM im Dezember hatte Heini kein gutes Gefühl. «Im Team ist es schwierig, Zweifel anzusprechen», sagt sie. Also wandte sie sich an Peng. «Sie weiss genau, wie sich das anfühlt, im Goal zu stehen.»

Sport darf bei dem Duo nicht fehlen: Die Churerin Lara nimmt Livia Peng (r.) aus Ems GR mit auf eine Stadtrundfahrt mit dem Velo.
Joseph KhakshouriPeng kennt diese Situation in der Tat bestens. An der Heim-EM 2025 überzeugte sie mit starken Paraden. «Man zweifelt manchmal, obwohl man weiss, was man kann», sagt sie. «Ich habe Lara von meinen Erfahrungen erzählt, ihr gesagt, dass sie das super machen wird.» Mit Erfolg: Kurze Zeit später steht Heini im WM-Final im Tor. Und hält es sauber! Die Schweiz gewinnt mit 2:0 gegen Tschechien und holt nach 20 Jahren erstmals wieder Gold.
«Ich dachte stets, das bleibt ein Traum», so Heini, für die mit der Goldmedaille ein langer Silber-Fluch zu Ende geht. «Ich kann es immer noch nicht glauben.» Auch Livia ist stolz auf ihre Freundin: «Du hast das so verdient!» Sie hat den Match am TV verfolgt, «bin komplett ausgerastet, habe ihr im Minutentakt Whatsapp-Nachrichten geschickt», erzählt sie lachend. «Ich habe mich so für Lara gefreut!»
Doppelter Stress im Spitzensport
Nach dem Finale kehrt für Heini schnell wieder Alltag ein. In Göteborg warten der Club – und ihr Job. Sie arbeitet Vollzeit in einem internationalen Tech-Unternehmen und leitet im Bereich Daten und künstliche Intelligenz zwei Teams mit 22 Mitarbeitenden. Frauen-Unihockey ist noch immer kein Profisport. «Fast alle Spielerinnen arbeiten nebenbei», so die leidenschaftliche Fotografin. Diese Doppelbelastung habe ihren Preis. Ob sie noch eine weitere WM anhängt, lässt sie offen.

Rückblicke im Haus der Mutter: Lara und ihr jüngerer Bruder Nicholas schwelgen in gemeinsamen Kindheitserinnerungen.
Joseph KhakshouriAnders die finanzielle Situation bei Livia Peng. Die Emserin, die aktuell Sportmanagement studiert, kann mittlerweile komplett vom Fussball leben, trainiert unter professionellen Bedingungen, mit Experten, Infrastruktur und Zeit für Regeneration. «Ich finde es schade, dass das beim Unihockey noch nicht möglich ist. Ich hoffe, die Bedingungen ändern sich bald.»
Zwei Stunden später, nach einer Velotour durch die Churer Altstadt und ein paar Selfies, sitzen die beiden im ehemaligen Kinderzimmer von Lara Heini. Gerade ist Laras Bruder Nicholas (25) zu Besuch. Gemeinsam bestaunen die drei Laras Medaille. «Ich bin extrem stolz auf sie», sagt er. Was er am meisten geniesst, wenn seine ältere Schwester wieder in der Heimat ist? «Challenges mit ihr ausfechten», sagt der Geologie-Student, der früher einmal Eishockey spielte. «Etwa beim Pingpong.» Lara bestätigt amüsiert: «Ja, solche Duelle hatten wir früher oft – es war nicht immer leicht für ihn, weil ich viel grösser war. Aber er hat sich gut geschlagen.»
Während Lara und Nicolas durch ein Fotoalbum blättern, macht sich Livia Peng bereit für den Aufbruch. «Leute, ich muss los. Es war megaschön», sagt sie und umarmt Lara fest. Wann sich die Torhüterinnen das nächste Mal sehen, steht in den Sternen. «Vielleicht im Mai nach der Saison?», fragt Heini. Peng schmunzelt. «Let’s see. Spontan – wie immer!»
