Eine geschwungene Treppe mit verschnörkeltem Geländer führt in das grosszügige Wohnzimmer im Haus von Claudia Franziska Brühwiler (43) in Winterthur. Seit März wohnt sie hier mit ihrem Mann und den zwei Söhnen. «Wir hatten uns anfangs überlegt, die Treppe neu zu machen. Eine solche Opulenz passt nicht zu uns – Trump würde sie vielleicht gefallen», sagt die Professorin für amerikanische Kultur und Politik augenzwinkernd.
Frau Brühwiler, trotz des Angriffs auf Venezuela reist US-Präsident Donald Trump ans WEF nach Davos. Müssen wir jemandem den roten Teppich ausrollen, der die internationale Ordnung mit Füssen tritt?
Am Ende des Tages ist Donald Trump eingeladen. Dementsprechend schuldet man dem US-Präsidenten einen Empfang wie jedem Staatschef. Man muss ihm als Gastgeberland nicht Applaus spenden, aber den üblichen Anstand wahren. Und wir können uns fragen, ob wir das Einschreiten in Venezuela bei einem anderen Präsidenten gleich bewertet hätten.
Selbst einige Republikaner haben Trumps Einmarschieren in Venezuela als Bruch mit dem Völkerrecht beurteilt.
Das stimmt und wir dürfen das auch aussprechen. Allerdings ist es nicht das erste Mal, dass sich ein US-Präsident nicht um das Völkerrecht kümmert. Ich erinnere an die Tötung von Al-Qaida-Anführer Osama bin Laden 2011. Dort haben wir alle den Zweck verstanden und den damaligen Präsidenten Barack Obama geschätzt. Selbst Europa hat manchmal ein entspannteres Verhältnis zum Völkerrecht; etwa bei der Bombardierung Jugoslawiens 1999 durch die Nato, um den serbischen Präsidenten Slobodan Milošević aufzuhalten.
Was will Trump in Davos erreichen?
Es ist ja bereits das dritte Mal, dass er nach Davos kommt. Schon seine letzten Besuche hat Trump sichtlich genossen. Er liebt die grosse Bühne. Aus seiner Sicht betritt er dieses Jahr das internationale Parkett aus einer Position der Stärke.
Wieso Stärke?
Mit der Festnahme von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro hat er etwas geschafft, was hochriskant war. Dieses Momentum will er nutzen, um sich zu inszenieren. Er erwartet in Davos Anerkennung. Nach dieser strebt er grundsätzlich, sein Wunsch nach einem Nobelpreis ist Ausdruck davon. Ein grosser Teil der Weltöffentlichkeit allerdings verwehrt ihm diese Anerkennung, selbst wenn ihm Dinge gelingen wie etwa der Waffenstillstand in Gaza. Da wurde er ab Sekunde eins kritisiert – obwohl der Frieden bislang hält.
Trumps Entourage am WEF mit Aussenminister Marco Rubio, Ukraine-Verhandler Steve Witkoff und Nahostberater Jared Kushner weist darauf hin, dass er in der Ukraine-Frage weiterkommen will.
Wir haben keinen Einblick in seine Agenda. Was man sagen kann – und das ist für die Schweiz durchaus positiv: Davos kann allen Unkenrufen zum Trotz in Sachen Weltpolitik eine grosse Bedeutung haben. Vor allem, wenn jemand wie Trump die Bühne sucht und auch will, dass seine Leute auf die Bühne gehen.
Bei einem möglichen Treffen zwischen Trump und Bundespräsident Guy Parmelin werden wohl weniger die Völkerrechte, sondern vielmehr die Zölle im Zentrum stehen. Wie bewerten Sie die Chancen, dass man da weiterkommt?
In Davos geht es vor allem um die Beziehungspflege, weniger um Deals. Das mag für Aussenstehende nicht so spannend sein, ist aber umso wichtiger für zwei Länder, die eine angespannte Phase durchlaufen haben. Was Trump angeht, dürfen wir uns auf markige Statements einstellen (schmunzelt). Ich glaube aber nicht, dass diese einen riesigen medialen Wirbel auslösen.
Hat sich da etwas verändert in der Berichterstattung?
