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Korpskommandant Thomas Süssli

«Wertschätzung für die Armee ist gestiegen»

Zuerst die Pandemie, nun der Krieg in Europa: Korpskommandant Thomas Süssli ist gefordert. Warum der Armeechef für mehr ­Budget kämpft, wie er sich mit Bundesrätin Viola Amherd ­versteht und welche Frage ihm seine Töchter zum Krieg stellen.

Armeechef Thomas Süssli SI-13-2022

Thomas Süssli in seinem Büro im Bundeshaus Ost. Das Bild im Hintergrund zeigt einen Ausschnitt einer Landeskarte.

Kurt Reichenbach

Was im Büro von Korpskommandant Thomas Süssli, 55, sofort auffällt: der riesige Bildschirm mitten im Raum, über den Bilder der Armee flimmern. «Hier sehe ich, was auf den sozialen Medien über uns läuft», sagt der ausgebildete Programmierer. «Für mich ein perfekter Gradmesser, wie es um das Image unserer Armee steht.»

Herr Süssli, seit rund zwei Jahren sind Sie Chef der Armee. Hätten Sie gedacht, dass es in Ihrer Amtszeit zum Krieg in Europa kommt?
Beim Amtsantritt überlegte ich mir, was alles passieren kann. Am wahrscheinlichsten war für mich ein Strom-Blackout. Ich habe weder mit einer Pandemie gerechnet noch mit einem Krieg in Europa.

Vor einem Monat startete Wladimir Putin den Angriff auf die Ukraine. Seither sieht man täglich Bilder von Zerstörung und Menschen auf der Flucht. Was lösen diese bei Ihnen aus?
Sie machen mich enorm betroffen und zu einem Stück auch hilflos.

Was können Sie als Armeechef tun?
Die Armee hat sehr schnell über 20 Tonnen Hilfsgüter organisiert und der humanitären Hilfe des Bundes zur Verfügung gestellt.

Und für die rund 18 000 Menschen, die bisher in die Schweiz geflüchtet sind?
Wir haben früh die Kasernenschulen in Bülach und Bure für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt. Zurzeit prüft die Armee, ob sie dies auch mit Mehrzweckhallen tun kann. Ausserdem wären wir bereit für eine administrative Unterstützung, etwa bei der Einreise oder bei medizinischen Untersuchungen. Hier konnten wir bei der Flüchtlingswelle 2015 Erfahrungen sammeln.

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Sie haben zwei Kinder. Sprechen Sie mit Ihnen über den Krieg?
Unsere Töchter sind 24 und 25 Jahre alt und wohnen nicht mehr zu Hause. Ich mag mich aber erinnern, wie stark der Syrienkonflikt am Familientisch zu reden gab. Natürlich ist der Krieg in der Ukraine heute auch ein Thema. Was halten Ihre Töchter von der Armee? Beide haben eine Ausbildung in der Armee erwogen. Die jüngere wollte Hundeführerin werden. Sie ist zurzeit aber noch im Studium. Mit der älteren besuchte ich, als sie 19 Jahre alt war, die Armeeschau «Thun meets army». Dort sah sie, wie die Grenadiere sich am Extraktionsseil einklinken, und meinte, sie wolle das auch. Bis ich ihr erklärte, dass der Rucksack, den die Rekruten tragen, schwerer ist als sie (lacht).


Was antworten Sie, wenn Ihre Töchter fragen, ob der Krieg jetzt auch zu uns kommt?
Was ich allen sage: Die Gefahr eines direkten Angriffs ist gering.

Armeechef Thomas Süssli

Der Armeechef pendelt jeden Abend nach Hause. Seine Frau ist Schulrektorin. «Der Austausch mit ihr tut mir gut.»

Kurt Reichenbach

Trotzdem wollen die Bürgerlichen das Armeebudget auf bis zu sieben Milliarden Franken erhöhen. Macht das Sinn? Ja, denn viele unserer Systeme sind am Ende ihrer Lebenszeit und müssen ersetzt werden. Neben dem neuen Kampfjet sehe ich den grössten Bedarf bei den Bodentruppen. Da braucht es in den nächsten zehn Jahren rund sieben Milliarden Franken, danach nochmals etwa doppelt so viel. Damit wären wir in der Lage, die Modernisierung früher anzugehen. Die Bevölkerung wäre also früher besser geschützt, weil wir uns wirksamer verteidigen könnten.

Könnte man nicht, statt viel Geld in die Aufrüstung zu investieren, auf eine engere Zusammenarbeit mit der Nato setzen?
Es geht nicht um eine Aufrüstung. Als neutrales Land ist die Schweiz bündnisfrei und muss für ihre eigene Verteidigung sorgen. Es liegt auch im Interesse der EU wie auch der Nato, dass wir in die Verteidigung investieren. Es geht auch um unsere Glaubwürdigkeit als neutraler und souveräner Staat.

Ziel des ehemaligen VBS- Chefs Ueli Maurer war die beste Armee der Welt. Sie sagten kürzlich, bei einem Verteidigungskrieg könnten wir nur einige Wochen durchhalten. Das Ziel wurde also weit verfehlt.
Das stimmt so nicht. Was die Armee sehr gut kann, ist helfen und unterstützen – das haben wir bei der Covid-Krise bewiesen. Auch beim Schutz sind wir vorbildlich, etwa beim WEF und anderen internationalen Konferenzen. 2003 hat das Volk einer Verkleinerung der Armee auf einen Drittel zugestimmt. Die Devise für den Auftrag Verteidigung damals hiess: Kompetenzerhalt. Wir haben den bewaffneten Konflikt bei der Ausrichtung der Armee aber immer berücksichtigt, gerade weil sich die Lage verschlechtert hat. Der heutige Krieg in Europa macht nun deutlich, dass wir damit richtig liegen.

