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«Jetzt gehe ich mit meinem Partner ins Tessin»

Wie die Grünen-Chefin nach der Klimawahl Kraft tankt

Sie ist die grosse Siegerin der Klimawahl 2019. Grünen-Präsidentin Regula Rytz bleibt auch im Hoch geerdet. Die Vegetarierin verrät, wo sie mit ihrem Mann abschaltet und wer von ihr Wienerli mit Ketchup bekommt.

Regula Rytz Nationalraetin und Parteipraesidentin der Gruenen Schweiz.  Aufgenommen am 23.10.2019  Bild © Remo Naegeli

Gelöst: Im urbanen Garten in ihrem Wohnquartier Breitenrain in Bern hat Regula Rytz auch schon Blumen angepflanzt.

Remo Nägeli

So gelöst können nur Sieger sein. Beim Fotoshooting mit der Schweizer Illustrierten am Mittwochmorgen im urbanen Garten ihres Wohnquartiers im Berner Breitenrain gibt Regula Rytz, 57, zur Auflockerung einen Witz zum Besten. «Den hat mir ein bürgerlicher Kollege erzählt. Sagt eine Banane zur anderen: Als ich jung war, war ich auch mal grün!» Darauf habe sie dem Kollegen erwidert: «Und jetzt wirst du braun?»

Rytz lacht herzhaft und ergänzt, dass sie in den letzten Tagen wohl ein paar Falten mehr bekommen habe. Nicht aus Schlafmangel – obwohl sie seit Sonntag nicht mehr als fünf Stunden pro Nacht im Bett lag. «Weil ich nur noch am Strahlen bin.»

«Es ist eine historische Verschiebung»

Kein Wunder: Ihre Grüne Partei erreicht plus 17 Sitze im Nationalrat, das ist Schweizer Rekord! Mit plus 5,9 Prozent Wähleranteil sind die Grünen nun viertstärkste Kraft im Land. Nicht nur in der Schweiz sorgt diese Klimawahl für Schlagzeilen. Italiens «Corriere della Sera» schreibt von der «Umweltfront», Deutschlands «Spiegel» ruft «das Jahr der Grünen» aus, und die amerikanische «New York Times» jubelt über den «grünen Tsunami». Das Bild von Regula Rytz mit ungläubigem Blick, weit aufgerissenen Augen und Sonnenblumen in der Hand geht um die Welt.

«Es ist eine historische Verschiebung», sagt Rytz und schüttelt, immer noch leicht überwältigt, den Kopf. Mit ihren Eltern und ihren beiden Brüdern habe sie erst zwei Tage nach der Wahl telefonieren können. Der jüngere, Thomas, ist ebenfalls bei den Grünen, der ältere, Christoph, 61, bei der FDP. «Wir kommen alle gut miteinander aus.» Aber ihre Familie sehe auch, wie viel Arbeit auf sie zukomme.

Regula Rytz

Keine Zeit für Hausarbeit: Beim Besuch der SI 2016 hatte Rytz noch Zeit zum Wäscheaufhängen. «Heute habe ich ein Puff.»

Fabienne Bühler

Kraft statt Belastung

Zum Aufräumen ihrer 3,5-Zimmer-Altbauwohung, in der sie seit 25 Jahren mit ihrem Partner Michael Jordi, 59, lebt, hat Rytz keine Zeit gehabt. «Kleider, Zeitungen, alles liegt herum!» Immerhin habe sie am Mittwochmorgen wieder mal kurze Sportübungen machen können. «Die grosse Verantwortung belastet mich nicht, im Gegenteil: Sie gibt mir enorm viel Kraft.»

Wer wissen will, wie die zierliche Frau mit der sanften Stimme jene Partei, die vor vier Jahren vor einem Scherbenhaufen stand, zum Glück führte, muss nur ihre Website anschauen. Ihre persönliche Anleitung zum grünen Erfolgsrezept beschreibt sie in drei Stichworten.

«Wir hatten immer ein offenes Haus»

Sachliche Leidenschaft: Es ist typisch für Rytz, dass sie das Wort «sachlich» vor die Leidenschaft stellt. Selbst als die Chefin der Grünen am Sonntag um 18 Uhr in der «Elefantenrunde» des Schweizer Fernsehens zum ersten Mal mit den Bundesratsparteien am Tisch steht, bleibt sie sachlich und vor allem höflich.

Nicht sie ist es, die direkt die Forderung nach einem Bundesratssitz stellt, sondern ihr SP-Kollege Christian Levrat. «Als ich vor rund acht Jahren das Amt der Grünen-Präsidentin antrat, vereinbarte ich mit meinem Mann, dass ich bleibe, wie ich bin», sagt Rytz. Respekt vor anderen Leuten, vor anderen Meinungen, das sei ihr immer wichtig gewesen. «Ich habe sehr klare Werte, aber mich interessiert auch, warum es jemand anders sieht.»

