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Wie die Schweiz in der Weltraumforschung mitmischt

«Wir haben Luft nach oben»

Weltraumnation Schweiz? «Ja!», findet Unternehmerin Nicole Herzog. Als Investorin und Vermittlerin besorgt sie hiesigen Start-ups das nötige Geld. Warum die kleine Schweiz gross denken soll – und was unser Körper mit einer Galaxie gemeinsam hat.

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<p>Blick auf Zürich und Blick in die Zukunft. «Im All investiert man gleich für mehrere Generationen», sagt Nicole Herzog.</p>

Blick auf Zürich und Blick in die Zukunft: «Im All investiert man gleich für mehrere Generationen», sagt Nicole Herzog.

Geri Born

Willkommen im ersten Betonbau Zürichs! Die Urania-Sternwarte wurde 1907 errichtet. Seither stützt sie ein zwölf Tonnen schweres Teleskop, das gen Himmel zeigt und mit dem man tagsüber keine Sterne, dafür aber Kirchtürme inspizieren kann. Das Gespräch mit Nicole Herzog findet gut 40 Meter über Boden statt, schliesslich möchte die Unternehmerin mit ihrem Engagement hoch hinaus.

Frau Herzog, was hat die kleine Schweiz mit dem grossen Weltraum zu tun?

Nicole Herzog: Viel – wir waren ja schon bei der ersten Mondlandung dabei!

Wie bitte?

Das erste wissenschaftliche Experiment auf dem Mond kam von der Uni Bern. Die Schweiz hat für die Messung des Sonnenwindes ein Segel entwickelt, das von den Astronauten «Swiss Flag» genannt wurde. Es wurde noch vor der amerikanischen Flagge aufgestellt. Das All und die Schweiz haben also eine lange Tradition.

Mag sein, aber angesichts der irdischen Probleme, die uns im Moment umtreiben: Warum sollen wir uns auch noch mit dem Ausserirdischen beschäftigen?

Ein Beispiel: Ohne die Daten von Satelliten würde heute wohl niemand über den Klimawandel sprechen oder etwas dagegen unternehmen.

<p>«Die Menschheit hat im Weltall schon so viele Hürden überwunden – da geht noch mehr!»: Nicole Herzog in der Urania-Sternwarte in Zürich.</p>

«Die Menschheit hat im Weltall schon so viele Hürden überwunden – da geht noch mehr!»: Nicole Herzog in der Urania-Sternwarte in Zürich.

Geri Born

Also erreichen uns auch von oben nur schlechte Nachrichten?

Es geht schlicht und einfach um Wissen. Dank Satellitendaten wusste man Jahre im Voraus, dass das Kleine Nesthorn bei Blatten instabil ist und sich bewegt. Deshalb hat man frühzeitig Sensoren am Berg angebracht und ihn überwacht. So konnte rechtzeitig gewarnt und evakuiert werden.

Welche Rolle spielen Schweizer Firmen heute im Weltall?

Eine wichtige. Nehmen wir Beyond Gravity aus Zürich: Sie stellen die Spitze der europäischen Ariane-Raketen her. Oder Maxon aus Obwalden: Deren Motoren lassen die Rover auf dem Mars herumfahren. Ein tolles Beispiel für die neue Generation ist Swissto12 aus Renens bei Lausanne. Sie haben den 3D-Druck für das All perfektioniert und bauen heute ganze Satelliten für internationale Kunden.

Und welche Rolle spielen Sie in dieser Branche?

Ich bringe Welten zusammen: Wirtschaft, Kapital und Wissenschaft. Ich habe zwei Firmen gegründet und aufgebaut und weiss, wo die Stolperfallen sind. Und ich habe ein grosses Adressbuch. So kann ich zwischen Forschung, Start-ups und Wirtschaft die richtigen Kontakte herstellen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Vor Kurzem habe ich einem Start-up, das rund 15 Millionen Franken braucht, die Türen zu passenden Investoren geöffnet. Und letztes Jahr habe ich mit Thomas Zurbuchen einen Anlass organisiert, um Investoren das Thema Space näherzubringen.

Sie sind Teil des Beratergremiums des sogenannten ESA Business Incubators an der ETH. Was bedeutet das?

Das ist ein gemeinsames Programm der Weltraumorganisation ESA und der ETH Zürich. Es hilft Schweizer Start-ups, ihre Technologien erfolgreich im Markt zu verbreiten. Als Mitglied des Beirats bringe ich meine Erfahrung aus der Wirtschaft ein. Dieses Programm gilt europaweit als Vorzeigemodell. Bisher wurden so fast 100 Start-ups unterstützt und rund 1300 Arbeitsplätze geschaffen.

Sie haben Jura studiert. Sind also weder Ingenieurin noch Wissenschaftlerin. Woher kommt dieses Interesse am Weltraum?

