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Johan Djourous Kinder erfahren Rassismus

«Wir sagen den Kindern hundertmal, wie schön sie sind»

Erst der Rauswurf beim FC Sion, dann der Vorwurf, raffgierig zu sein. Fussballstar Johan Djourou macht einiges durch. Trotzdem beschäftigen ihn die rassistischen Vorfälle in den USA fast noch mehr. Nur schon wegen seiner Töchter.

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Zu Hause mit seinen Liebsten: Djourou und Ehefrau Emilie in Genf mit den Töchtern Julia, Alyani und Lou (v. l.).

Blaise Kormann

Eigentlich wäre alles wieder gut für Johan Djourou, 33. Nach einer Zeit der Ungewissheit trainiert der frühere Fussball-Internationale seit einigen Tagen bei Neuchâtel Xamax. Begonnen hat er die Saison noch beim FC Sion. «Ich bin glücklich, in Neuenburg wieder unbelastet meinem Beruf nachgehen zu können.» Die Chancen stehen gut, dass er ab dem Super-League-Restart in einer Woche für die restlichen Matchs seines neuen Klubs spielberechtigt ist, weil sein Abgang aus dem Wallis Corona-bedingt war.

Weit weg das Getöse um die Trennung von Djourou und dem FC Sion. «Ich bin wie befreit und habe auch keine Ressentiments gegenüber Christian Constantin.» Der streitbare Sion-Präsident fordert Mitte März von allen Spielern sehr kurzfristig per Whatsapp das Einverständnis zur Kurzarbeit ein. Djourou gehört zu jenen, die nicht einlenken. Die Folge: Der Innenverteidiger erhält die fristlose Kündigung. Und muss sich fortan den Vorwurf anhören, ein geldgieriger Abzocker zu sein. Dagegen wehrt er sich: «Es ging überhaupt nicht ums Geld. Ich verdiente in Sion 7500 Franken, weit weniger als das Kurzarbeits-Maximum von 12 500 Franken. Mir ging es einzig um das Vorgehen des Klubs und die Solidarität unter den Spielern.»

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Kein klärendes Gespräch

Damit meint der frühere Profi von Arsenal London und dem Hamburger SV, dass viele ausländische Teamkollegen überhaupt nicht verstanden haben, worum es in Constantins ultimativer Aufforderung ging, und sich übertölpelt fühlten. Niemand von der Klubführung habe das direkte klärende Gespräch mit den kickenden Angestellten gesucht. In den Medien geht ein Kesseltreiben los gegen Djourou. Typisch geldgieriger Fussballer ohne Charakter und Loyalität, heisst es. «Das hat mich besonders für meine Eltern getroffen, die brutal litten unter den öffentlichen Vorwürfen gegen ihren Sohn. Ich bin alles andere als ein Fussball-Söldner.»

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86 Spiele für Arsenal, 94 für Hamburg. Nun macht sich Johan Djourou für die Fortsetzung seiner grossen Karriere bei Xamax fit.

Blaise Kormann

«Unsere Töchter sind verwirrt»

Tempi passati. Neuer Klub, neues Glück. Ehefrau Emilie, 33, und die drei Töchter Lou, 10, Alyani, 8, und Julia, 5, wohnen zwar wegen der Schulpflicht der Kinder weiter in Genf, er in Neuenburg. Doch das war schon zu Johans Sion-Zeiten so, als der Fussballer eine Wohnung in Crans-Montana hatte, aber in jeder freien Minute zu seinen Liebsten fuhr. Derzeit ist das dringender nötig denn je: Bei den Djourous besteht aktuell viel Gesprächsbedarf. Die Töchter stellen drängende Fragen, seit sie im Fernsehen die unfassbaren Bilder der Tötung George Floyds durch einen Polizisten in Minneapolis und die darauffolgenden Ausschreitungen gesehen haben. «Papa, war der Mann böse, dass ihn der Polizist getötet hat?», wollen sie wissen. Oder «Maman, warum tragen all diese vielen Leute Plakate umher und schreien andere an?»

«Papa, war der Mann böse, dass ihn der Polizist getötet hat?»

Es ist durchs Telefon spürbar, wie sehr das den gebürtigen Ivorer Djourou aufwühlt. «Unsere Töchter sind verwirrt, sie haben Angst, wenn sie die Bilder sehen. Emilie und ich sind als Eltern gefordert, kindgerechte Erklärungen zu finden.»