Ja, sie ist nüchterner geworden. Etwas weniger hyperventilieren tut allen gut. Trotzdem darf man über seine Aussagen immer wieder den Kopf schütteln.
Tun Sie das als USA-Expertin ebenfalls?
Absolut. Donald Trump legt kein präsidiales Verhalten an den Tag. Er ist kein Präsident, der für alle Amerikanerinnen und Amerikaner einsteht – obwohl das die Grundidee einer Präsidentschaft ist. Und seine Tonalität gegenüber Bündnispartnern wie etwa Dänemark ist für den Chefdiplomaten eines Landes völlig daneben.

US-Präsident Trump bei seinem letzten Besuch in Davos im Jahr 2020. Dieses Jahr reist er voraussichtlich am 21. Januar an und bleibt zwei Tage in der Alpenstadt.
Bloomberg via Getty ImagesZurück zur Aussenpolitik: Nach seinem Coup in Venezuela will Trump sich Grönland schnappen. Welche Strategie steckt dahinter?
Die markigen Sprüche sind Taktik. Die Strategie ist, in der eigenen Hemisphäre Ruhe zu haben und die Russen und Chinesen loszuwerden – respektive rauszuhalten. Die Amerikaner sind relativ spät zur Erkenntnis gekommen, wie wichtig das Polargebiet sicherheitspolitisch ist. Grönland wäre ein Schlüssel zur Kontrolle von Knotenpunkten – etwa von Unterseebooten. Natürlich geht es auch um die Ausbeutung von Bodenschätzen.
Zur Annektierung von Grönland hat Trump militärische Gewalt nicht ausgeschlossen, dabei ist Grönland Teil der Nato!
Ich bin vielleicht eine ewige Optimistin: Ich glaube nicht, dass die USA so weit gehen – weil sie sich damit zu sehr schaden würden. Trump will eine Hinterlassenschaft. Grönland anzugreifen, würde einen völligen Bruch aller Allianzen bedeuten und ihn definitiv als Tyrannen auf dem weltpolitischen Parkett etablieren. Dass er mit dem Maximum droht, ist ein typisches Verhalten, welches wir schon seit der ersten Amtszeit beobachten. Dass sich diese Drohungen gegen ein europäisches Land richten, welches die USA oft unterstützt hat und immer gesprächsbereit war, darf einen schon schockieren.
Trump ist laut eigenen Aussagen angetreten, um Amerikas «endlose Kriege» zu beenden. Nun spricht er davon, auch Mexiko, Kolumbien oder Kuba in die Knie zu zwingen.
Er will vor allem keine Kriege, bei denen er keine amerikanischen Interessen sieht. Im Falle von Venezuela wurde zwar ein schrecklicher Diktator beseitigt – es ist aber aus seiner Sicht vor allem ein Alliierter von Iran, China und Russland geschwächt worden.
Der US-Präsident sagte letzte Woche der «New York Times», nur seine Moral und sein eigener Verstand könnten ihn weltpolitisch einschränken. Wie steht es denn um seinen Verstand? Fachleute sehen bei ihm Anzeichen von Demenz.
Das erinnert uns an einen anderen Präsidenten (schmunzelt). Nun muss sich auch jener Präsident, der am meisten auf «Sleepy Joe», also dem schläfrigen Joe Biden, herumgehackt hat, diesem Verdacht stellen. Immerhin wurde Trump auch schon bei Kabinettssitzungen beim Einschlafen beobachtet.
Ist da wirklich was dran?
Ich bin keine Medizinerin. Die Frage zu stellen, ist berechtigt. Es ändert aber nichts daran, dass Donald Trump im Amt ist. Darum ist es müssig, über seine Fitness zu philosophieren. Was sicher ist: Er weiss um die Endlichkeit seiner Amtszeit. Darum hat er im ersten Amtsjahr einen solchen Aktivismus gezeigt. Vor Weihnachten haben nicht nur US-Medien bereits vom Ende von Trumps Macht gesprochen – im Licht von Venezuela ist das aber schon wieder vergessen.

Die gebürtige Thurgauerin Claudia Franziska Brühwiler ist promovierte Staatswissenschaftlerin und Privatdozentin für Amerika-Studien an der Universität St. Gallen. Die 43-Jährige lebt in Winterthur und hat zwei Söhne im Alter von zehn und sechs Jahren.