Holen Sie nun die eingemotteten Panzer raus?
Bei einer Milizarmee ist das nicht so einfach. Selbst wenn wir die Panzer wieder in Betrieb nehmen, fehlen die Soldaten, die diese bedienen können. Zudem braucht es Munition und Funkgeräte. Weil aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir in den Krieg hineingezogen werden, gering ist, müssen wir unsere Einsatzbereitschaft heute nicht erhöhen. Natürlich analysieren wir die Auswirkungen des Kriegs auf die Sicherheitspolitik.
 

Wie steht es um die Ausbildung wie den WK?
Ich mag das Wort Wiederholungskurs nicht besonders. Lieber spreche ich von einer Vorbereitung auf mögliche Einsätze. Was wir bereits vor einigen Jahren wieder eingeführt haben, ist die Mobilmachung. Das heisst? Wir bieten die Soldaten per SMS zum Dienst auf. In der ersten Welle haben tatsächlich 80 Prozent innerhalb einer Stunde geantwortet. Mehr als 90 Prozent sind dann eingerückt.

«Auf den sozialen Medien kann ich die Soldaten auch ausserhalb des Dienstes erreichen und mich austauschen.»

Wie ist die Stimmung bei den Soldaten im Dienst?
Bei den Rekrutenschulen besteht ein grosser Informationsbedarf zum Ukraine-Krieg. Deshalb bekommen die Kommandanten regelmässig ein Briefing, das sie mit den Soldaten besprechen können. Was wir seit dem Krieg spüren, ist eine grössere Wertschätzung der Bevölkerung. Leute danken den Soldaten, dass sie Dienst machen.


Sitzen Sie zurzeit häufiger mit Ihrer Chefin, Verteidigungsministerin Viola Amherd, zusammen als auch schon? Nein, wir tauschen uns immer regelmässig aus. Was ist sie für eine Chefin? Sie ist eine sehr gute Zuhörerin, stellt wichtige Fragen, kennt die Dossiers perfekt und ist super vorbereitet. Kürzlich rief sie die Initianten der Kampfjet-Initiative auf, ihr Volksbegehren zurückzuziehen – ohne Erfolg.

Hilft Ihnen der Krieg im Abstimmungskampf?
Helfen ist das falsche Wort. Aber ich merke, dass der Ukraine-Konflikt bei vielen Menschen, die nie damit gerechnet haben, dass der Krieg nach Europa zurückkommt, etwas ausgelöst hat. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski sagt ja auch, er brauche Flugzeuge und Panzer. Das hat sicher manche dazu bewogen, ihre Einstellung gegenüber der Armee zu überdenken.

Wie lange wird der Krieg noch dauern?
Ich glaube leider, dass der Konflikt noch Wochen oder Monate dauern wird. Die russische Armee ist der ukrainischen zahlen- und materialmässig überlegen. Über die Zeit können sie diese Überlegenheit womöglich ausspielen.

Sie sind Informatiker. Müssten wir uns nicht viel mehr für einen Cyberkrieg rüsten als für Kämpfe mit Flugzeugen und Panzern?
Es wird kaum je einen Krieg nur mit Cybermitteln geben. In den letzten Wochen haben wir gegen die Armee auch nicht mehr Angriffe verzeichnet als üblich. Aber wir sind vorbereitet: Am 1. Januar gründeten wir das Cyber Bataillon 42. 40 bis 50 Rekruten machen bei uns pro Jahr den Cyberlehrgang. Am Schluss haben wir 600 Spezialisten.

Was machen diese genau?
Sie überwachen die Systeme, wehren militärische Cyberangriffe ab und trainieren Massnahmen. Details will ich nicht verraten.

Anders als Ihre Vorgänger melden Sie sich regelmässig auf Twitter. Weshalb?
Ich bin ja nicht nur auf Twitter, sondern auch auf Linkedin aktiv, habe eine Website, einen Blog und einen Podcast. In einer Milizarmee sieht man sich ja nur drei Wochen im Jahr. Auf den sozialen Medien kann ich die Soldaten auch ausserhalb des Dienstes erreichen und mich austauschen.


Was schreiben die Leute?
Jüngere Soldaten schreiben mir etwa, sie würden gern die neuen Stiefel kaufen. Manchmal melden sich auch Eltern von Rekruten, die mit etwas in der RS ihrer Söhne oder Töchter nicht zufrieden sind. Und Sie antworten persönlich? Ja, ich gebe mir Mühe, immer zu antworten.

Zuerst die Covid-Krise, nun der Krieg in Europa. Haben Sie noch ein Privatleben?
Ich versuche jeweils am Samstag, nichts zu tun, was mit dem Job zu tun hat: Ich gehe joggen, wir laden unsere Töchter oder Freunde zum Essen ein, und ich lese viel: Bücher über Leadership, Digitalisierung oder Militärführung.

Von Jessica Pfister am 2. April 2022 - 10:17 Uhr
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