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«Dieses Virus bodigt mich nicht»

Wie Christian Stucki seine Familie beschützt

Er ist der Böseste der Bösen. Doch nun steht Christian Stucki, 35, einem fiesen Widersacher gegenüber. Wie der Schwingerkönig seine Liebsten beschützt und weshalb er unerschütterlich optimistisch bleibt.

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Fotogen: Stucki auf seinem personalisierten Arbeitsgerät: «Wir spüren die Wertschätzung der Öffentlichkeit derzeit sehr stark.»

Kurt Reichenbach

Deisswil bei Münchenbuchsee BE. 7.30 Uhr in der Früh. Eigentlich müssten sich die Autos im morgendlichen Stossverkehr in Richtung Bern bewegen. Doch zurzeit ist nichts wie sonst. Seit die Bundesbehörden den Not-stand ausgerufen haben, ist jeder Tag wie Sonntag. Die Strassen sind verlassen, das Leben eingefroren.

Christian Stucki lässt sich davon nicht beeindrucken. «Jetzt ist unser Metier besonders gefragt», sagt er lachend und öffnet die Tür seines Lastwagens. Als Chauffeur der Firma Lüthi & Portmann liefert er Fleischwaren an Grossverteiler aus – und kann die Öffentlichkeit beruhigen: «Es gibt genug zu essen für alle.»

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Christian Stucki, die Schweiz befindet sich im Ausnahmezustand. Wie geht der Schwingerkönig mit dieser Situation um?
Wie vermutlich alle anderen Menschen auch. Wir versuchen, uns der Lage so gut wie möglich anzupassen. Der Alltag ist anspruchsvoller geworden. Unser älterer Sohn Xavier besucht die erste Klasse. Aber weil nun die Schule geschlossen ist und die Grosseltern als Kinderhüter nicht mehr infrage kommen, müssen meine Frau Cécile und ich uns arrangieren – es klappt recht gut.

Sie sind beide auch ausser Haus berufstätig?
Ja, Cécile arbeitet zu 40 Prozent auf einem Notariatsbüro, ich bin zu 60 Prozent als Lastwagenchauffeur tätig. Aber weil wir Schwinger derzeit nicht trainieren dürfen, habe ich am Dienstag mehr Spielraum. Und da ich am Mittwoch eine gäbige Tour fahre, kann ich mich am Nachmittag ebenfalls um die Kinder kümmern. Wir schaffen es auch ohne externe Hilfe.

Wie schwer fällt es Ihren Kindern, die Grosseltern nicht zu besuchen?
Sehr schwer. Und auch für die Grosseltern ist es hart. Sie sind zwar beide noch nicht 65 Jahre alt, aber wir wollen nichts riskieren. Niemand kennt dieses Virus so genau. Deshalb sage ich unseren Kindern immer wieder: Für euch und für uns jüngere Menschen ist die Gefahr klein. Aber ältere Menschen müssen sehr gut aufpassen. Deshalb ist es momentan für alle besser, wenn wir die Grosseltern nicht sehen. Aber man kann ja auch telefonisch Kontakt halten. Und umso schöner wird es dann, wenn wir sie wieder treffen können.

«Mir tun die vielen Leute leid, die nun wirklich mit dem Rücken zur Wand stehen»

Sie handeln ähnlich konsequent wie im Sägemehl …
Im Vordergrund muss die Gesundheit aller stehen. Ich vertraue unseren Behörden und befolge zusammen mit unserer Familie die Anweisungen strikt. Dieses Problem können wir nur zusammen überwinden – wenn jeder seinen Teil dazu beiträgt und die eigenen Interessen zurückstellt.

Sie gelten als gelassene Persönlichkeit. Bleiben Sie auch angesichts der aktuellen Bedrohungslage immer ruhig?
Ich versuche es, denn es ist wichtig, dass wir jetzt nicht in Panik verfallen. Der Ernst der Situation ist mir absolut bewusst. Aber gleichzeitig können wir feststellen: Die Infrastruktur und die Versorgung in unserem Land funktionieren auch in dieser Krise. Mit meiner Arbeit im Lebensmittelbereich trage ich dazu bei, dass die Lieferkette funktioniert. Unser Metier ist nun sehr gefragt. Ich spüre eine grosse Wertschätzung. Das freut mich. Und ich kann die Menschen beruhigen: Es 
gibt genug von allem. Und es ist nicht nötig, sich um Pasta-Packungen und WC-Papier zu streiten.

