1. Home
  2. People
  3. Swiss Stars
  4. Laura Fernandez-Gromova: Zürcher Star im Wiener Ballett
Die Zürcher Primaballerina Laura Fernandez-Gromova erobert Wien

«Talent allein genügt nicht für eine erfolgreiche Karriere»

Kämpferin der spielerischen Leichtigkeit und Eleganz. Die Zürcher Balletttänzerin Laura Fernandez-Gromova lebt am Wiener Staatsballett ihren grossen Traum.

Artikel teilen

<p>«Hier oben war ich noch nie». Laura Fernandez-Gromova blickt aus der Ehrenloge der Staatsoper auf die Bretter, die die Welt bedeuten.</p>

«Hier oben war ich noch nie». Laura Fernandez-Gromova blickt aus der Ehrenloge der Staatsoper auf die Bretter, die die Welt bedeuten.

Fabienne Bühler

Die Plätze in der Mittelloge der Wiener Staatsoper sind normalerweise für die Ehrengäste reserviert. An diesem Morgen lässt sich Laura Fernandez-Gromova (28) in einen der Samtsitze fallen. Sie schaut nach unten, wo Arbeiter die Bühnenkulissen verschieben. Über ihr Gesicht huscht ein Lächeln: «Hier oben war ich noch nie.» Für die Schweizerin, seit vergangenem Herbst als erste Solistin des Staatsballetts einer der Stars im Ensemble, ist das ein ungewohnter Perspektivenwechsel, der die Perfektionistin zur Zuschauerin werden lässt.

<p>Verliebt ins Ballett, hingerissen von Wien: «Diese Stadt hat unglaublich viel Charme – und Kunst und Kultur sind förmlich greifbar.»</p>

Verliebt ins Ballett, hingerissen von Wien: «Diese Stadt hat unglaublich viel Charme – und Kunst und Kultur sind förmlich greifbar.»

Fabienne Bühler

Lauras Weg hierher begann in Zürich. Dort lernte sie das Abc des Balletts – die ersten Pliés, Sprünge und Pirouetten, jene Lektionen, die sie auf eine grosse Karriere vorbereiteten. Als sie im Alter von zehn Jahren vor der Entscheidung stand, ihre schulische Ausbildung an ein privates Institut zu verlegen, wollte ihr Vater, ein erfolgreicher Softwareunternehmer, sein Veto einlegen. Zu unsicher schien ihm die Aussicht seiner Tochter in diesem harten Geschäft. Die Mutter, durch ihre ukrainischen Wurzeln mit dem Ballett emotional tief verbunden, liess indes nicht locker und nahm Kontakt mit der Direktorin der Schule des legendären Bolschoi-Theaters in Moskau auf. Laura sollte dort vortanzen und eine Einschätzung ihres Potenzials erhalten.

Moskau und der Prix de Lausanne

Laura nutzte die Chance. Ihre Grazie und Eleganz, aber auch ihre Zielstrebigkeit überzeugten die gestrenge Direktorin. Zum Schlüsselereignis sollte der Prix de Lausanne 2016 werden. Laura verzückte die Jury und holte vier Auszeichnungen.

<p>Rückzugsort. Die «Damenballett Garderobe 4» in der Wiener Staatsoper teilt sich Laura Fernandez-Gromova mit vier anderen Tänzerinnen.</p>

Rückzugsort. Die «Damenballett Garderobe 4» in der Wiener Staatsoper teilt sich Laura Fernandez-Gromova mit vier anderen Tänzerinnen.

Fabienne Bühler

Dann folgte die harte Schule der Waganowa-Akademie in Sankt Petersburg – mit dem Engagement im Mariinski-Theater, weiter ans Stanislawski- Theater in Moskau, schliesslich nach Tiflis. «Jede Station hat mich geprägt – technisch, künstlerisch und menschlich. Jede Stadt, jedes Theater, jede Bühne hat ihre eigene Sprache des Tanzes. Ohne diese Erfahrungen wäre ich heute nicht hier», sagt Laura, während ihr Blick über die historischen Ränge der Staatsoper schweift. Seit sie in Wien angekommen ist, hat sie einen neuen Status erreicht: «Als Solistin geniesst man Privilegien, die das Leben einfacher machen – individuell abgestimmte Proben, attraktivere Trainingszeiten.»

Das Leben einer Spitzensportlerin

Dafür führt sie das Leben einer Spitzensportlerin: Training, Regeneration und ein strenger Diätplan sind zentrale Elemente ihres Alltags. Neben den Proben mit dem Ensemble übt sie täglich im Trainingssaal. Dazu kommen Kraft- und Pilates-Einheiten im Fitnessstudio: «Talent allein genügt nicht für eine erfolgreiche Karriere.» Es öffne Türen, aber «erst Disziplin und harte Arbeit machen es möglich, etwas zu erreichen».

