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«Die Schweiz ist mein Rückgrat»

Zu Besuch bei der Partykönigin in New York

Berühmt wurde sie als Erfinderin des legendären «Love Ball». Heute gilt Susanne Bartsch als Partykönigin von New York. Doch die Bernerin hat eine sehr bodenständige Seite. Auch wenn sie seit 40 Jahren in Manhattan im Hotel wohnt.

Susanne Bartsch at her Chelsea Hotel apartement in NYC Susanne Bartsch ©Peter Lueders

Küchenfee? «Ich koche gerne, möchte es aber nicht täglich tun müssen. Und ich backe gern Züpfe.»

Peter Lueders

«Lustig», sagt Susanne Bartsch und nippt nachdenklich an ihrem Chai-Tee. «Ich habe die Schweiz verlassen, um die Kreativität zu entdecken, von der ich glaubte, dass ich sie da nicht finde. Und heute werde ich von meiner Heimat genau dafür ausgezeichnet.»

Die Künstlerin erhielt vor Kurzem den Grand Prix Design vom Bundesamt für Kultur. Wobei «Künstlerin» wohl die falsche Bezeichnung ist. Susanne Bartsch ist, wie sie selbst sagt: Kunst. Partyveranstalterin, Designerin, Autorin, Kreatorin, Kuratorin, Showgirl. «I am art.» Ihre Muttersprache kommt der Bernerin nur noch schwer über die Lippen. Nach über 40 Jahren in New York sucht sie nach den Worten. Trotzdem: Einen US-Pass hat sie nicht. Will sie nicht. Mindestens einmal pro Jahr ist sie in der Schweiz. Auch wenn sie sich dann etwas über die starren Regeln wundert, etwa, dass man im Fitnessstudio nicht in Jeans trainieren darf. Aber: «Die Schweiz ist mein Mutterland. Mein Rückgrat. Ich freue mich immens, dass ich hier für mein Werk ausgezeichnet werde.»

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Susanne Bartsch at her Chelsea Hotel apartement in NYC Susanne Bartsch ©Peter Lueders

Süsse Träume in Rot: In ihrem Schlafzimmer erholt sich Susanne vom Job, den sie oft nachts ausübt.

Peter Lueders

Als jüngstes von drei Kindern wächst Susanne Bartsch in Bern auf, der Vater hat eine Bodenlegerfirma, ist aber ausgebildeter Schreiner. «Er hat uns ein unglaubliches Puppenhaus gebaut.» Ihre Kindheit beschreibt Susanne als harmonisch. Radio-Hörspiele, Holderkonfi, Picknicks und Badminton am Waldrand. Schon als Primarschülerin begeistert sie sich für Mode, trägt Sommerkleidchen mit groben Boots statt Sandalen, kleidet sich – zum Entsetzen der Eltern – gern im Brockenhaus ein. Ansonsten ist sie schüchtern, gut in der Schule, schlecht in Mathe und Sport. Als Teenager hat sie ein grosses Ziel: die Modemetropole London.

Mit 17 erfüllt sich der Traum; offiziell, um Englisch zu lernen. Die Schule besucht sie keinen einzigen Tag, stattdessen heuert sie beim Swiss Centre an – damals eine beliebte Attraktion, die Schweizer Spezialitäten verkauft – und schneidet Emmentaler Käse. Auf der Kensington Avenue wird sie von Linda angesprochen (bis heute eine ihrer engsten Freundinnen), weil sie so cool gekleidet sei. Linda verschafft Susanne einen Job in einer Boutique, in der die modebegeisterte Bernerin schnell zur Star-Verkäuferin wird. Sie verkauft Kleider von jungen angesagten Designern. An Kunden wie Mick Jagger oder Led- Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page. Nachts macht sie Party mit ihnen.

Susanne Bartsch at her Chelsea Hotel apartement in NYC Susanne Bartsch ©Peter Lueders

Homeoffice: Die Auswahl der Outfits und des Make-ups gehört für Susanne zur Vorbereitung auf einen Event.

Peter Lueders

Nach einigen Jahren folgt sie ihrem Freund, einem Künstler, nach New York. Der Freund ist schnell weg, sein Apartment im legendären Chelsea Hotel bleibt. Seit über 40 Jahren lebt sie nun hier, in ihrem ganz persönlichen «Bartschland». Der Name hält, was er verspricht: Susanne Bartsch auf Bildern, Kissen, Duschvorhängen. Dabei zelebriert sie hier nicht sich selbst als Person, sondern als Kunstfigur. Von Narzissmus ist Susanne Bartsch so weit entfernt wie Donald Trump von einer Regenbogenflagge für LGBTQ-Rechte.