«Rassismus gibt es, wo es Menschen hat»

Die Vorfälle in den USA haben Johan Djourou selbst zwar auch tief geschockt. «Aber überrascht haben sie mich nicht nach jenem Fall einige Zeit vor Floyd, als ein farbiger Jogger auf offener Strasse erschossen wurde, ohne dass jemand zur Rechenschaft gezogen wird. Es zeigt, dass der Rassismus in den USA nicht das Problem einzelner Wirrköpfe ist, sondern das eines des ganzen Systems.» Der politisch interessierte Fussballer geht noch weiter: «Ich glaube nicht, dass Floyds Tötung ein Unfall war. Vielmehr hat sie eine Logik: Die Farbigen im Land haben die viel schlechtere Bildung als die Weissen und werden entsprechend durch die Gesellschaft gering geschätzt. Es ist die Normalität, dass man den Afroamerikanern diese ‹ererbte› Minderwertigkeit in jeder möglichen Hinsicht zu spüren gibt. Konsequenzen hat man dafür ja kaum zu befürchten.»

Johan Djourou, der als Einjähriger aus Abidjan in der Elfenbeinküste mit seinem afrikanischen Vater und der weissen Adoptivmutter in die Schweiz gekommen ist, mag allerdings nicht nur mit dem Finger auf die USA zeigen. «Rassismus gibt es, wo es Menschen hat. Auch bei uns in der Schweiz. Ich habe einige farbige Kollegen, die hier schon Opfer rassistischer Angriffe wurden, etwa bei willkürlichen Polizeikontrollen.» Als Beispiel nennt Johan Djourou auch Schikanen für dunkelhäutige Personen bei Job- oder Wohnungssuche. «Dass ich selbst noch nie direkt betroffen war, hat sicher damit zu tun, dass ich schon sehr jung nach England ging und als Fussballer bereits eine gewisse Popularität hatte, als ich zurückkam. Was es natürlich nicht besser macht, dass man als Prominenter einen gewissen Schutz hat.»

«Man darf ihnen ihr Urvertrauen nicht nehmen»

Er selbst, sagt Djourou, habe als Kind überhaupt nicht wahrgenommen, dass er anders aussehe, weil er von seinen Freunden auf der Strasse in keinem Moment anders behandelt worden sei als alle anderen. Seine Töchter hingegen haben schon unmittelbar unter ihrer Hautfarbe gelitten: «Lou kam einmal weinend nach Hause. Sie war in der Schule wegen ihrer schwarzen Kraushaare ausgelacht worden und fragte uns, wieso sie nicht auch glatte, helle Haare und helle Haut haben könne wie all die schönen Frauen in den Magazinen.» Wie gibt man einem Kind vernünftige Antworten auf solche Fragen? «Emilie und ich sagen unseren Kindern hundertmal, wie schön sie sind, wie einzigartig. Aber von aussen bekommen sie ein ganz anderes Ideal vermittelt, wie man aussehen sollte.»

So kämpft Fussballer Johan Djourou nicht nur um Bälle auf dem Platz, sondern auch um das Selbstwertgefühl seiner Töchter. Wenn sie nicht verstehen, weshalb ein Polizist einen anderen Menschen wegen dessen Hautfarbe ums Leben bringt, statt ihm zu helfen, kommt ein Vater um harte Realitäten nicht herum. «Ich muss ihnen erklären, was das mit der Hautfarbe zu tun hat, die sie auch haben. Und darf ihnen gleichzeitig ihr Urvertrauen nicht nehmen.»

«Von aussen bekommen unsere Kinder ein ganz anderes Ideal vermittelt, wie man aussehen sollte»

Ehrlich miteinander reden, für die Bedürfnisse des anderen offen sein – das steht für Johan Djourou am Anfang eines guten Zusammenlebens. Genau weil eine gute Kommunikation fehlte, gab es für den 72-fachen Schweizer Internationalen kein anständiges Ende seines Engagements beim FC Sion.

Djourou hat sowohl zu seiner leiblichen afrikanischen Mutter wie auch zu seiner Schweizer Adoptivmutter ein enges Verhältnis. Spricht er von ihnen, sagt er «meine beiden Mamans». Klar, dass für ihn bei dieser familiären Konstellation jede Form von rassistischem Denken absolut nicht nachvollziehbar ist. Und so kniet er im Gedenken an George Floyd und alle Opfer von Rassismus zwar ebenfalls mit den Teamkollegen fürs Foto nieder. Aber eigentlich ist für Johan Djourou die wichtigste Geste, seine Töchter schützend in die Arme zu schliessen.

Mitarbeit: Aurélie Jacquet/L'Illustré

Von Iso Niedermann am 19.06.2020
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