1. Home
  2. People
  3. Swiss Stars
  4. Stephan Eicher: Der Chansonnier über seine Musik und seine Söhne

«Zu konzentrierter Cannabiskonsum»

Stephan Eicher haut bei seinen Söhnen auf den Tisch

Was für ein Jahr für Stephan Eicher: 60. Geburtstag und 40. Bühnenjubiläum. An den Swiss Music Awards wurde er für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Der Musiker erzählt, warum er ein kleines Vermögen für seine eigenen Tonbänder ausgab und was er von Cannabis im eigenen Garten hält.

Placeholder

Chansonnier Stephan Eicher feiert dieses Jahr seinen 60. Geburtstag.

Dominic Nahr / MAPS

Hier. Genau hier in den Waadtländer Alpen hätte er gern ein Chalet. Vorerst ist das ein Traum von Stephan Eicher, 59. Und ein Punkt auf der Landkarte im Zürcher Landesmuseum, wo Eicher am 3. und 4. Juni am Musikfestival Unique Moments seine einzigen Deutschschweizer Konzerte im Jubiläumsjahr spielt. Aber es gibt noch ein paar andere Orte auf der Lebenskarte des Musikers.

Stephan Eicher, machen wir ein Geografiespiel? Ich nenne einen Ort, Sie sagen, was Ihnen dazu einfällt.
Okay.

Münchenbuchsee.
Da habe ich am längsten gelebt. Es gibt Strassenecken oder Pausenplätze, an die ich mich sehr intensiv erinnere. Zum Beispiel dort, wo meine erste grosse Liebe Schluss machte oder wo ich mit dem neuen Velo bluffte.

Mehr für dich

Sind Sie noch dort anzutreffen?
Ich zeige manchmal ausländischen Freunden die Schweiz, dann stehen jeweils der «Bären Münchenbuchsee» und der Moossee auf dem Programm.

Nächster Ort: Engelberg.
Das war eine Zeit lang mein Hafen. Ich habe während den Aufnahmen zum Album «Engelberg» im Hotel Hess gelebt, für meinen älteren Sohn war es sogar so etwas wie ein Zuhause. Nachdem das Hotel abgerissen wurde, ging ich nie wieder nach Engelberg zurück.

Jenes Album von 1991 war ein Meilenstein in Ihrer Karriere: Dreifach-Platin in der Schweiz, Zweifach-Platin in Frankreich, «Déjeuner en paix» und «Hemmige» wurden an den Radios rauf und runter gespielt. Wie haben Sie diesen Hype erlebt?
Er hat mich erschreckt. Ich mache nicht der Berühmtheit wegen Musik.

Sondern?
Ich gehöre zu den Leuten, die beim Singen besser ausdrücken können, was sie bedrückt oder beflügelt, als beim Reden. Das ganze Drumherum, die Medien, das hat mich extrem nervös gemacht.

Placeholder

Stephan Eicher singt lieber über seine Gefühle, als darüber zu reden.

Dominic Nahr / MAPS

Seit zwölf Jahren leben Sie in der Camargue.
Wir sind wegen unseres Sohnes Raphaël dort sesshaft geworden. Jetzt ist er 20 und ausgezogen, so können meine Partnerin und ich weiterziehen. Im Moment würde ich am liebsten nach Mailand, weil der Kaffee dort so gut ist. Mein Traum war allerdings immer ein Chalet in Château-d’OEx. Wenn also jemand eines zu verkaufen hat …

Ihre Familie stammt von Fahrenden ab, und auch Sie machen den Eindruck eines Reisenden. Wo sind Ihre Wurzeln?
Ich glaube, ich habe keine, und vermisse sie auch nicht. Ich habe manchmal den Wunsch, «nach Hause zu gehen». Jahrelang habe ich auch diesen nicht gespürt, aber wenn man eine Familie hat, wird das für diese irgendwann schwierig.

Man sagt, Kinder brauchen Wurzeln und Flügel. Wie kann man als Vater seinen Kindern Wurzeln geben, wenn man selbst nur Flügel hat?
Ich finde, sie brauchen nicht unbedingt örtliche Wurzeln, um glücklich zu sein, auch wenn wir uns wegen Raphaël bewusst dafür entschieden haben, an einem Ort zu bleiben. Aber mein älterer Sohn Carlo ist jetzt 36 und reist durch die Welt, und es gefällt ihm. Warum brauchen wir Wurzeln? Wir sind keine Bäume. Wir haben zwei Beine und zwei Arme, mit denen können wir unsere Kinder tragen und loslaufen.

Placeholder

Stephan Eicher liebt die Schweiz, auch wenn Heimat für ihn kein bestimmter Ort sein muss.

Dominic Nahr / MAPS

«Musik ist doch kein Wettbewerb wie Skirennfahren oder Tennis»

Was gaben Sie Ihren Söhnen mit?
Ich versuchte vor allem, ihnen gewisse Werte vorzuleben. Tut niemandem etwas an, was ihr euch selbst nicht angetan haben wollt. Seid aufmerksam. Versucht, jeden Tag etwas zu tun, damit es am Abend ein bisschen weniger Bullshit auf der Welt gibt als am Morgen.

Haben Sie auch mal auf den Tisch gehauen?
(Lacht.) Ich erinnere mich an Gespräche über einen etwas zu «konzentrierten» Cannabiskonsum und dass man nicht unbedingt zum «Entrepreneur» wird, wenn man die Pflänzchen seiner Kollegen im eigenen Garten züchtet.