Mich faszinieren Industrien, die gerade entstehen. Als wir 2001 die Softwarefirma Abacus Umantis gründeten, war das Thema Cloud ganz am Anfang. So ist es jetzt mit der Weltraumindustrie.

Moment – die erste Mondlandung ist doch schon fast 60 Jahre her.

Ja, aber bis vor Kurzem bestimmten die staatlichen Agenturen wie Nasa und ESA alles, was im All passiert. Erst als die Nasa begann, Aufträge an Privatfirmen zu verteilen und Elon Musk SpaceX gründete, entstand eine Privatindustrie. Das ist eine neue und spannende Entwicklung. Musk hat die ganze Branche umgewälzt. Heute ist es viel günstiger, eine Mission ins All zu schicken, als früher. Die Folge: Die Weltraumbranche wächst dreimal schneller als die Weltwirtschaft.

Wer interessiert sich alles für das All?

Unzählige Akteure. Die Versicherungsindustrie hat ein Interesse an einem möglichst guten Katastrophenschutz. Die Landwirtschaft hat ein Interesse an möglichst genauen Daten zu ihren Feldern, Niederschlägen und Vorhersagen. Die Finanzbranche ist ebenfalls vom All abhängig.

Warum?

Finanztransaktionen brauchen eine global gültige Zeitmessung. Hier in der Sternwarte sind wir 42 Meter über Boden. Je höher, desto schneller ticken die Uhren. Damit weltweit alle Systeme synchron laufen, brauchen wir Satelliten als Taktgeber. Ohne das Signal der Satelliten-Atomuhren könnten Banken nicht beweisen, welche Transaktion zuerst stattgefunden hat. Dafür braucht es präzise Technologie – und da hat die Uhrennation Schweiz von Haus aus ein riesiges Know-how.

Okay, aber ich bin weder in der Versicherungsbranche noch Bäuerin oder Bankerin. Was hat das All mit mir zu tun?

Tragen Sie manchmal eine Brille?

Nein.

Eine Sonnenbrille?

Das schon, ja.

Kratzfeste Gläser wurden für das Visier von Astronautenhelmen entwickelt. Noch ein Beispiel: Die Technologie, dank der wir optische Störungen herausfiltern, um andere Planeten scharf sehen zu können, wird bei MRIs und CTs eingesetzt – damit wir erkennen, was im Körper passiert.

Unser Körper wird durchleuchtet wie eine fremde Galaxie.

Es gibt viele solcher Beispiele. Wir auf der Erde profitieren davon, was einst für den Weltraum erfunden wurde. Den Akkubohrer gibt es auch nur, weil er ein Bedürfnis der Astronauten erfüllte. Es gibt ja keine Steckdosen auf dem Mond.

Wird es irgendwann einen Krieg geben um die Vorherrschaft im All?

Ich hoffe es nicht, aber es ist denkbar. Der Wettbewerb spielt eine grosse Rolle. Heute liefern sich die USA und China ein Rennen, wer zuerst wieder auf dem Mond landet. Und 2007 hat China einen eigenen Satelliten zerstört. Um zu zeigen, dass sie das theoretisch auch mit anderen Satelliten tun könnten.

Zurück zur friedlichen Forschung: Kann die Schweiz eine wichtige Rolle spielen?

Wir sind prädestiniert dafür, eine führende Rolle einzunehmen. Bei den Erfindungen und der Technologie ist die Schweiz top. Doch bei der Kommerzialisierung gibt es Luft nach oben. Auch beim Grossdenken und Hinfallen.

Was meinen Sie damit?

In den USA findet es ein Investor positiv, wenn ein Unternehmer schon einmal gescheitert ist. Er denkt sich: Das Lehrgeld hat jemand anders bezahlt, und der Unternehmer hat etwas Wichtiges gelernt. In der Schweiz ist die Angst vor dem Scheitern grösser. Was mich übrigens fasziniert an dieser Branche: Wie viele Berufsgruppen zusammenarbeiten. Es braucht nicht nur Physiker.

Sondern?

Polymechaniker, IT-Fachkräfte oder Elektronikerinnen. Und auch Brückenbauerinnen zur Wirtschaft wie mich. Man denkt oft, das Weltall ist weit weg und geht uns nichts an. Aber die internationale Raumstation ISS ist rund 400 Kilometer über uns. Das ist etwa gleich weit, wie wenn Sie mit dem Auto von St. Moritz nach Genf fahren. Also: Das All ist uns näher, als wir denken.

Nicole Herzog

Die Baslerin Nicole Herzog (53) studierte Jura, bevor sie 2001 ein Unternehmen für HR-Software mitgründete. Heute investiert sie als Business Angel selbst in Start-ups. Gemeinsam mit dem ehemaligen Nasa-Forschungschef Thomas Zurbuchen setzt sie sich für die Weltraumwirtschaft ein. Herzog wohnt in Zürich.

Lynn Scheurer von Schweizer Illustrierte
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Von Lynn Scheurer am 3. Januar 2026 - 18:00 Uhr