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Frauen machen die Schweiz

Wie geht Frauenkarriere? 10 Frauen erzählen!

Dirigentin, Kunstschweisserin, Krebsforscherin. Der Zürcher Fotograf Markus Bühler wollte wissen, wie sich eine Bundesrichterin oder eine Bauunternehmerin in typischen Männerdomänen durchsetzen. Zehn zupackende Frauen erzählen, wie sie wurden, was sie sind.

Lena Wuestendoe, Dirigentin, Buch SWISSMADE, Projekt Fotograf Markus Buehler, SI 09/2021

Lena-Lisa Wüstendörfer, 37, ist Chefdirigentin des Swiss Orchestra und künstlerische Leiterin des Berner Bach Chors.

Markus Buehler

Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer

«Tatsächlich wird man als Dirigentin als Rarität betrachtet. Führung ist in unserer Gesellschaft noch männlich konnotiert, und das betrifft auch die Führung im Orchester. An einem Konzertprojekt bin ich zum Glück noch nie gescheitert. Es ist schon vorgekommen, dass ich im Ausland vor einem Orchester stand, das einen anderen Führungsstil gewohnt war. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn es führen immer mehrere Wege zum Ziel. Ich bin es als Dirigentin gewohnt, rasch auf Veränderungen zu reagieren. Musik war schon immer meine Leidenschaft. Am schönsten ist, wenn auf der Bühne alle Musiker in einem Gedanken vereint sind. Ich merke dann, dass der Funke zum Publikum überspringt und die Musik alle im Saal verbindet.»

Ena Ringli, Schuhproduzentin, Buch SWISSMADE, Projekt Fotograf Markus Buehler, SI 09/2021

Ena Ringli, 43, produziert in ihrer Schuhmanufaktur in Weinfelden TG ihre eigenen Schuhe.

Markus Buehler
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Schuhproduzentin Ena Ringli

«Die Schweiz hatte früher eine blühende Schuhindustrie, leider wurde die Produktion immer mehr ins Ausland verlagert. Nach der Ausbildung durfte ich die Produktionsleitung eines deutschen Massschuhherstellers in Italien übernehmen. Da sich der Ausbau sehr schwierig gestaltete, verlagerten wir die Produktion nach China. So bin ich schliesslich selbst ausgewandert. Später bauten wir eine eigenständige Firma in Südchina auf. Nach zwei wunderbaren Jahren habe ich mich schweren Herzens durchgerungen, die Firmenleitung meinem Assistenten zu übergeben und zurück nach Europa zu kommen. Während fünf Jahren habe ich dann für diverse europäische Schuhhersteller gearbeitet, bevor ich den Entschluss fasste, mit dem Label Yép meine eigene Produktion in der Schweiz zu starten. Unter dem Motto: Ein Versuch ist es wert, zu verlieren gibt es nichts.»

Myriam Groeflin, 6fache Mutter, Buch SWISSMADE, Projekt Fotograf Markus Buehler, SI 09/2021

Myriam Gröflin, 40, lebt mit ihrer Familie in einem Einfamilienhaus in Rickenbach Sulz ZH.

Markus Buehler

Sechsfache Mutter Myriam Gröflin

«Ich habe mir immer eine Familie gewünscht, wenn auch nicht gerade so eine grosse von Anfang an. In einer Grossfamilie wird alles auf alle ver-teilt; die Aufmerksamkeit, die Erwartungen. Das finde ich schön. Kinder zeigen einem, was wirklich wichtig ist im Leben. Mit ihnen zusammen nimmt man die Vielfalt des Lebens intensiver wahr. Mein grösster Erfolg ist die Organisation unseres Haus-halts. Bei sechs Kindern ist das schon eine Herausforderung. Als Mann bekäme ich zu Hause mehr Anerkennung. Wenn ein Mann zu Hause bleibt, ist das immer noch aussergewöhnlich. Es ist ja kein Job, der finanziell entlöhnt wird. Auch emotional nicht.»

Daniela Spuhler, Bauunternehmerin, Buch SWISSMADE, Projekt Fotograf Markus Buehler, SI 09/2021

Auf diesem Bau ist die Frau Chefin: Daniela Spuhler, 43, gehört die Esslinger AG in Brüttisellen ZH.