Möchte eines Ihrer Kinder in Ihre Fussstapfen treten?
Raphaël lebt in Paris. Er experimentiert mit Videos, Sounddesign, Fotografie. Das geht sicher in diese Richtung. Mal sehen, was daraus wird. Carlo hingegen liebt Sportarten wie Snowboarden und Surfen. Dafür brauchts ja auch ein gewisses Musikwissen.

Sie haben einen jahrelangen Rechtsstreit um Kosten und Urheberrechte mit Ihrer Plattenfirma hinter sich. Ist der Swiss Music Award für Ihr Lebenswerk eine Art Genugtuung?
Um Himmels willen, der Preis wird ja von der Plattenindustrie mitgetragen. Ich finde Preise im Musikgeschäft schwierig. Musik ist doch kein Wettbewerb wie Skirennfahren oder Tennis.

Freuen Sie sich trotzdem?
Ich freue mich über das ganze Paket. Ich durfte am Abend vor der Verleihung mit vielen Schweizer Musikerkollegen mein 40. Bühnenjubiläum feiern. 

Wenn man über Ihr Lebenswerk spricht, beginnt man bei Grauzone. Zusammen mit Ihrem Bruder Martin sorgten Sie in Deutschland aus dem Nichts heraus für Furore.
Und ich hatte eine der ersten Panikattacken meines Lebens auf einer Toilette der Plattenfirma EMI in Köln. Ich merkte, dass da etwas mit uns passierte, das wir nicht im Griff hatten. Traurigerweise wurde später vieles, von Tonbändern bis zu Fotos und Plattencovers der Band, irgendwo verscherbelt. Die wiedergefundenen Bänder haben wir restauriert. Es gibt diesen Sommer ein Re-Release auf Vinyl aller noch auffindbaren Musikstücke.

Placeholder

Mit dem Neue-Deutsche-Welle-Song «Eisbär» wurde Eichers Band Grauzone auf einen Schlag berühmt.

Dominic Nahr / MAPS

«Wir Künstler müssen uns mehr selbst um unsere Musik kümmern»

Stimmt es, dass Sie die Original-Tonbänder der ersten Grauzone-EP auf Ebay zurückersteigert haben?
Jemand anders hat sie auf Ebay ersteigert und mich gefragt, wie viel ich dafür bezahlen würde. Ich habe mal eine Zeichnung von Ferdinand Hodler gesehen, die ich irgendwann kaufen wollte. Ohne lange zu überlegen, habe ich den Preis genannt, den dieser Hodler kosten würde. Als es ganz ruhig wurde, merkte ich, dass das wohl ein ziemlich hohes Angebot war. Aber für mich hatten diese Tonbänder diesen Wert. Auch wenn sie vollkommen lädiert waren, als sie dann bei mir eintrafen. Ich habe etwas Wichtiges gelernt bei dieser Aktion.

Was denn?
Wir Künstler müssen uns mehr selbst um unsere Musik kümmern. 2008 gingen bei einem Brand in den Universal Studios in Los Angeles Tausende von Originalaufnahmen in Flammen auf, und niemand hat darüber gesprochen, auch die Medien nicht. Originale Musik ist offenbar nicht so viel wert wie zum Beispiel Bilder.

Was haben Sie für ein Verhältnis zu Ihrem Bruder Martin?
Durchzogen. Gestern Abend habe ich ihn geliebt, heute Morgen ging er mir auf den Sack (lacht). Er ist ein grossartiger Musiker. Ich hoffe immer wieder, dass ich es schaffe, ihn in ein Studio zu kriegen, um seine wunderbaren neuen Songs aufzunehmen. Manchmal sind wir nah dran. Und dann kommt wieder so ein E-Mail wie heute Morgen …

Placeholder

Stephan Eicher: «Ich mag es, wenn man sich über mich lustig macht.»

Dominic Nahr / MAPS

Nach Grauzone gingen Sie einer Frau wegen nach Paris.
Meine damalige Freundin besuchte eine Modeschule und wollte nicht allein nach Paris, also begleitete ich sie. Irgendwann stellte ich ihr meinen besten Freund vor, der an der Kunstakademie studierte. Sie fühlte sich plötzlich viel heimischer in dieser schönen Stadt, also ging ich wieder nach Hause …

Dafür entstand Ihr erstes Werk auf Französisch. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Philippe Djian?
Er durfte in einer Musiksendung am TV einen Musiker seiner Wahl einladen. Er entschied sich für Leonard Cohen. Der hatte leider keine Zeit, also sprang ich in die Bresche (lacht).

Ihre deutschen Texte schreibt Martin Suter. Warum texten Sie nicht selbst?
Sagen wir es so: Ich liebe es, Schätze auf fremden Inseln zu suchen. Die Texte geben mir den Plan in die Hand, nach dem ich versuche, einen Liedschatz zu heben. Philippe und Martin schreiben wunderbare Schatzpläne.

Sie werden im August 60. Was macht diese Zahl mit Ihnen?
Als Musiker ist es schon mal nicht schlecht, 60 zu werden. Ich habe viele Freunde, die das nicht geschafft haben. Zu viele. Das macht nachdenklich. Aber wenn ich mich nicht im Spiegel anschauen muss, fühle ich mich jünger als je zuvor (grinst).

Von Sandra Casalini am 01.03.2020
Mehr für dich