Joseph KhakshouriLaut «Economist» missbilligen 56 Prozent der Amerikaner und Amerikanerinnen seine Politik. Wie empfinden Sie die Stimmung im Land?
Die demokratischen Wählerinnen und Wähler sind sicher nicht warm geworden mit Trump – im Gegenteil. Das erklärt auch die Begeisterung für den Wahlkampf des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani. Bei den Republikanern ist es ein Gemisch. Viele der Versprechungen von Trump wurden sehr schnell erfüllt.
Welche?
Die Zahl der illegalen Grenzübertritte ist stark zurückgegangen. Das war ein grosses Versprechen und hat auch einen grossen Teil unabhängiger Wähler zu Trump gezogen. Oder Kulturkampfthemen wie etwa nicht-biologische Mädchen im Frauensport. Bei der Wirtschaftsfrage spielt er auf Geduld. Dass er nun Notenbank-Chef Jerome Powell mit einer Klagedrohung unter Druck setzt, erklärt sich wohl auch dadurch, dass Trump in dieser wichtigsten Frage nicht geliefert hat.
Die Lebenskosten sind noch gleich hoch oder gar gestiegen.
Ökonomen deuten zwar darauf hin, dass sich die Löhne durchaus mit den Kosten mitentwickelt haben. Aber die Menschen empfinden das nicht so. Das ist sicher sein grösster Risikoposten.
Eine landesweite Debatte löste die Tötung der 37-jährigen Renée Good in Minneapolis aus. Ein Mitglied der Einwanderungsbehörde erschoss die Amerikanerin bei einer Razzia, während sie in ihrem Auto sass.
Es ist ein schrecklicher Fall, bei dem die Stimmung auf beiden Seiten sehr aufgeheizt ist. Niemand nimmt Distanz und man hat sofort mit der politischen Instrumentalisierung angefangen. Das zeigt, wie schlecht es um die politische Kultur steht. Die Art und Weise, wie die Deportationspolitik durchgesetzt wird, ist typisch für die jetzige Administration: Trump identifiziert Probleme, welche durchaus vorhanden sind, aber die Umsetzung seiner Politik stösst auf grosse Ablehnung.
Kann der Fall Good für Trump zum Problem werden?
Tragischerweise sind sich die Amerikanerinnen und Amerikaner gewohnt, dass Einsätze der Behörden mehr Todesfälle verursachen, als sie müssten. Und man muss sagen, dass der Fall noch nicht aufgeklärt ist.
Im November sind die Midterms. Sind die Demokraten, die bei den Zwischenwahlen – wie etwa in New York – gewonnen haben, im Vorteil?
Bei den Demokraten geht es vor allem darum, welches Lager triumphieren wird: das progressive linke wie in New York oder das pragmatische zentristische Lager wie etwa bei den Gouverneurswahlen in Virginia. Die Zwischenwahlen sind ein Gradmesser der Präsidentschaft und können ein gewisses Momentum für die Wahlen zwei Jahre später erzeugen.
Haben Sie schon eine Prognose, welches Lager ein Präsidentschaftskandidat oder eine Kandidatin stellen wird?
Ich habe eher einen Wunsch (lacht).
Der wäre?
Jemand aus dem zentristischen Lager wie Gretchen Whitmer, Gouverneurin von Michigan. Das politische System von Amerika ist abhängig davon, dass beide Parteien in einer guten Verfassung sind. Auch um Mehrheitskoalitionen zu bilden. Wenn die Demokraten den Wählerinnen und Wählern ein gutes Angebot machen können, hilft das auch den Republikanern.
Was ist für Präsident Trump in diesem Jahr entscheidend?
Für den politischen Erfolg im Land ist es die Wirtschaft. Und eine Beruhigung der gesellschaftlichen Stimmung. Amerika ist schon länger in einer Daueraufregung. Das erschöpft die Menschen. Wie das «Wall Street Journal» allerdings schön sagte: «Trump thrives in Chaos – Trump blüht im Chaos auf». International, aber auch national. Das kann seiner Partei zum Verhängnis werden.