Markus Buehler

Bauunternehmerin Daniela Spuhler

«‹Frau und Bau›, lästert man gern. Aber ich bin auf Baustellen gross geworden, fühle mich hier wohl. Vor etwa zehn Jahren habe ich mich entschieden, das Familienunternehmen weiterzuführen. Meine Geschwister wollten die Verantwortung nicht übernehmen. Es war eine wirtschaftlich schwierige Phase, und ich war damals schwanger. Viele haben gesagt, du bist wahnsinnig, eine Bauunternehmung zu kaufen. Aber es ist so Tradition bei uns, mein Grossvater mütterlicherseits hat die Firma gegründet, dann kamen meine Eltern und nun ich in der dritten Generation, und alle mussten die Firma jeweils kaufen. Als Mann wäre ich wohl den klassischen Weg gegangen: Maurerlehre, Baumeister – wie mein Bruder es gemacht hat. Aber ich glaube nicht, dass ich als Mann mutiger wäre. Das hat man, oder man hat es nicht.»

Cristina Mueller, Krebsforscherin, Buch SWISSMADE, Projekt Fotograf Markus Buehler, SI 09/2021

Cristina Müller, 44, konnte am Paul Scherrer Institut ihre eigene Forschung aufbauen.

Markus Buehler

Krebsforscherin Cristina Müller

«Heute bin ich die Leiterin eines grossen Forschungsteams. Ausdauer und die Fähigkeit, mein Team für die Forschungsarbeit zu motivieren, gehören zu meinen grossen Stärken. Meine Hauptmotivation ist die Arbeit in der Krebsforschung und dass unsere Entwicklungen im Kampf gegen den Krebs nützlich sein werden. Das Scheitern gehört zum Leben eines Forschers oder einer Forscherin. Scheitern ist nicht unbedingt negativ, sondern kann einen auch auf neue Ideen bringen. In der Wissenschaft gibt es sicher klassische Eckpunkte, die als Erfolge angesehen werden: der Abschluss einer Dissertation, ein Forschungspreis, eine wichtige Veröffentlichung. Von Bedeutung sind aber vor allem auch die kleinen Erfolge im Forscherleben. Wenn man etwas zu verstehen beginnt, an dem man schon lange geforscht hat.»

Diana Strebel, Verwaltungsraetin, Buch SWISSMADE, Projekt Fotograf Markus Buehler, SI 09/2021

Hier tagt Verwaltungsrätin Diana Strebel, 60: Hauptsitz von Ricola in Laufen BL.

Markus Buehler

Verwaltungsrätin Diana Strebel

«Mir hat mein Gender mehr genutzt als geschadet. Im Moment ist es so: Wenn zwei Gleichqualifizierte für einen Verwaltungsratsposten zur Wahl stehen, ein Mann und eine Frau, dann wird eher die Frau gewählt. Weil es einen grossen Nachholbedarf gibt. Als Verwaltungsrätin kann ich Unternehmen dazu verhelfen, dass sie gut aufgestellt sind und es auch bleiben. Wenn mal etwas nicht klappt, gibt es immer einen Grund dafür, und jedes Mal folgt da-rauf etwas Besseres. Nichts finde ich so langweilig wie eine Absage von gestern. Da bin ich längst weiter. Ich sitze im Verwaltungsrat mehrerer Unternehmen, unter anderem bei Emmi, Ricola und Globalance. Diese Unternehmen sind getrieben durch Innovation und gutes Management. Ich bin ein Fan von Schweizer Unternehmen, die smart sind und es gut machen.»

Claudia Polar, Curvy Model, Buch SWISSMADE, Projekt Fotograf Markus Buehler, SI 09/2021

Für einmal steht Curvy Model Claudia Polar, 39, nicht für eine Werbekampagne vor der Kamera.

Markus Buehler

Fotomodel Claudia Polar

«Ich war über 100 Kilo schwer in der Schule, das hässliche Entlein. Habe die Pausen im WC verbracht, weil ich Angst hatte, verprügelt zu werden. Aber mit viel Disziplin habe ich es geschafft, so auszusehen wie heute. Ich habe mir gesagt: Jetzt zeige ich es euch allen! 2003 meinte ein Freund, ich solle mich bei einer Modelagentur bewerben. Ich habe dann zwei grosse Castings in Deutschland gewonnen und bekam coole Aufträge für bekannte Firmen. 2014 wurde bei mir ein Hirntumor festgestellt. Ich wurde operiert, war total entstellt und für eine Weile komplett offline. Aber nachher ging es wieder aufwärts. Jetzt bin ich wieder da und hoffe auf eine Chance, auch wenn ich schon etwas älter bin. Ich bin vom Opfer zur Kämpferin geworden. Als Mann wäre ich wahrscheinlich ein Bürogummi geworden. Ich bin froh, dass ich eine Frau bin.»