Hier hilft Rytz ihre Herkunft. In Hünibach am Thunersee ist die Tochter eines Architekten und einer Musiklehrerin in einem kleinbürgerlichen Milieu aufgewachsen – aber mit Blick auf die grosse weite Welt. Ihr Grossvater war FDP-Mitglied und betrieb eine Polstergestellfabrik, ihre Mutter stammt aus dem früheren Schlesien. «Wir hatten immer ein offenes Haus.» Die Geschichte ihrer Mutter, die als Kind den Zweiten Weltkrieg erlebte, prägt sie auch politisch. «Bei Unrecht und Diskriminierung kann ich nicht ruhig bleiben.»

Nepal, 2017

Verbunden: Ihr Mann Michael ist in Nepal aufgewachsen. 2017 besuchte Rytz mit ihm das Land. Es war ihr fünfter und vorerst letzter Flug.

Dominic Nahr / MAPS

Rytz' Mami bringt ihr Süsses ins Bundeshaus

Verantwortung ist das zweite Stichwort ihres Erfolgsrezepts. Diese hat die ausgebildete Lehrerin und Historikerin schon früh übernommen. «Meine Eltern waren beide berufstätig, und ich genoss viel Freiheit und Eigenständigkeit.» Mit ihrem jüngeren Bruder Thomas hilft sie in der Fabrik des Grossvaters beim Holzdübel-Einschlagen. Später unterstützt sie zusammen mit den Geschwistern die Grosseltern, kauft für sie ein, putzt und wäscht.

Einen Tag nachdem Rytz als Tiefbaudirektorin der Stadt Bern im Mai 2008 den Berner Bahnhofplatz eröffnet, erleidet ihr Vater Rudolf einen Schlaganfall. «Das hat das Leben der ganzen Familie vorübergehend auf den Kopf gestellt», sagte Rytz der SI im Mai 2016. Ihr Vater sitzt seither im Rollstuhl. «Trotzdem haben mich meine Eltern während der Wahlkampagne sehr unterstützt!» Ihre Mutter verteilte Wahlprospekte im Quartier und brachte immer wieder Trauben oder Süssigkeiten ins Bundeshaus. «Sie gibt sie beim Sicherheitsdienst am Eingang ab.»

«Ich bin halt eine Nachteule»

Seit dem Wahlerfolg vom Sonntag sind die Grünen praktisch gleich stark wie die FDP und die CVP. «Wenn ich auf dem Velo durch Bern fahre, denke ich schon darüber nach, wie das neue Team funktionieren kann und wie wir die Klimapolitik rasch vorwärtsbringen.» Schon in den letzten Monaten hielt sie ihre Leute auf Trab – mit Mails bis Mitternacht. «Das letzte Mail habe ich gestern um zwei Uhr morgens geschrieben», gibt Rytz zu. «Ich bin halt eine Nachteule.» Aber unersetzlich sei sie nicht. «Ich bin Teil eines grossen Ganzen.» Zudem halte ihre Familie sie auf dem Boden.

Die Leidenschaft fürs Wandern verbindet sie und ihren Mann Michael, den Zentralsekretär der Gesundheitsdirektorenkonferenz. «Am kommenden Wochenende fahren wir ins Tessin», sagt Rytz. Selbstverständlich mit dem Zug. Ein Auto haben die beiden nicht, Rytz besitzt keinen Führerausweis. Der «Arena» auf SRF musste sie für Freitagabend absagen. «Wir brauchen wieder mal Zeit für uns!»

Regula Rytz Nationalraetin und Parteipraesidentin der Gruenen Schweiz.  Aufgenommen am 23.10.2019  Bild © Remo Naegeli

Regula Rytz: «Wohlstand muss endlich von Naturzerstörung entkoppelt werden.»

Remo Nägeli

Eine Halloweenparty für den Göttibub

Augenmass führt Rytz als letzte persönliche Beschreibung auf. Dazu passt, dass die Grünen-Präsidentin auf die Frage nach einem Bundesratssitz ihrer Partei stets mit «eigentlich hätten wir einen Anspruch darauf» antwortet. «Der Auftrag für mehr Ökologie auch im Bundesrat ist klar, doch in der Politik gibt es keine fixen Regeln», sagt Rytz, die seit 2011 im Nationalrat sitzt. Die Gespräche mit den anderen Parteien stehen erst noch an. «Signalisiert die CVP ihre Unterstützung, haben wir eine Chance.»

Doch zuerst stehen die Ständeratswahlen in Bern an. Hier hat sie neben dem amtierenden SP-Mann Hans Stöckli im ersten Wahlgang am zweitmeisten Stimmen gemacht. Es sei etwas in Bewegung gekommen in der Schweiz. «Wohlstand muss endlich von Naturzerstörung entkoppelt werden.»

Für den zweiten Wahlgang drückt ihr auch Göttibub Lars, 11, die Daumen. «Er rief mich gestern an und fragte, ob ich trotzdem noch seine Halloweenparty vorbereiten kann.» Und wie Vegetarierin Rytz das kann! «Mit Wienerli, die wie Finger aussehen, und blutrotem Ketchup.»

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Von Jessica Pfister am 25.10.2019