<p>Der Preis des Scheinwerferlichts. Lauras Füsse spiegeln den Schmerz, der hinter der Eleganz auf der Bühne steckt. Die Ballettschuhe halten bei ihr einen Monat.</p>

Der Preis des Scheinwerferlichts. Lauras Füsse spiegeln den Schmerz, der hinter der Eleganz auf der Bühne steckt. Die Ballettschuhe halten bei ihr einen Monat.

Fabienne Bühler

Die Staatsoper ist wie ein Mikrokosmos der Hochkultur und Inspiration, wo die Besten der Besten zusammenarbeiten. Laura sagt: «Es ist aufregend, aber auch intensiv. Routine hilft mir, den Kopf freizuhalten. Jeder Auftritt ist das Ergebnis unzähliger Stunden harter Arbeit. Was auf der Bühne leicht aussieht, ist das Resultat jahrelangen Übens. Müdigkeit, Schmerz, Disziplin – alles gehört dazu. Ohne Leidenschaft geht es nicht.» Diese Mischung aus Perfektion und Hingabe ist es, die das Publikum spürt, aber selten sieht.

Rollen, die bewegen

Laura spricht über Rollen, die sie gern einmal spielen würde. Tatjana aus «Eugen Onegin» oder Raymonda – Figuren, die Tiefe verlangen, die emotional, technisch und künstlerisch alles abverlangen. «Tatjana ist unglaublich vielschichtig. Raymonda verbindet klassische Eleganz mit technischer Präzision. Diese Rollen reizen mich besonders.» Generell bewege sie aber jedes Ballett auf seine Weise: «Jedes Werk gibt einem etwas anderes und ist auf seine Art erfüllend.»

Das Wiener Staatsballett selbst ist für sie ein inspirierendes Umfeld. Internationale Tänzerinnen und Tänzer, unterschiedliche Hintergründe und Stile – eine tägliche Schule des Lebens. «Man lernt ständig voneinander. Gleichzeitig spürt man die Geschichte des Hauses, die Verantwortung, Teil dieser Tradition zu sein.» Ein Ort voller Glanz, aber auch voller Arbeit, Disziplin und Respekt.

<p>Abschalten mit Zwergpudeldame Katy: «Sie ist meine treue Begleiterin und kommt überallhin mit – manchmal sogar ins Theater.»</p>

Abschalten mit Zwergpudeldame Katy: «Sie ist meine treue Begleiterin und kommt überallhin mit – manchmal sogar ins Theater.»

Fabienne Bühler

Zwergpudel Katy immer dabei

Trotz allem bleibt Laura bodenständig. Ihr Zwergpudel Katy begleitet sie auf Schritt und Tritt, Spaziergänge in Wien bringen kleine Fluchten aus dem Theateralltag. «Wien hat eine wunderbare Ausstrahlung. Die Menschen hier sind höchst amüsant – ihr Schmäh ist einzigartig.»

Sie spricht über die harten Seiten ihres Berufs: den Umgang mit dem eigenen Körper, das Abwägen von Belastung und Ruhe, die Balance zwischen Ehrgeiz und Selbstschutz. «Als Balletttänzerin muss man auf seinen Körper hören. Ich will nicht zu spät aufhören. Unter Alessandra Ferri, der Direktorin, fühle ich mich sehr wohl. Es wäre schön, hier weiter zu tanzen.» Doch eine Garantie gibt es nicht. Selbst die Stars haben in Wien normale Arbeitsverträge mit einer üblichen Kündigungsfrist.

<p>Süsse Verlockungen, die warten müssen. Laura im Kaffeesalon des Hotels Sacher, in dem die legendären Torten jede Diät durchkreuzen.</p>

Süsse Verlockungen, die warten müssen. Laura im Kaffeesalon des Hotels Sacher, in dem die legendären Torten jede Diät durchkreuzen.

Fabienne Bühler

Auch Lauras Perspektive auf die Karriere ist klar: «Jede Herausforderung, jeder neue Schritt öffnet Türen. In diesem Beruf kommt man nie wirklich an. Man lernt immer weiter, entdeckt neue Rollen, neue Seiten an sich selbst.»

Wir verlassen die Mittelloge. Laura bewegt sich mit der Souplesse der Ästhetin durch die Gänge, in denen sich normalerweise die Zuschauer aufhalten. Bald wird sie jene Bühne betreten, auf der sie Emotionen, Technik und Leidenschaft miteinander verschmelzen lässt: «Dann bin ich wie in Trance – und vergesse alles um mich.»

Von Zürich über Sankt Petersburg, Moskau und Tiflis bis nach Wien: Laura Fernandez-Gromova ist überall zu Hause – auf dem schmalen Grat der künstlerischen Vollkommenheit. Und das Publikum darf zusehen, wie sie ihre Geschichte weiterschreibt.

Von Thomas Renggli vor 1 Stunde