Professor Wurz, welcher Moment der Artemis-II-Mission hat Sie besonders berührt?
Ich bin ja schon etwas länger dabei, deshalb bin ich nicht so schnell beeindruckt. Und vom Mond existieren dank früherer Missionen sehr detaillierte Karten – wissenschaftlich ist das nicht neu. Besonders beeindruckt hat mich aber, dass wieder Menschen dorthin fliegen. Die Vorstellung, dass drei Astronauten und eine Astronautin bis zur erdabgewandten Seite des Mondes reisen, ist natürlich sehr aufregend, weil es eine sehr kühne und technologisch aufwendige Mission ist.
Die Uni Bern ist unter Ihrer Leitung mit einem Messgerät beteiligt. Was kann dieses Instrument?
Astronautinnen und Astronauten können mit unserem Massenspektrometer vor Ort die chemische Zusammensetzung von Gestein, Staub und Boden analysieren. Das Messgerät ist etwas grösser als eine Getränkedose und deshalb sehr handlich und praktisch.
Und wofür ist es nützlich?
Man kann damit verschiedene Materialien finden – etwa Metalle oder Mineralien für den Bau von Infrastruktur auf dem Mond. Das Gerät weist auch Wasser nach, vor allem in Form von Eis. Das ist entscheidend für künftige Missionen und das Überleben von Menschen auf dem Trabanten der Erde, weil sich Wasser vor Ort nutzen lässt, anstatt es von der Erde mitzunehmen.
Auf der Artemis II ist Ihr Gerät aber noch nicht dabei?
Genau. Neben den bemannten Artemis-Missionen laufen parallel unbemannte, robotische Missionen. Dort setzen wir unsere Instrumente zuerst ein. In den nächsten Jahren landen zwei Sonden mit unseren Geräten auf dem Mond und führen Messungen an verschiedenen Orten durch. Bewähren sich die Systeme, können die Astronauten der Artemis V Ende 2028 das Gerät auf dem Mond einsetzen.
Sie arbeiten seit über 20 Jahren an diesem Messgerät. Anfangs wussten Sie nicht, ob es je auf dem Mond eingesetzt wird.
Nein, es war nur unsere Hoffnung. Wir wollten ein Instrument entwickeln, das auf verschiedenen Himmelskörpern eingesetzt werden kann. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis es klein, leistungsfähig und robust genug für das All war.
Die Uni Bern war schon an den Apollo-Missionen beteiligt. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Nasa?
Wir arbeiten seit Jahrzehnten immer wieder mit der Nasa. Für Artemis mussten wir uns neu bewerben. Wir mussten uns gegen viele Konkurrenten durchsetzen, weil die Nasa für solche Missionen natürlich nur die beste Technologie will.
Wie sieht die Zusammenarbeit mit der Nasa aus?
Wir führen mindestens einmal in der Woche Telefongespräche. Mehrmals im Jahr treffen wir uns persönlich in den USA – etwa am Goddard Space Flight Center in Maryland, in Houston oder bei Herstellern der Raumsonden. Umgekehrt kommen etwa einmal im Jahr auch Nasa-Teams von fünf bis acht Personen zu uns nach Bern, das ist auch schön. Dann zeigen wir den Fortschritt unserer Forschung. Am Anfang war Thomas Zurbuchen ein paarmal dabei, der damalige Nasa-Wissenschaftsdirektor, der kam natürlich gern in seine Heimat (lacht).

Das von der Universität Bern entwickelte Laser-Massenspektrometer, das für das Artemis-Programm ab 2027 Mondgestein und Staub untersuchen soll.
Kurt ReichenbachWas unterscheidet die Missionen von Artemis von denen von Apollo?
Apollo war ein kurzer Besuch auf dem Mond – zwei bis drei Tage, vergleichbar mit einem Ausflug. Artemis verfolgt ein anderes Ziel: Astronautinnen und Astronauten nur auf den Mond zu bringen, ist nicht genug. Sie sollen deut-lich länger bleiben, möglicherweise Monate. Dafür braucht es völlig andere Technologien und Versorgung.
Warum war jetzt so lange niemand mehr auf dem Mond?
Nach Apollo war das ursprüngliche Ziel erreicht. Danach konzentrierte sich die Raumfahrt auf unbemannte Missionen und Fernerkundung. Jetzt folgt der nächste Schritt: eine langfristige Station auf dem Mond – auch als Vorbereitung für den Mars. Der Mond liegt nahe genug, um bei Problemen schnell reagieren zu können. Beim Mars ist das nicht möglich, deshalb muss dort alles klappen.
Wann wird der erste Mensch einen Fuss auf den Mars setzen?
Prognosen gibt es seit Jahrzehnten. Heute gilt zwischen 2035 und 2040 als realistisch. Wahrscheinlich aber vom Mond und nicht von der Erde aus. Dass die Astronauten das aber gut überleben, daran muss man jetzt arbeiten. Dank Artemis ist es viel realistischer, als es vor ein paar Jahren noch war.
Geht es auch um wirtschaftliche Ziele? Auf dem Mond gibt es ein Spektrum an Materialien wie Eisen, Titan, Aluminium, Helium …
Ja klar, aber ob sich der Abbau lohnt oder sogar mehr rentiert als hier auf der Erde, ist noch offen. Der Transport zur Erde ist aufwendig. Aber vielleicht ist die Gewinnung dort oben einfacher, oder die Mengen sind grösser. Genau solche Fragen wollen wir mit unseren Messungen klären. Die Chinesen reden momentan viel davon, Helium-3 auf dem Mond zu gewinnen, welches ein guter Treibstoff für Fusionsreaktoren und die Stromgewinnung sein kann. Wie realistisch das ist, bleibt offen.
Wenn es jetzt einen Wettkampf um den Mond gibt und alle dort landen, wem gehört das Land eigentlich?
Der Mond gehört niemandem – und damit gewissermassen allen. Wenn jemand Infrastruktur baut, darf er sie nutzen und schützen – solange er da ist, aber es gibt keine klassischen Besitzansprüche wie auf der Erde. Und gute Plätze gibt es auch nicht so viele, da wird es schnell eng. Es gibt zwar ein offizielles Recht, aber da es auf dem Mond keine Polizei gibt und es vielleicht um viel Geld geht, kann es zu unangenehmen Lösungen kommen.
Warum passiert das alles gerade jetzt?
Es gibt wieder ein Wettrennen, ein Space-Race, zwischen den USA und China. Beide wollen technologisch führend auf der Welt sein. Die Amerikaner haben auch klar ausgesprochen, dass sie dieses Rennen gewinnen müssen. Eine bemannte Mondmission demonstriert diese Stärke. Wie sinnvoll das ist, darüber kann man diskutieren, aber dadurch werden enorme Geldmengen in die Forschung und Entwicklung gesteckt, und die Wissenschaft wird davon profitieren. Es ist eine spannende Zeit.

