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Corona-Betroffene erhzählen

«Wir hatten noch Träume»

Sie wollten ihren Lebensabend geniessen. Doch nun müssen Elisabeth und Hans Burkhalter allein einen Schicksalsschlag meistern – das Coronavirus trennt sie.

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Besuche sind nicht erlaubt: Elisabeth Burkhalter darf ihren Mann Hans, der einen Hirnschlag erlitt, nur auf Distanz sehen.

Kurt Reichenbach

Wenn Elisabeth Burkhalter, 75, zu Hause in Sigriswil BE aus dem Fens- ter schaut, sieht sie auf der anderen Strassenseite das Altersheim, in dem ihr Mann Hans, 77, lebt. Nur wenige Meter trennen das Ehepaar, trotzdem waren sie seit fünf Jahrzehnten noch nie so weit voneinander entfernt.

Anfang Oktober letzten Jahres gehen Elisabeth und Hans Burkhalter an einem Dienstagabend wie gewöhnlich ins Bett. «Am nächsten Morgen ist mein Mann nicht um sieben Uhr aufgestanden – wie sonst immer. Darum habe ich einfach noch eine Stun- de weitergeschlafen. Aber das war ein Fehler», sagt Elisabeth. Als sie Hans wecken will, bewegt er sich nicht, seine Augen bleiben zu. «Mir fiel auf, dass sein linker Mundwinkel runterhing; da wusste ich, dass er in der Nacht einen Hirnschlag hatte.» Der Helikopter fliegt ihn nach Bern ins Inselspital. «Am Freitag zuvor hatten wir noch unsere goldene Hochzeit gefeiert, 50 Jahre Ehe.»

Gemeinsam führten sie eine Gärtnerei 

Nach dem Schlaganfall kann Hans Burkhalter weder reden noch laufen und auch nicht schlucken. Er bekommt eine Magensonde. In der Therapie lernt er langsam, wieder zu essen. «Ich gab ihm die pürierten Mahlzeiten, und manchmal konnte er auch mit dem Stock wenige Schritte gehen.»

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Hans und Elisabeth Burkhalter führten fast 50 Jahre lang eine Gärtnerei, die sie zusammen aufbauten, sie zogen drei Töchter gross und sind stolze dreifache Grosseltern. Beide waren fit. «Wir hatten noch Träume, wollten unseren Lebensabend gemeinsam geniessen und so gerne noch die eine oder andere Flussfahrt machen», sagt Elisabeth.

Sicherheitsabstand über Absperrzaun

Hans Burkhalter kommt Anfang Jahr wieder zurück nach Sigriswil, ins Altersheim auf der anderen Strassenseite seines Daheims. Seine Frau besucht ihn jeden Tag, redet mit ihm. Langsam gehts bergauf. Doch das Coronavirus macht ihnen einen Strich durch die Rechnung: Nach dem Lockdown sind Ergo- und Physiotherapie nicht mehr möglich. «Ich habe Angst, dass er wieder verlernt, was er sich in den letzten Wochen hart erarbeitet hat», sagt Elisabeth Burkhalter.

Das Altersheim schliesst aus Sicherheitsgründen seine Türen für Besucher. «Jeden Morgen bringe ich die Zeitung rüber, die jemand vom Heim meinem Mann weitergibt. Am Nachmittag schieben sie seinen Rollstuhl raus.» Elisabeth und Hans können dann – mit einem Sicherheitsabstand über einen Absperrzaun – ein paar Minuten mit-einander reden. Manchmal bringt sie ihrem Ehemann Schoggi mit. «Die hat er gern.» Wie die Zukunft aussieht, ist ungewiss. «Einmal mit Hans auf der Donau fahren, das wäre schön.»

Von Silvana Degonda am 18.04.2020
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