Viele Menschen haben angesichts der diffusen Gefahr Existenzängste. Sie als Schwinger sind quasi selbstständig erwerbend. Wie gehen Sie mit den finanziellen Ausfällen um?
Wirtschaftlich bin ich nur am Rande betroffen. Vielleicht gewinne ich den einen oder anderen Muni weniger, aber davon hängt meine Lebensgrundlage nicht ab. Mir tun aber die vielen Leute leid, die nun wirklich mit dem Rücken zur Wand stehen. Ich denke an die Kleinunternehmer und Selbstständigen. Deshalb verzichte ich nun ganz bewusst auf den Onlinehandel. Wir können mit Neuanschaffungen warten, bis die Läden wieder geöffnet sind. Auch andere Solidaritätsaktionen finde ich schön – dass man beispielsweise bei Coiffeursalons Gutscheine für die Zeit nach der Krise kauft, um diesen Unternehmen proaktiv zu helfen.

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Hygiene als Berufsregel: «Auch ohne Coronavirus trage ich bei den Auslieferungen immer eine Gesichtsmaske.»

Kurt Reichenbach

Bewegen Sie sich – abgesehen von der Arbeit – nicht mehr im öffentlichen Raum?
Mit Kindern ist dies eine grosse Herausforderung. Kinder wollen nach draussen – und das ist auch normal. Am vergangenen Sonntag waren wir mit der Familie spazieren: bei schönem Wetter, aber in einer sehr speziellen Atmosphäre. Die Leute gehen automatisch auf Abstand, weichen zurück. Daran muss man sich erst mal gewöhnen. Auch dass man zur Begrüssung die Hand nicht mehr reicht, ist ein kleiner Kulturschock. Aber es ist der einzige Weg, um diese Pandemie in den Griff zu bekommen.

Als Schwinger sind Sie auch sportlich von der Situation betroffen. Zwei Meter Abstand zu halten, ist in diesem Sport unmöglich …
…. deshalb ist das Training bis Ende April verboten. Ich könnte höchstens mit Xavier trainieren – oder mit Cécile (lacht). Auch das Trainingszentrum meines Fitnesscoaches bleibt bis auf Weiteres geschlossen. So muss ich improvisieren und mir in der Garage einen Kraftraum einrichten. Ich bezweifle, dass schon am 20. April alles wieder normal sein wird.

«Von diesem Virus lasse ich mich nicht ins Sägemehl werfen»

Mit 35 Jahren sind Sie für einen Spitzensportler in einem reifen Alter. Ist es möglich, dass die Corona-Krise Ihrer Karriere ein jähes Ende setzt?
Nein, definitiv nicht. Von diesem Virus lasse ich mich nicht ins Sägemehl werfen. So kann ich auf keinen Fall aufhören. Wenn ich gesund bleibe, will ich noch ein, zwei Jahre weiterschwingen. Und wenn die Pause sportlich etwas Gutes hat, dann die Tatsache, dass man sich nicht verletzten kann.

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Volle Kraft voraus: Die Mittwochsschicht beginnt um 7.30 Uhr. Am Nachmittag kümmert sich Stucki um die Kinder.

Kurt Reichenbach

Auch die Umwelt wird geschont …
… das ist vielleicht das Schönste an der momentanen Situation. Wenn ich höre, dass vor Venedig plötzlich wieder Delfine auftauchen, freut mich das sehr. Es ist auch schön, wenn man weniger Flugzeuge sieht und stattdessen die Vögel zwitschern hört. Und wenn ich ehrlich bin, profitiere ich als Chauffeur von der Situation. Plötzlich hat es viel weniger Verkehr. Das schont die Nerven.

Und in den eigenen vier Wänden herrscht nun ebenfalls ein neuer Rhythmus.
Genau. Plötzlich ist es nicht der Alltagstrott, der das Leben diktiert. Man hat mehr Zeit für die Familie, spielt öfter mit den Kindern, erhält Gelegenheit, durchzuatmen und das tägliche Gehetze zu hinterfragen. Vor allem lernt man, die kleinen Dinge wieder zu schätzen. Wenn wir dies auch für die Zeit nach der Krise beibehalten, kann der jetzige Zustand auch etwas Gutes haben. Da bin ich mir sicher.

Von Thomas Renggli am 13.04.2020
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