Anita Kohler, Kaeserin, Buch SWISSMADE, Projekt Fotograf Markus Buehler, SI 09/2021

Auf ihrer Alp Seili bei Meiringen im Berner Oberland fühlt sich Anita Kohler, 46, wohl.

Markus Buehler

Alpkäserin Anita Kohler

«Ich war eigentlich schon immer ein wenig ein Knabe, habe zu Hause im Bauernbetrieb mit angepackt. Als Mann wäre ich vielleicht gar nie auf die Alp, sondern eher zu Hause geblieben. Ich sagte zu meinem Vater, dass ich auf die Alp gehe. Da habe ich noch als Hotelgärtnerin gearbeitet. Er konnte das nicht verstehen: so eine gute Stelle sausen lassen. Aber ich bin gegangen, und er hat mir noch eine Kuh mitgegeben. Ein Chäser hat mir oben alles beigebracht. Zusammen mit meinem Mann konnte ich später einen grossen Bauernbetrieb übernehmen und nochmals später die Alp. Jetzt sind wir schon den dreizehnten Sommer hier.»

Andrea Stahl, Kuenstlerin, Buch SWISSMADE, Projekt Fotograf Markus Buehler, SI 09/2021

Andrea Stahl, 52, kreiert in ihrer Manufaktur im aargauischen Oberentfelden Kunstwerke aus Stahl.

Markus Buehler

Kunstschweisserin Andrea Stahl

«Ich habe als 19-Jährige Möbel für mein Zuhause gebraucht und gedacht: Schweissen, das wäre wahrscheinlich noch gut, wenn man das könnte. Dann habe ich einen Schweisskurs besucht und bin dem Metall verfallen. Ich habe mir alles autodidaktisch beigebracht. Mit der Zeit wollten die Leute meine Möbel. Nun bin ich seit 27 Jahren selbstständig und lebe von meiner Kunst. Was mich antreibt? Die Freiheit und der Luxus, von dem zu leben, was mir Freude macht. Für mich sind Arbeit und Freizeit nicht getrennt. Meine Karriere wäre anders verlaufen, wenn ich ein Mann wäre. Ich sehe alles mit den Augen einer Frau – dieser emotionale Blick hat mir einen ganz anderen Zugang zum Metall eröffnet. Sicher habe ich auch Bonuspunkte gehabt und habe sie teilweise noch immer, wenn ich in dieser Männerwelt irgendwo auftrete.»

Julia Haenni, Bundesrichterin, Buch SWISSMADE, Projekt Fotograf Markus Buehler, SI 09/2021

Julia Hänni, 43, ist Bundesrichterin am obersten Gericht der Schweiz in Lausanne VD.

Markus Buehler

Bundesrichterin Julia Hänni

«Die Faszination, Wissen weiterzugeben, hat mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Seit 2019 bin ich Bundesrichterin und seit 2020 auch Honorarprofessorin an der Universität St. Gallen. Nach einem Zeckenbiss konnte ich einmal ein halbes Jahr nicht arbeiten. Das hat in mir das Bewusstsein gestärkt, wie nah alles beieinanderliegt. Gerade funktioniert man noch völlig normal, und im nächsten Augenblick kann man fast nicht mehr allein stehen. Man muss wertschätzen, was man machen darf. Dass ich meine eigene Kreativität, meine eigenen Ideen in so einem technischen Gebiet einbringen und dies anderen vermitteln kann, sehe ich als meinen grössten Erfolg. Recht ist eine Schnittstelle zwischen der Gesellschaft und dem Normativen. Mich fasziniert die Reflexion darüber, was richtig, was gerecht ist. In meinem Beruf sind Gefühle etwas sehr Wichtiges. Sie sind eine Form von Intelligenz, ohne die unser tägliches Leben nicht funktionieren würde. Von aussen betrachtet ist das etwas Weibliches, aber ich kenne viele Männer, die das genauso einsetzen.»

am 08.03.2021
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