Susanne Bartsch apartement detail Chelsea hotel Susanne Bartsch ©Peter Lueders

Welcome to Bartschland! Unter diesem Namen fasst Susanne Bartsch ihre künstlerische Tätigkeit zusammen.

Peter Lueders

Zu Beginn importiert Bartsch Mode aus London nach New York. Eine ihrer ersten Kundinnen: die Boutique der späteren «Sex and the City»-Stylistin Patricia Field. Anfang der 80er-Jahre organisiert Susanne ihre ersten eigenen Partys. Diese sind gelebte Inklusion zu Zeiten, in denen Homo- oder Transsexualität als anrüchig gelten, und zwar nicht mal bewusst: «Für mich spielte die sexuelle Orientierung einfach nie eine Rolle. Menschen sind Menschen.» Dragqueens feiern neben Stars wie Madonna neben dem Hausmeister, der um die Ecke wohnt. VIP-Bereiche gibts bis heute nicht an ihren Events. Und als Aids auf der Bildfläche erscheint, sie viele Freunde an die Krankheit verliert, ruft Susanne Bartsch den «Love Ball» ins Leben, dessen Erlös vollumfänglich der Aidshilfe und -forschung zukommt. Bis heute veranstaltet sie immer wieder Charity-Anlässe und spendet die Einnahmen für wohltätige Zwecke.

Susanne Bartsch at the night Club 'Le Bain' at the Standard Hotel/ NYC Susanne Bartsch ©Peter Lueders

Das Merkmal von Bartschs Events, wie hier im Klub Le Bain im Standard Hotel: Alle sind willkommen, es gibt keine VIP-Bereiche.

Peter Lueders

Abseits ihres bunten Jobs als Eventkönigin lebt Susanne Bartsch «ein recht traditionelles Leben» mit ihrem Mann, Fitnessunternehmer David Barton, und Sohn Bailey, heute 26. Auch wenn der Bub eine Dragqueen zum Gotti hat und seine Mutter ihn nicht selten direkt zur Schule fuhr, nachdem sie frühmorgens von einer Party heimgekommen war.

Bailey ist übrigens vor Kurzem wieder im «Hotel Mama» eingezogen – was man durchaus wörtlich nehmen kann: Der Musiker bewohnt ein eigenes Apartment im «Chelsea». Ihren Mann David Barton nennt Susanne «meinen Seelenverwandten», auch wenn sie seit über zehn Jahren getrennt sind. Scheiden lassen wollen sie sich nicht. «Wir können wohl nicht richtig mit-, aber auch nicht ohne einander.»

Susanne Bartsch apartement detail Chelsea hotel Susanne Bartsch ©Peter Lueders

Schweizerkreuz und Mini-Geweihe erinnern im «Chelsea» an die Heimat. «Meine Zielstrebigkeit verdanke ich meiner Herkunft.»

Peter Lueders

Während die «Mutter aller Influencer», wie sie gern genannt wird («Ich mag den Begriff!»), zu fast jedem Thema ein offenes Buch ist, schweigt sie hartnäckig, wenns um ihr Alter geht. «In meinem Business ist es ein Todesstoss, darüber zu sprechen.» Und was sind schon Zahlen, wenn man so viel Energie hat? Zu den Events kommen TV-Auftritte, eine eigene Modelinie, Beauty-Kollaborationen, Ausstellungen und der erste Teil einer Bücherserie, der im Herbst erscheint. «Ich würde gern bald etwas in der Schweiz realisieren, zum Beispiel eine Ausstellung», sagt Susanne Bartsch. Denn auch wenn ihr Leben sich zum grössten Teil im Big Apple abgespielt hat: «Meine Heimat bleibt ein Teil von mir.»

Susanne Bartsch at the gay pride parade in NYC in front of her parade bus Susanne Bartsch ©Peter Lueders

Bunt, bunter, Bartsch: Am NYC Pride March 2022 hatte Susanne Bartsch natürlich ihren eigenen Doppelstöcker-Bus.

Peter Lueders
Von Sandra Casalini am 2. Juli 2022 - 18:09 Uhr
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